GeldanlageWarum die Ruhe an den Aktienmärkten täuscht

Traders work at the New York Stock Exchange in New York, the United States, on Sept. 12, 2018. NIO Inc., a Chinese electric vehicle start-up, rang the New York Stock Exchange (NYSE) opening bell on Wednesday in celebration of its initial public offering (IPO).
Entspannte Mienen: An den Aktienmärkten wie hier in New York ist von Nervosität nichts zu spüren - Foto: dpadpa

Bald ist der letzte große Börsenknick Geschichte. Zehnjahresgeschichte, um genau zu sein. Denn vor ziemlich genau zehn Jahren stürzte die amerikanische Bank Lehman Brothers urplötzlich in die Insolvenz. Und obwohl es bereits üppige Kursstürze seit November 2007 gegeben hatte, löste der Untergang von Lehman noch einmal ein sehr heftiges Börsenbeben aus. Eines der größten, das die Welt bis dahin gesehen hatte. Die Folgen davon sind bekannt: Die weltweite Finanzkrise brach aus und in der Folge stürzten viele Staaten in eine Rezession. Die Zinsen sanken auf Nimmerwiedersehen und Europas Staaten wurden von der Schuldenkrise heimgesucht. Man fragt sich zehn Jahre danach: Was haben wir aus all dem gelernt? Und was heißt dieser Jahrestag aus Anlegersicht? Eine Antwort darauf ist: Es wird den Kursknick bald nicht mehr geben.

Denn, so deutlich muss man es ausdrücken, die wenigsten Anleger und Analysten denken weiter als zehn Jahre zurück. Das sieht man auch an den Charts und Statistiken, die sie für ihre Berechnungen heranziehen. Das Äußerste, was viele abbilden ist oft ein Zehnjahreszeitraum. Meistens sind es sogar nur Zeitspannen von drei oder fünf Jahren, in denen sie Kurse betrachten, Renditen berechnen oder Volatilitäten messen. Und mit jedem Tag im September und Oktober, der vergeht, verschwindet ein verheerender Börsentag mehr aus dem kollektiven Anlegergedächtnis. Ist das so schlimm? Man könnte schließlich argumentieren: An das Ereignis und den folgenden Crash könnten sich viele ja nur zu gut erinnern. Das werde nicht ausgelöscht, nur weil es in vielen Kurscharts bald nicht mehr sichtbar ist. Das stimmt zwar, doch der abgelaufene Zehnjahreszeitraum führt auch dazu, dass viele Durchschnittsberechnungen in Zukunft harmloser ausfallen – wodurch so manches Fehlsignal ausgesendet wird.

DAX Index

DAX Index Chart
Kursanbieter: L&S RT

Ein Beispiel dafür ist die wichtige Kennzahl der Volatilität. Wenn Aktienkurse stark schwanken, dann verheißt das an den Börsen meist nichts Gutes. Denn üblicherweise fallen die Schwankungen in guten Börsenphasen mit steigenden Kursen kleiner aus, während sie in Zeiten fallender Kurse umso größer sind. Große Volatilitätsausschläge zeigen also Krisenphasen an. Nicht umsonst heißen die zugehörigen Volatilitätsindizes ja auch die „Angstbarometer“ der Börsen.

Die schwarzen Tage verschwinden

Schaut man sich die heftigsten Tagesausschläge an den Finanzmärkten innerhalb der vergangenen zehn Jahre an, dann fallen die fünf größten Negativausschläge auf das Jahr 2008. Der 21. Januar markierte mit minus 7,4 Prozent den schwärzesten Tag (und ist bereits aus dem Zehnjahresbetrachtungszeitraum gekippt), gefolgt von drei Tagen im Oktober und November, die jeweils über minus sieben Prozent lagen. Fünftschlimmster Tag war der 15. Oktober mit minus 6,7 Prozent Tagesverlust. Gehen all diese schwarzen Tage nun bald nicht mehr in die Durchschnittsberechnungen ein, so glättet sich die Schwankungskurve der Börsen erheblich.

Wie stark, das zeigt der Blick auf den deutschen Volatilitätsindex VDax: Anfang Oktober 2008 schoss der Index wegen der abrupten Kursstürze auf 78 Punkte hinauf. Nimmt man den verheerenden Oktober/November jedoch aus der Rechnung hinaus, so verläuft seine Kurve deutlich flacher und moderater. Dann bleibt der Herbst 2011 die ausschlagstärkste Zeit. Als die Schuldenkrise Europa und seine Börsen voll erfasste, stieg der VDax noch einmal schlagartig auf 48 Punkte an. Damit blieb er zwar noch satte 30 Punkte unter seinem Höchststand zur Zeit der Lehman-Pleite. Doch immerhin stieg er damals noch einmal rasch um rund 20 Punkte an. Im langjährigen Mittel der vergangenen Jahre pendelte er eher um die 20 Punkte herum. Wenig Volatilität für viele Jahre haben die Börsen nun seitdem gesehen.