Interview„Der Vergleich von Lehman und Evergrande ist nicht angebracht“

Angesichts der drohenden Pleite des Immobilienentwicklers Evergrande fürchten viele Beobachter Schockwellen für andere Branchen und die Finanzmärkte
Angesichts der drohenden Pleite des Immobilienentwicklers Evergrande fürchten viele Beobachter Schockwellen für andere Branchen und die FinanzmärkteIMAGO / ZUMA Wire


Dr. Mirko Wormuth ist Partner beim deutsch-chinesischen Fonds Awesome Capital, der vor allem in chinesische Tech-Titel investiert. Er ist außerdem Mitbegründer des Newsletters „Chinabriefs.io“ über das digitale China. Vor Awesome Capital war Wormuth bei Byton als Head of Global HR tätig und hat 23 Jahre als Unternehmer in Peking gelebt, wo er unter anderem eine Modeaccessoire Firma mit über 50 Filialen in 25 Städten gegründet hat.


Capital: Evergrande wird mittlerweile schon als Chinas „Lehman-Moment“ bezeichnet. Würde die Pleite des Konzerns ähnlich verheerende Folgen haben?

MIRKO WORMUTH: Der Vergleich von Lehman Brothers und Evergrande ist überhaupt nicht angebracht. Die Lektionen, die man von der Lehman-Pleite gelernt hat, waren so klar, dass Unternehmer und auch die technokratische Regierungselite in Peking sie nie wiederholen würden. Man bekommt bei dem Fall aber schnell den Eindruck, dass man es mit zwei Wirklichkeiten zu tun hat: der innerhalb Chinas und der der medialen Berichterstattung von außerhalb.

Wie sieht denn die Wirklichkeit in China gerade aus?
Dazu muss man sich die jeweiligen Stakeholder ansehen. Es gibt ungefähr 1,4 Millionen Wohnungseinheiten, die bereits bezahlt aber in vielen Fällen noch nicht gebaut sind. Die Käufer laufen jetzt Gefahr, dass diese Wohnungen trotz ihrer hohen Anzahlungen nicht zu Ende gebaut werden. Angesichts möglicher sozialer Unruhen ist das aktuell der größte Gefahrenpunkt aus der Sicht der Kommunistischen Partei Chinas.

Inwiefern?

Man muss sich immer vor Augen führen, dass in China schätzungsweise 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung Immobilien halten. Wenn Evergrande pleitegeht und damit im schlimmsten Falle weitere Firmen der Immobilienbranche mitreißt, wird es für Peking schwierig, soziale Unruhen zu vermeiden. Insbesondere nachdem die KP zuletzt ihr Versprechen von „allgemeinem Wohlstand“ also von der Beteiligung aller am gesellschaftlichen Reichtum gegeben hat.

Die Sorge vieler Beobachter gilt aktuell auch dem Bankensektor. Was würde eine Pleite dort bedeuten?

Dort würde sich die Pleite natürlich bemerkbar machen, die Folgen beträfen aber hauptsächlich inländische Finanzinstitute. Also auch hier ist die Situation nicht mit Lehman Brothers vergleichbar, weil Lehman Brothers in der US- und der globalen Wirtschaft extrem breit aufgestellt waren. Evergrande hat dagegen 90 Prozent seines Geschäfts in China und ist damit ein national begrenztes Kreditrisiko. Für kleinere Banken stellt die Zahlungsunfähigkeit tatsächlich ein ernsthaftes Problem dar, für die meisten mittelgroßen bis großen Banken machen die Darlehen – obwohl sie dann natürlich auf den Krediten sitzen bleiben würden – aber insgesamt keinen großen Bestandteil aus.

Wie schlimm wäre der Ausfall für Evergrande-Investoren und -Anleger?

Die würden natürlich getroffen, aber das ist das Risiko, das man bei Aktieninvestitionen immer hat. Zumal die Verluste in der Summe eher gering wären. Etwa 70 Prozent ihres Vermögens der chinesischen Haushalte liegt in Immobilien. Aktien machen da nur ein Sechstel aus. Das hängt aber auch mit der Natur des chinesischen Aktienmarkts zusammen, der – gerade an den inländischen Börsen in Schanghai und Shenzhen – volatil ist und vielen Chinesen für Investments als unsicher gilt.

Das heißt, eine Pleite von Evergrande wäre am Ende halb so wild?

Auf den ersten Blick klingt 2 Billionen Renminbi Schulden natürlich nach viel – gleichzeitig hält das Unternehmen übrigens 2,3 Billionen Renminbi an Assets –, verglichen mit der chinesischen Volkswirtschaft macht Evergrande aber nur einen Anteil von ungefähr zwei Prozent des BIP aus. Außerdem hat der Konzern nur einen Marktanteil von vier Prozent. Er hat also keine Größenordnung, die den gesamten Immobiliensektor in Gefahr bringen würde. Ein Sell Off könnte allerdings die Preise drücken und damit auch andere Mitbewerber nach unten ziehen – und das will die Regierung auf keinen Fall.

Was wird die KP tun, um den Schaden zu begrenzen?

