Interview„Wir müssen das Tempo des Fortschritts beschleunigen“

Tyler Cowen
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Der Ökonom Tyler Cowen hat sich international einen Namen durch sein Werk „The Great Stagnation“ gemacht. Seine These: Amerika habe in der jüngeren Vergangenheit seine Innovationskraft verloren und – entgegen allem Anschein durch Start-up-Boom und Digitalisierung – ein „technologisches Plateau“ erreicht. Die Folge sei eine ökonomische und letztlich auch politische Malaise in Amerika. Die 2011 veröffentlichte Arbeit löste eine breite Debatte in den USA aus und machte Cowen berühmt, Bloomberg Businessweek bezeichnete ihn damals als „America’s hottest economist“.

Im Sommer dieses Jahres hat Cowen nun ein ungewöhnliches neues Projekt gestartet: Einen Fonds für sozialen Wandel – mit dem er den Fortschritt beschleunigen will. Die Kernidee: Es können sich risikofreudige Menschen mit Ideen bewerben, die sonst vielleicht keine Finanzierung bekämen und helfen, „die Gesellschaft zu verbessern“, wie es in der Beschreibung des Fonds heißt. Einer der Geldgeber zum Start des Projekts ist der bekannte deutschstämmige Silicon Valley Investor Peter Thiel. Capital sprach mit Cowen über das Projekt


Capital: Sie haben kürzlich Ihr neues, recht ungewöhnliches Projekt angekündigt: den Fonds Emergent Ventures. Erklären Sie uns doch bitte kurz, worum es dabei geht.

TYLER COWEN: Betrachten Sie das Projekt als einen Versuch, Philanthropie zu entbürokratisieren. Wir unterstützen Projekte, die zu seltsam, zu klein, zu fremdartig oder zu … was auch immer sind für große Stiftungen. Ich lese dabei jede Bewerbung für das Programm persönlich, die Bewerbungen werden zudem sehr kurz gehalten. Ich treffe die Entscheidungen mit Unterstützung anderer Gutachter und meiner Kollegen bei Mercatus (Anm. der Redaktion: das Mercatus-Institut an der George Mason University). Wir haben keine fixen Betriebskosten, keine komplizierten Genehmigungsschritte, kein Personal, das versorgt werden muss. Jeder einzelne Dollar, der Emergent Ventures gespendet wird, geht an die Empfänger. Wir suchen nach Projekten, die einen Beitrag leisten, die Freiheit zu stärken und menschliches Potenzial zu realisieren – und das verstehen wir bewusst relativ weit gefasst.

In der offiziellen Beschreibung von Emergent Ventures heißt es, Sie wollen „positiven sozialen Wandel“ fördern. Wie definiert man denn eine „sinnvolle Verbesserung der Gesellschaft“?

Wir wissen es, wenn wir es sehen. Und die Fortschritte, die seit Anfang des 20. Jahrhunderts gemacht wurden, waren einfach gewaltig. Wir müssen das Tempo des Fortschritts wieder beschleunigen und Dinge in Ordnung bringen, die mit vielen Probleme behaftet – zum Beispiel schlechte Regierungsführung, Terrorismus oder ungleiche Chancen.

Was sind aus Ihrer Sicht denn derzeit die dringendsten Bereiche für „positiven sozialen Wandel“?

Bildung, Gesundheitsversorgung, Infrastrukturverbesserung, bessere Regierungsführung und allgemeine Armutsbekämpfung auf der ganzen Welt. Bessere Arbeitsplätze für die Menschen und liebevollere Familien. Weniger Einsamkeit und engere soziale Bindungen.

Inwieweit handelt es sich um einen politischen Fonds?

Es ist kein politischer Fonds. Wir haben bereits sieben Personen unterstützt, und nur in einem Fall weiß ich überhaupt, welche politische Zugehörigkeit die Person hat. Unsere Bedingungen ist, dass die Projekte auf die Realisierung von Chancen und menschlichen Potenzialen ausgerichtet sein müssen.

Der Fonds wurde unter anderem mit einem Zuschuss in Höhe von einer Million Dollar der Thiel Foundation gelauncht. Wird Peter Thiel eine aktive Rolle bei Emergent Ventures spielen?

