New WorkRaphael Gielgen: „Der Mensch braucht Verortung“

Raphael Gielgen, Head of Research bei Vitra
Raphael Gielgen, Head of Research bei VitraBureau N


Raphael Gielgen ist Head of Research beim Schweizer Design-Unternehmen Vitra.


 

Capital: Herr Gielgen, Sie sind auf der ganzen Welt unterwegs, um die neuesten Trends der Arbeitswelt aufzuspüren. Woran kommt man aktuell nicht vorbei?

RAPHAEL GIELGEN: Es gibt drei Trends, die mir in der letzten Zeit besonders ins Auge gestochen sind. Der erste ist eine neue Art des Humanismus. Junge Menschen können heute über 100 Jahre alt werden, sie haben daher ein ganz anderes Empfinden für Gesundheit. Das spiegeln sie dann auch auf ihren Arbeitsplatz und Arbeitgeber. Es ist ihnen wichtig, woher das Essen in der Kantine kommt, und welche Bemühungen der Arbeitgeber unternimmt, um die kognitiven Fähigkeiten seiner Arbeitnehmer zu steigern. Man kann sagen, die Architektur der Arbeit ist ein Gewächshaus, in dem Menschen gedeihen können.

Und die anderen Trends?

Der zweite Trend ist, dass der Mensch zwar per se nach Freiheit strebt, aber eben auch nach Zugehörigkeit. Deswegen ist es für Arbeitgeber wichtig, in den physischen Unternehmenssitz zu investieren, der die Bürogemeinschaft verortet. Und schließlich der dritte Trend: Transversalität. Die Gebäudearchitektur der Vergangenheit diente der Kontrolle, jetzt dreht es sich zur Freiheit, das heißt der Trend geht zu räumlicher Vielfalt und Büros, die nicht mehr aussehen wie Büros.

Sind diese Trends bei den Arbeitgebern schon angekommen?

Die meisten Manager und Unternehmer, die ich spreche, haben das auf dem Radar. Nur: Sie haben noch ganz viele andere Themen auf dem Radar. Da stellt sich die Frage: Womit fängt man an? Das Bewusstsein für das Thema Arbeitsplatzgestaltung ist da, aber die Dringlichkeit nicht.

Digitale Welt als ständig wechselnde Kulisse

Als Trendscout kommen Sie viel rum. Gibt es denn Länder, Regionen oder Branchen, in denen die Arbeitsplatzgestaltung höchste Priorität hat?

Es gibt Regionen, in denen diese Entwicklungen und Trends rasant vollzogen werden. Dazu gehört natürlich die Westküste der USA, an der Ostküste sind das New York und Boston, aber auch in Berlin, Singapur und teilweise in Shanghai passiert schon viel. Das sind alles so genannte „Knowledge Capitals“, also Orte, an denen die Generierung und Distribution von Wissen im Mittelpunkt steht. Dafür ist das Arbeitsumfeld eben entscheidend. Wenn Wissensgenerierung nicht das wichtigste ist, ist dementsprechend auch oft der Raum nicht so wichtig.

Ist nicht für den Arbeitsplatz der Zukunft das Internet der wichtigste „Einrichtungsgegenstand“?

Wenn ich 25 wäre, würde ich diese Frage vielleicht bejahen. Aber heute weiß ich, es gibt zwei Ebenen der Arbeit – die physische und die digitale. Die digitale Welt ist eine Kulisse, die sich ständig ändert. Dafür ist der Mensch aber nicht gemacht, er braucht Verortung. Nicht umsonst ist das beliebteste Reiseziel bei Airbnb seit Jahren immer wieder eine Hütte in der Natur.

Rebellen und Bewahrer sitzen nicht an einem Tisch

Viele Unternehmen lagern Mitarbeiter inzwischen in so genannte „Innovation Hubs“ und/oder Coworking Spaces aus. Steht das dieser Verortung nicht entgegen?

