Interview„Es wird nicht 80 Jahre bis zur nächsten Krise dauern“

Barry Eichengreen
Barry EichengreenWikipedia

Capital: Herr Eichengreen, kurz nach dem Lehman-Crash sagten Sie in einem Interview, es werde sicher zehn Jahre brauchen, bis das regulative System für einen Crash besser gewappnet ist. Wo stehen wir heute, zehn Jahre später? Ist das System jetzt besser aufgestellt?

BARRY EICHENGREEN: Die Bankensysteme wurden ohne Frage gestärkt, so dass wir besser vorbereitet sind. Aber der Spielraum für wirtschaftspolitische Stabilisierungsmaßnahmen ist geringer. Die USA haben bereits all ihr fiskalpolitisches Pulver verschossen, vorzeitig und unangemessen. Die Zinsen sind immer noch niedrig und lassen wenig Spielraum für Senkungen. Der Kongress hat dem US-Einlagensicherungsfonds die Möglichkeit genommen, pauschale Garantien für Bankschulden auszustellen. Er hat die Befugnisse der Fed für Notfallkredite eingeschränkt und er hat dem Finanzministerium verboten, den Anlegern von Geldmarktfonds erneute Garantien zu geben.

Es gibt also weiterhin verwundbare Stellen …

Man muss sich nur anschauen, wie in den USA die Dinge wieder zurückgedreht werden – speziell wie die Bankenregulierung jetzt gelockert wird. Und wenn man dann noch bedenkt, dass der fiskalpolitische Spielraum ausgeschöpft ist, dann sind das Umstände die mir im Hinblick auf die nächste Krise oder einen Crash in den Vereinigten Staaten am meisten Sorgen bereiten.

Welche Probleme wurden seit Lehman gar nicht angegangen und warum?

Probleme auf den Derivatemärkten gibt es nach wie vor, obwohl anstelle von Collateralized Debt Obligations (Anm. d. Red.: besicherte Schuldverschreibungen) die Märkte nun Collateralized Loan Obligations (Anm. d. Red.: besicherte Darlehen) erschaffen und verbreiten. Die Abwicklung wurde auf zentrale Clearingstellen verlagert, die das Abwicklungsrisiko nicht eliminieren, sondern nur konzentrieren.

Wo liegen denn heute die größten Schwachstellen im Finanzsystem?

Hohe Bewertungen könnten durch einen Crash einbrechen und zu Fehleinschätzungen von institutionellen Investoren führen. Angesichts der beispiellosen Höhe der Verschuldungsquoten der Firmen könnte eine deutliche Wachstumsverlangsamung oder eine Rezession zu Unternehmenspleiten – und damit zu einer Belastung für institutionelle Investoren führen.

Einige Experten sagen heute, dass die USA damals besser auf die Lehman-Krise reagiert habe als die europäischen Regierungen. Stimmen Sie dem zu?

Auf kurze Sicht, ja. Die Fed hat schneller als die EZB begonnen, die Zinsen zu senken und ein Anleihenkaufprogramm zu starten. Die fiskalischen Impulse in den USA hatten im Vergleich zu Europa etwa das dreifache Volumen. Längerfristig gibt es jedoch Grund zur Sorge, dass die Regulierungsreform in den USA weniger nachhaltig sein wird, wie ich eben erläutert habe.

In Ihrem Buch „Die großen Crashs 1929 und 2008“ haben Sie detailliert die beiden Krisen verglichen. Wenn sich Geschichte wiederholt, wird es dann auch diesmal wieder mehrere Jahrzehnte dauern bis zum nächsten großen Crash?

Es dauerte ein Vierteljahrhundert und mehr nach der Weltwirtschaftskrise, bis Politiker und Regulierungsbehörden die Lehren aus dieser früheren Krise vergaßen und wieder damit begannen, die Regulierung zu lockern. Dieser Prozess scheint sich diesmal schneller zu vollziehen. Ich habe diese Erwartung in meinem Buch bereits geäußert. Mein Argument lautet: Weil das Schlimmste diesmal vermieden wurde – wir haben ja eine neue Weltwirtschaftskrise letztlich umschifft – dürften die Regulierungsreformen diesmal weniger gesichert sein. So wird es diesmal wohl nicht 80 Jahre bis zur nächsten Krise dauern.

Ein Fazit nach zehn Jahren: Was sind heute, mit etwas zeitlichem Abstand, Ihre zentralen wirtschaftlichen Lehren aus dem Lehman-Crash, Ihre wichtigsten Ratschläge für die Politik heute?

Es gibt immer die Tendenz, speziell Banken unmittelbar nach einer Krise schärfer zu regulieren. Und diese Maßnahmen werden dann zurückgedreht, wenn die Krise immer mehr in die Vergangenheit rückt. Wir können derzeit miterleben, wie sich genau diese Tendenz in den Vereinigten Staaten manifestiert. Mein Ratschlag ist daher ziemlich offensichtlich und lautet: Gib nicht nach, entspanne dich nicht, erlaube dir nicht zu glauben, dass es nicht wieder passieren kann!