Nein, er hat eine erste Unterstützung zugesagt, sie davon abhängig gemacht, dass wir mehr Geld einsammeln. Er spielt aber keine Rolle im Entscheidungsprozess.

Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen? Gab es dafür einen entscheidenden Auslöser?

Die Idee kam mir, als ich mit Leuten aus der Tech-Welt und der Bay Area zusammensaß – und dachte, Philanthropie sollte – zumindest in einigen Fällen – etwas mehr wie Risikokapital sein.

Die Idee ist also, der Wissenschaft etwas mehr Silicon Valley einzuhauchen…

Das ist genau richtig. Die Wissenschaft ist zu risikoscheu geworden. Und viele Metriken zeigen, dass die Wissenschaft insgesamt langsamer vorankommt als früher. Es gibt zu viele Zustimmungsschleifen im Prozess. Und was ich mit Emergent Ventures versuche, unterscheidet sich in der Tat nicht so sehr davon, wie Philanthropie und Wissenschaft Anfang des 20. Jahrhunderts in Amerika betrieben wurden, einer Ära großen Fortschritts.

Es ist ein gängiger Vorwurf, dass die Wissenschaft zu sehr im Elfenbeinturm lebt, zu selten reale Probleme löst. Warum mangelt es generell an Anreizen für mehr Risiko in der Wissenschaft?

Sobald Wissenschaftler eine Festanstellung bekommen, ändert sich ihr Forschungsverhalten nicht wirklich. Doch der ursprüngliche Grund für die Festanstellung war ja, den Menschen eine Absicherung zu geben, eben gerade um riskante Forschungsprogramme zu verfolgen. Was wir stattdessen haben, ist eine Überspezialisierung. Unsere Universitäten gehören zu den intellektuell risikoaversesten Orten im Land. Viele Menschen in den Geistes- und Sozialwissenschaften haben einfach Angst, ihre Meinung zu sagen. Es ist an der Zeit sich einzugestehen, dass die derzeitige Form des Systems kaputt ist.

Sie selbst haben sich einen Namen als Professor und Wissenschaftler gemacht. Werden Sie nun künftig mehr zu einem Investor und mit diesen Fonds auch Geld verdienen?

Wir haben nicht vor, uns an den von uns unterstützten Unternehmen zu beteiligen, aber in einigen Fällen werden wir den Leuten helfen, anderswo eine gewinnorientierte Risikokapitalunterstützung zu erhalten.

Kommen wir noch einmal zum breiteren gesellschaftlichen Kontext. Der Populismus nimmt in Europa und den USA zu – mitunter weil viele Menschen das Gefühl haben, die Politik sei nicht mehr in der Lage, die enormen Probleme in der Welt zu lösen. Sollen Fonds wie Ihrer ein alternatives Instrument sein und die Politik „disrupten“?

Ich weiß immer nicht so genau, was die Leute mit dem Begriff Populismus meinen. Ich würde sagen, wir unterstützen einige Vorschläge, die versuchen, die Qualität der Regierungsführung zu verbessern. Ich halte das für eines der wichtigsten Themen weltweit. In anderen Fällen muss hingegen der Privatsektor vielleicht Aufgaben übernehmen, wenn der öffentliche Sektor versagt. Zum Beispiel in einigen Fragen der Armutsbekämpfung.

In Ihrem bekannten Werk „The Great Stagnation“ haben Sie beklagt, dass die Innovationskraft in Amerika nachgelassen habe – und dass ein Weg zur Besserung darin bestehe, den sozialen Status von Wissenschaftlern zu erhöhen. Ist dieser Fonds nun ein konsequenter Schritt in diese Richtung, quasi die problemlösungsorientierte Umsetzung Ihrer wissenschaftlichen Kritik?

Wir unterstützen den Fortschritt in der Wissenschaft, ja. Und eines unserer Stipendien wird einem Forscher helfen zu untersuchen, warum sich der Fortschritt in der Wissenschaft tatsächlich verlangsamt hat. Wir haben eine weitere sehr gute Bewerbung erhalten, für ein Buch über die Revitalisierung der Wissenschaft. Der Vorschlag schien noch nicht ganz ausgereift zu sein – aber ich hoffe, da wird etwas draus, womit wir arbeiten können. Ich betrachte die Wissenschaft also zweifellos als ein Thema von allerhöchster Bedeutung, auch für Emergent Ventures.