Ein Unternehmen lebt von Evolution und Revolution. Evolution bedeutet zum Beispiel, man baut ein Fahrzeugmodell nach dem anderen. Revolution bedeutet, dass man das bisherige Produkt komplett infrage stellt. Die Gleichzeitigkeit von Evolution und Revolution ist es, die Unternehmen heute zerreißt. Wie geht man damit um? Zuhause am Küchentisch würden Rebellen und Bewahrer auch nicht zusammen sitzen. Also lagert man die vermeintlichen Revolutionäre aus. Damit sie den „geschützten Bereich“ des Unternehmens verlassen und durch die Begegnung mit Externen über den Kontext der eigenen Institution hinaus denken.

Also eine innovative Entwicklung?

Genau, und sie wird noch weiter gehen. Ein Unternehmen, das heute ein Gebäude baut, wird diesen Freiraum direkt mit integrieren. Es gibt schon erste Protagonisten, die ihren neuen Unternehmenssitz genau so planen. Der öffentliche Raum wird in das Unternehmen integriert. Raum, der nicht permanent vom Unternehmen gefüllt wird, kann okkupiert werden. Zum Beispiel der Eingangsbereich – der könnte für die Öffentlichkeit einladend gestaltet werden mit Cafés, Ausstellungen oder jede Art von Co-Creation Formaten. Dann durchmischt sich die Öffentlichkeit mit den Mitarbeitern des Unternehmens, denn die müssen, um zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen mit der Öffentlichkeit interagieren. Damit wird ein großes Problem der Wissens- oder Kopfarbeit gelöst: dass sie nicht sichtbar ist. Mit Coworking-Spaces oder öffentlichen Räumen in Unternehmen wird die Arbeit sichtbar gemacht.

„Der Muskel der Potentialentfaltung ist untrainiert“

Was Sie erklären, mag für Unternehmen wie Amazon oder Yahoo gelten. In vielen deutschen Unternehmen kann man immer noch froh sein, überhaupt einen ergonomischen Stuhl vorzufinden. Warum ist vielen Arbeitgebern die Gestaltung der Arbeitsplätze nicht wichtig?

Das liegt daran, dass uns die Langzeitperspektive abhanden gekommen ist. Der Mensch ist im Wesen ein Entdecker, niemand wird geboren, damit er jeden Tag die gleiche Arbeit verrichtet. Trotzdem verstehen sich die meisten Organisationen darin, den Status Quo zu bewahren, oder das, was man ohnehin schon macht nur ein bisschen besser zu machen. Bildlich gesprochen könnte man sagen, der Muskel der Potentialentfaltung ist untrainiert.

Wie können wir ihn wieder fit machen?

In dem Moment, wo man merkt, dass man sich neu organisieren muss, spielt auch das Arbeitsumfeld eine Rolle. Die physische Architektur ist untrennbar von der Neuorganisation. Mittelständler haben das schon verinnerlicht, sie adaptieren sich schnell. Große Unternehmen brauchen mehr Elastizität. Dort schafft spätestens die Not Veränderung, aber darauf sollte man nicht warten.

Sie haben schon unzählige Büros auf der Welt gesehen. Was ist Ihre liebste Arbeitsumgebung?

Wenn ich konzentriert arbeiten muss, bin ich am liebsten zuhause in meinem Büro, wo ich zur Rechten aus dem Fenster auf eine Pferdekoppel blicke und zur Linken auf eine Regalwand mit circa 400 Büchern. Wenn ich inspiriert werden will, ist es mir lieber je fremder die Kultur um mich herum ist. Nächste Woche muss ich zum Beispiel nach Japan. Dann werde ich mich in Tokio in ein Café ans Fenster setzen und das Treiben beobachten. Und schließlich bin ich auch gerne in den Büroräumen von Vitra – ganz einfach weil ich die Zugehörigkeit zu meinen Kollegen schätze.