Capital erklärtWelches Risiko geht von Evergrande aus?

Evergrande-Konzernzentrale in ShenzhenGetty Images

Wer ist eigentlich Evergrande?

Evergrande ist zunächst ein Immobilienentwickler, man könnte auch Bauträger sagen. Die Evergrande Real Estate Group, die einmal Hengda Group hieß, hat ihren Ursprung in der südchinesischen Provinz Guangdong und sitzt offiziell in der Wirtschaftsmetropole Shenzen in der Nachbarschaft zu Hongkong. Die Holding, ein großer Emittent von Anleihen, ist im Steuerparadies Cayman Islands beheimatet. Einige Tochterunternehmen wie Marvel First, Solution Key Holdings oder Action Boom sind auf den British Virgin Islands angesiedelt, die ebenfalls ein sogenannter Offshore-Finanzplatz sind. Die Refinitiv-Datenbank enthält 248 Firmen, die mit der Evergrande Group verflochten oder Tochterunternehmen des Konzerns sind.

Welche Bedeutung hat Evergrande für den chinesischen Immobilienmarkt?

Evergrande gilt als zweitgrößtes Immobilienunternehmen Chinas nach Dalian Wanda und entwickelt vor allem Wohnungen für Menschen mit mittlerem und höherem Einkommen. Typischerweise werden die Wohnungen gegen Vorkasse verkauft und dann erst gebaut, die große Nachfrage nach Immobilien und die in den vergangenen Jahren stark steigenden Preise machen dies möglich. Das Vorgehen ist also anders als in Deutschland, wo Bauträger typischerweise in Vorkasse gehen und nach Baufortschritt etappenweise von den Wohnungskäufern bezahlt werden. Evergrande profitierte vom lange boomenden Immobilienmarkt in China, der ein wichtiger Faktor für das Wirtschaftswachstum der Volksrepublik ist.

Evergrande Metropolis in der Provinz Jiangsu (Foto: IMAGO / VCG)

Was macht Evergrande noch?

Weil das Kerngeschäft offenbar nicht mehr profitabel genug war oder sogar um dessen Probleme zu verschleiern – da herrscht noch keine Klarheit –, expandierte das Unternehmen in Bereiche wie Elektroautos, Mineralwasser oder Babynahrung. Fachmedien zufolge versucht Evergrande aktuell, seine erst jüngst zusammengekaufte E-Auto-Sparte zu verkaufen. Unter anderem wurde im Juni 2020 der schwedische Elektroauto-Hersteller Electric Vehicle Sweden übernommen. Dies ist das Nachfolgeunternehmen der legendären Marke Saab. Es sollte als Auftragsfertiger für die Marken Sion und Sono Motors fungieren. Zu dem als undurchsichtig geltenden Konglomerat gehört auch das Fußballteam Guangzhou Football Club, der zwischenzeitlich einmal „Guangzhou Evergrande“ hieß und im Jahr 2012 Lucas Barrios von Borussia Dortmund verpflichtete.

Welche Probleme hat das Unternehmen?

Das Kerngeschäft von Evergrande beruht auf einer immer weiter steigenden Nachfrage nach Wohnungen in China – und auf der Erwartung weiter steigender Wohnungspreise. Bei beidem gab es jüngst Rückschläge: Ähnlich wie bei den heimischen Technologie-Unternehmen zieht die Kommunistische Partei auch am Immobilienmarkt die Daumenschrauben an. Der Anstieg der Mieten soll begrenzt werden, ebenso wie die Möglichkeit Wohnungen zu kaufen. Ehepaare dürfen in einigen Provinzen beispielsweise nur noch eine Wohnung zusammen erwerben. Medienberichten zufolge haben sich schon Ehepaare scheiden lassen, damit beide eine Wohnung kaufen können, was erneut strengere Regulierung nach sich zog. Mit dem regulatorischen Eingriff funktioniert das Geschäftsmodell von Evergrande nicht mehr wie in der Vergangenheit. Zugleich gilt es als das weltweit am höchsten verschuldete Immobilienunternehmen. Es hat Schulden von rund 300 Mrd. Dollar. Neben Anleihen sind dies Kredite chinesischer Banken und finanzielle Verflechtungen innerhalb der Gruppe, die schwer nachzuvollziehen sind. Diese Intransparenz der Schulden und ihrer möglichen Besicherung könnte das weitaus größere Problem sein als die pure Schuldenlast selbst.

Was war der Auslöser des jüngsten Kursrutsches?

