Interview„Der Umbau der Arbeitswelt braucht noch 15 Jahre“

Peter Wippermann
Peter WippermannPhilipp Ledenyi / Uwe Mühlhäusser (CC BY-SA 4.0)


Das Karriere-Netzwerk Xing hat zu seinem 15. Geburtstag gemeinsam mit dem Trendforscher Peter Wippermann in einer Studie die wichtigsten Trends zur Arbeit von morgen formuliert – und dazu mehr als 1400 XING-Mitglieder und über 170 HR-Experten in Unternehmen befragt. Über die Ergebnisse des „New Work Trendbooks“ und seine Visionen für die Arbeitswelt von morgen, hat Capital mit Peter Wippermann gesprochen:


Capital: Eine Frage zum Warmwerden für Sie als Zukunftsforscher gleich zu Anfang: Von welchem relevanten neuen Trend haben vermutlich die wenigsten gehört, sollten es aber unbedingt?

PETER WIPPERMANN: Unsere Wohnungen und Arbeitsplätze werden zu „Smart Spaces“, Räume, in denen wir physisch und digital permanent vernetzt sind. Wir sprechen mit Computern und sie mit uns. Sie erinnern uns und wissen vor uns, was wir wollen. Maschinen erkennen uns am Gesicht, Sensoren reagieren auf unsere Bewegungen. Maschinen tauschen mit Maschinen Informationen aus und agieren selbständig. Künstliche Intelligenz wird diese Prozesse steuern. Wir leben und arbeiten also zukünftig in einer freundlichen Matrix.

In punkto große Trends reden alle über Blockchain und AI – wie viel Hype einerseits und wieviel Substanz andererseits steckt wirklich in beiden Themen?

Blockchain hat den Hype-Zyklus hinter sich und wird vor allem in der Finanzwelt, der Logistik und Lebensmittelsicherheit eingesetzt. Der Verwaltungsaufwand wird reduziert, Vertrauen automatisiert. In der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz stehen wir noch am Anfang, können uns aber auf eine rasante Entwicklung einstellen. Sie wird sich bis Mitte des nächsten Jahrzehnts voll beschleunigt haben, durch den Einsatz von Quantenrechnern neue Dimensionen erhalten. Die Grenzen des Einsatzes Künstlicher Intelligenz werden dann zur ethischen Herausforderung.

Die Szenarien bei AI reichen von einer radikalen Umwälzung der Arbeitswelt, von massiven Jobverlusten bis hin zur Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens. Was ist Ihr Szenario?

Künstliche Intelligenz wird die Arbeitswelt in den nächsten 15 bis 20 Jahren rasant verändern. Ein Beispiel wäre hier die Verbreitung autonom fahrender Autos. Mobilität wird im privaten, öffentlichen und gewerblichen Verkehr automatisiert. Viele traditionelle Arbeitsplätze werden verschwinden, neue Services werden möglich. Eine Zuwendungsindustrie wird entstehen. Aber das braucht mehr Zeit, als die Weiterentwicklung Künstlicher Intelligenz vorgibt. Die Herausforderungen liegen also in der Transitphase von der Arbeitswelt der Industriekultur zur Netzökonomie. Viele Arbeitnehmer können sich nicht so schnell anpassen. Das lässt soziale Spannungen wahrscheinlich werden. Deshalb ist es in diesen Jahrzehnten politisch und wirtschaftlich sinnvoll, ein Grundeinkommen zur sozialen Absicherung einzuführen. Wir sehen bereits jetzt die Bereitschaft für ein solches System in der Bevölkerung: Unsere Studie mit Xing hat ergeben, dass mehr als jeder Zweite das bedingungslose Grundeinkommen befürwortet.

Sie sprechen in diesem Kontext von der Notwendigkeit eines „Neuen sozialen Betriebssystems“. Was meinen Sie damit genau?

Die staatlichen Einnahmen beruhen vor allem auf der Besteuerung der menschlichen Arbeitskraft. Das wird durch die technologische Entwicklung obsolet. Bill Gates hat schon vorgeschlagen, Maschinen statt Menschen zu besteuern. Wie auch immer das Steuermodell der Zukunft aussehen wird, die Neuverteilung von staatlicher und privater sozialer Absicherung wird eine zentrale Aufgabe von Politik und Wirtschaft werden. Der demografische Wandel macht ein neues soziales Betriebssystem noch dringlicher. Denn laut Generationenvertrag müssen künftig weniger Junge mehr Alte versorgen.

Wie wichtig eine Art „digitale Ethik“ in Zukunft sein?

„Digital Ethics“ werden aktuell vor allem im Zusammenhang mit dem Recht auf Privatsphäre diskutiert. Das wird nur der Anfang sein, denn die Fragen gewinnen mit dem rasanten technischen Fortschritt an Komplexität: Wem gehören die Baupläne des Körpers, wenn die Erhebung von Gendaten bei der Geburt eines Menschen zum Alltag wird? IBM hat ein solches Projekt bereits angekündigt. Digitale Assistenten werden uns künftig nicht nur persönlich durch den Tag begleiten, sondern leiten. Wie stark dürfen Serviceprovider mithilfe Künstlicher Intelligenz Menschen beeinflussen? Welche Rechte habe ich als Arbeitnehmer oder Arbeitgeber? Hier gibt es viele offene Fragen – 56 Prozent der in unserer Trendstudie Befragten fühlen sich derzeit über die Chancen und Herausforderungen dieser technischen Entwicklungen nicht gut informiert.

Und wo stehen wir derzeit bei der Entwicklung ebensolcher?

Die europäische Datenschutzgrundverordnung ist der aktuelle Versuch, ethische Grenzen in die virtuelle Welt zu ziehen.