Interview„Niemand weiß, wie die Arbeitswelt in 20 Jahren aussieht“

Armin Grunwald
Armin Grunwald ist Physiker und Philosoph. Eines seiner Forschungsgebiete ist die Wechselwirkung zwischen dem Menschen und der Digitalisierung.


Geht es um die Folgen von technischem Fortschritt für Wirtschaft und Gesellschaft, zählt Armin Grunwald zu den führenden Experten in Deutschland. Der Physiker und Philosoph ist Inhaber des Lehrstuhls für Technikphilosophie und Technikethik an der Universität Karlsruhe. Er leitet zudem das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag. Sein neuestes Buch „Der unterlegene Mensch“ wirft einen Blick auf die Digitalisierung und unser Verhältnis zu ihr.


Prof. Grunwald, wir leben in einer Zeit großer technischer Sprünge. Was macht eine solche Ära des Fortschritts mit den Menschen und der Gesellschaft?

Wir fühlen den rasanten Fortschritt als Gesellschaft, weil er uns als ganze Gesellschaft berührt. Wenn man allerdings in die Geschichte schaut, ist dieses Phänomen nicht ganz neu. Ein Unterschied besteht in der Globalisierung. Bei Vielen führen die globalen Ausmaße zu einer Verunsicherung; die neuen Freiheiten sind eben auch der Verlust alter Sicherheiten.

Sind Sie denn der Meinung, dass der technische Fortschritt reguliert werden sollte?

Das wird er sowieso. Nichts findet in einem völlig freien Raum statt. Wir haben Sicherheitsstandards, wir haben Umweltstandards und es gibt die „sanfte Regulierung“.

Was meinen Sie damit?

Manche Forschungsprojekte werden stark gefördert – auch mit öffentlichen Geldern – andere eben nicht. Da übt die öffentliche Hand bereits Einfluss aus. Die Regulierung sollte aber nicht übertrieben werden. Die Freiheit neue Dinge auszuprobieren und daraus Innovation zu formen, ist eine Quelle die Wohlstand und Sicherheit unserer Gesellschaft speist.

Gibt es eine technologische Entwicklung, die Sie besonders kritisch sehen?

Nicht unbedingt. Ich beschäftige mich mit allen Seiten der Digitalisierung inklusive der dunklen. Unwillkommene Nebenfolgen gibt es im Allgemeinen bei der Technik aber fast immer. Das bereitet mir keine grundsätzlichen Sorgen. Ich sehe eher die vielen Vorteile in der Wirtschaft, der Kommunikation, dem Lebensstil. Wir müssen nur darauf achten, nichts „anbrennen“ zu lassen.

Gibt es denn in der Zukunft überhaupt eine Alternative zur Digitalisierung?

Nein. Wir können das Internet nicht mehr abstellen, weil dann die Weltwirtschaft zusammenbrechen und unsere Kommunikation nicht mehr richtig funktionieren würde. In Ballungsgebieten käme es wahrscheinlich sogar schnell zu Problemen mit der Nahrungsmittelversorgung. Die Logistikketten würden zusammenbrechen. Wir müssen mit der Digitalisierung leben und sie gestalten, das ist keine Ja-Nein Frage mehr.