Einen ersten Schritt hat Peking schon gemacht, indem die Zentralbank am vergangenen Freitag umgerechnet 14 Mrd. Dollar in den Markt gepumpt hat – das ist die höchste Summe seit 14 bis 15 Monaten. Das heißt aber nicht, dass der Staat jetzt massiv einsteigen wird. Es ist eher mit einer Restrukturierung zu rechnen, bei der staatseigene Akteure dabei einspringen und sich insbesondere um die 1,4 Millionen ausstehenden Wohnungen kümmern. Wie ein solches Restrukturierungspaket letztlich aussieht, darüber kann man aber zum jetzigen Zeitpunkt nur spekulieren.

War die drohende Pleite von Evergrande absehbar, als China im August 2020 die „drei roten Linien“ für den Immobiliensektor angekündigt hat?

Dass Evergrande mit seinen 300 Mrd. Dollar an Schulden diese Linien überschreitet, stand schon damals außer Frage. Daher liegen alle Augen schon seit August 2020 auf dem Konzern, und fragen sich, wie lange das noch gutgehen kann, weil er aus dieser Lage kaum herauskommen kann. Gleichzeitig muss man bei den „roten Linien“ immer in den Blick nehmen, warum die KP diesen Schritt macht.

Also warum hat sie diese Linien aufgestellt?

Immobilien sind in China so teuer geworden, dass sich die meisten Menschen kein Wohneigentum mehr leisten können. Die „drei roten Linien“ sollen dem entgegenwirken. Gleichzeitig macht der Immobiliensektor 14 Prozent des BIP aus, mit der gesamten vor- und nachgelagerten Supply-Chain sind es sogar 29 Prozent. Die KP ist sich also schon bewusst, was dieser Schritt wirtschaftlich bedeutet.

Auch bei Nachhilfe-und Tech-Unternehmen gab es Regulierungen. Für wen hat die KP diese Maßnahmen eingeführt?

Was gerade mit Evergrande passiert und welche Regularien in der Tech-Szene aufgestellt wurden, sind zwei Paar Schuhe. Trotzdem haben alle Regulierungen gemeinsam, dass sie bestimmte Gruppen schützen sollen. Im Fall der privaten Nachhilfe-Firmen sind diese Gruppen Eltern und Kinder. Zunächst ist der Leistungsdruck auf Schüler so hoch, dass sie außerhalb der Schule fast ausschließlich privat weiterlernen. Damit stehen auch die Eltern unter einem immensen finanziellen Druck. Auch für diesen Schritt gibt es Kosten in Form von hunderttausenden Arbeitsplätzen, die die KP aber zum Schutz von Eltern und Kindern in Kauf genommen hat.

Und dann wäre da noch das Antimonopolgesetz, das vor allem die großen Techkonzerne wie Alibaba getroffen hat…

Auch hier geht es um den Schutz der Endverbraucher und der kleinen Händler, die von großen Internetplattformen wie Alibaba stark gegängelt wurden. Die KP will also nicht Alibaba klein machen, sondern kleinere Anbieter stärken. In den USA gibt es übrigens dieselbe Problematik rund um die großen Techkonzerne, auch wenn die politische Situation für die USA als Demokratie natürlich eine andere ist. Mein Eindruck ist hier aber, dass während uns diese Debatte noch bevorsteht, China schon einen Schritt weiter ist.

Inwiefern?

Die KP arbeitet sich aktuell durch die einzelnen Branchen, schafft neue Regelungen und entwickelt Mechanismen, um sicherzustellen, dass diese Regeln auch eingehalten werden. Es geht dabei nicht um die Zerschlagung von kapitalistischen Tendenzen oder unternehmerischer Initiative. China hat in seinem letzten Fünf-Jahres-Plan, der im übrigen auch Vorgaben bis 2035 aufstellt, klar gemacht, dass sie ihre Ziele aus eigener Kraft mit staatseigenen Firmen gar nicht erreichen können. Sie brauchen Privatfirmen und sie brauchen deren Innovationskraft. Gleichzeitig sieht man, wie die chinesischen Techunternehmen sich neu aufgestellt haben, um gemeinsam mit der Regierung in diese Zukunft zu marschieren.

Viele Investoren sind trotzdem verunsichert, weil die Regulierungen für erhebliche Kursschwankungen – z.B. bei Techtiteln – gesorgt haben. Wie blicken Sie mittelfristig auf die Märkte?

Ich rechne natürlich von Haus aus mit steigenden Kursen bei China-Investments. Abseits davon, sollten man sich bei der jüngsten Debatte aber ansehen, wer sich da wie zu Wort meldet. Da gibt es George Soros, der Blackrock scharf für ihre China-Investments kritisiert. Gleichzeitig sagen Mark Mobius, Ray Dario und Catherine Wood aber ganz klar, dass das Argument „China is not investable“ Quatsch ist, wenn man bedenkt, dass 30 Prozent des globalen Wachstums in den nächsten Jahren aus China kommen werden. Natürlich muss man die Dinge richtig einschätzen können. Aber wer sich jetzt aus diesem Markt rauszieht, der verliert komplett den Anschluss.

 


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