Interview„Deutschland braucht einen überzeugenden Zukunftsentwurf“

Qualitätskontrolle per Roboterarm. Die Digitalisierung wälzt die Produktion um
Qualitätskontrolle per Roboterarm. Die Digitalisierung wälzt die Produktion um Getty Images

Capital: Herr Bloching, eine ganz grundsätzliche Frage zum Start: Wo steht die deutsche Wirtschaft in puncto digitale Transformation?

Björn Bloching ist Digitalchef bei Roland Berger
Björn Bloching ist Digitalchef bei Roland Berger

BJÖRN BLOCHING: Wenn es um Hardware geht, dann stehen wir weltweit immer noch gut da – wenn ich beispielsweise die deutschen Autohersteller mit asiatischen Anbietern vergleiche oder die Werkzeugmaschinen-Hersteller mit der globalen Konkurrenz.

Und jenseits der Hardware?

Wenn man sich anschaut, woher die Wertschöpfung in den letzten zehn Jahren auf den globalen Technologiemärkten herkam, dann war fast alles hochskalierbar, mit den entsprechenden exponentiellen Wachstumsraten. Da stellt sich nun die große Frage: Kommen wir in eine Zeit, in der die Plattformen komplett das Zepter in die Hand nehmen? Und die anderen Anbieter, egal wie gut ihre digitalen Angebote oder Interfaces dann sein mögen, letztendlich Produkte auf diesen Plattformen sein werden? Oder wird es immer noch eine massive Wertschöpfung aus der Hardware geben?

Kann man diese Frage denn überhaupt branchenübergreifend beantworten? Es gibt ja durchaus einzelne Branchen, wo die so genannten Plattformen noch nicht so brutal disruptiv wirken. Allein schon im Maschinenbau – da gibt es Bereiche, wo die Deutschen durchaus globale digitale Standards mitprägen. Und der deutsche Mittelstand ist ja oft in sehr nischigen Bereichen unterwegs…

Und deswegen glaube ich auch nicht, dass es für uns zu spät ist. Schon allein aufgrund der Qualität und der Art und Weise wie wir arbeiten. Denn in der Hardware ist der Kurs nicht so exponentiell, wie er eben in der Software ist.

Dennoch gibt es Branchen, wo die deutsche Industrie mächtig unter Druck steht…

Wenn Sie die Autoindustrie als Beispiel nehmen: Hier glaube ich nicht, dass der Umstieg auf die Elektromobilität, also eine neue Hardware, das eigentliche Problem sein wird. Sondern die Kombination aus einem spätestens ab 2030 bestenfalls stagnierenden Weltmarkt und der bereits viel früher einsetzenden Shared Mobility. Denn mit Shared Mobility wird die Bedeutung des heute unstrittigen Premiums der deutschen Hersteller unter Druck geraten. In Summe sind das bereits ab dem nächsten Jahrzehnt keine perfekten Aussichten.

Und sie tun ja deswegen auch jetzt schon was. Wäre nur die Frage: Tun sie genug?

Da würde ich eine Gegenfrage stellen. Warum zum Beispiel arbeiten die deutschen Autohersteller parallel zueinander am autonomen Fahren, anstatt sich auf eine Technologie zu einigen? Denn irgendwann wird ein Regulator sowieso vorgeben, wie autonomes Fahren in einem Land oder einer Region auszusehen hat. Die Möglichkeiten, sich innerhalb dieses Rahmens zu differenzieren, werden nur gering sein. Warum arbeitet man dann nicht gemeinsam mit Mitteln, die vielleicht in Summe genauso hoch sind, wie das, was die Konkurrenz aus dem Silicon Valley hineinsteckt und setzt damit möglicherweise auch die Standards?

Warum also?

Vermutlich, weil die bisherige, sehr eigenständige Arbeitsweise jedes einzelnen Konzerns sehr erfolgreich war. Aber mit Aktivitäten wie HERE fangen die deutschen Hersteller glücklicherweise an, grundlegend anders zu kooperieren.