Die an der Börse in Hongkong notierte Evergrande-Aktie steht bereits seit geraumer Zeit unter intensiver Beobachtung. Schon seit 2017 hatten Shortseller ein Auge auf die Aktie geworfen, also auf einen Kurseinbruch gewettet. Wenn sie durchgehalten haben, konnten sie in diesem Jahr reich werden, denn die Aktie hat seit Jahresbeginn rund drei Viertel ihres Wertes eingebüßt. Schon im Juni war Evergrande mit Kuponzahlungen in Verzug geraten. Vergangene Woche beschleunigte sich der Absturz, nachdem das Unternehmen mitgeteilt hatte, es könne gegebenenfalls seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen. Für Unruhe sorgte zudem die Ratingagentur Fitch, welche ihre Bonitätseinschätzung für Evergrande auf „CC“ von „CCC“ herabstufte, womit diese nur knapp über einem Zahlungsausfall gesehen wird. Zuvor hatten sich bereits Moody’s und kleinere Ratingagenturen ähnlich geäußert.

Wie wahrscheinlich ist ein Zusammenbruch?

Eine Pleite des Unternehmens „erscheint wahrscheinlich“, erklärte Fitch am Mittwoch. Moody’s zufolge haben Schuldner „schwache Erholungsperspektiven“ im Fall eines Zusammenbruchs. Mit anderen Worten: Die Ratingagentur rechnet nicht mehr damit, dass die Schuldner ihr gesamtes Geld zurückerhalten, falls es zur Pleite kommt. Ein bis Januar 2023 laufender Bond des Unternehmens notierte am Donnerstag nur noch zu einem Drittel seines Nennwertes, bevor er von der Börse vom Handel ausgesetzt wurde. Ob es zur Pleite kommt, hängt nun davon ab, ob Evergrande seine Bankschulden schnell refinanzieren und sich Liquidität besorgen kann, auch um seine Zinsen zu zahlen. Letztlich könnte die Entscheidung in der Hand der Notenbank und damit der politischen Führung in Peking liegen. Es wird gerätselt, ob sie ein Exempel statuieren oder für wirtschaftliche Stabilität sorgen will.

Kann Evergrande eine neue globale Finanzkrise auslösen?

Unnternehmensgründer Hui Ka Yan (Foto: IMAGO / VCG)

Investoren überdenken derzeit, ob ein Debakel bei Evergrande auf die globalen Finanzmärkte durchschlagen könnte. Die Gefahr geht dabei mehr von den Anleihen und Bankkrediten aus als von den Aktien. Diese befinden sich zu drei Vierteln in der Hand des Unternehmensgründers Hui Ka Yan, der 2017 mit einem Nettovermögen von rund 45 Mrd. Dollar vom Forbes-Magazin zum reichsten Mann Asiens gekürt worden war. Die restlichen Aktien befinden sich ebenfalls weitgehend in chinesischer Hand. Unter den zehn größten Aktionären der Evergrande Goup sind zwar einige westliche Fondsgesellschaften wie Vanguard und Blackrock Institutional Trust. Sie halten aber nur 0,63 bzw. 0,25 Prozent und dürften einen Zusammenbruch wegstecken können. Ein kleiner Anteil von 0,21 Prozent gehört zudem dem norwegischen Staatsfonds. Dieser und Blackrock haben zuletzt ihre Bestände bereits abgebaut. Während von den Aktien also wenig Gefahr für die globalen Märkte ausgeht, bilden die ausstehenden Anleihen ein Risiko.

Wie gefährlich sind die Evergrande-Anleihen?

Diese Frage dürfte derzeit viele Investoren umtreiben. Insgesamt hat Evergrande 24 Anleihen ausstehen im Volumen von 26,6 Mrd. Dollar ausstehen, die längste Laufzeit geht bis 2026. In diesem Jahr sind keine Rückzahlungen fällig, 2022 dann aber rund 7,7 Mrd. Dollar und im Jahr darauf 8,6 Mrd. Dollar – Kupons kommen noch oben drauf. Das Risiko liegt nicht nur in einem Zahlungsausfall, der bei den auf Dollar denominierten Bonds wohl institutionelle Investoren, aber auch von Privatanlegern gehaltene Schwellenländer-Bonds treffen dürfte. In diesem Monat muss das Unternehmen noch 129 Mio. Dollar an Zinsen zahlen. Insgesamt werden in diesem Jahr 850 Mio. Dollar an Kupons fällig. Verpasst das Unternehmen seine Zinszahlungen, würde dies von den Ratingagenturen als Zahlungsausfall gewertet und würde voraussichtlich einen Ansteckungseffekt auslösen. Das große Risiko ist die Unübersichtlichkeit des Konglomerats. Dadurch ist es nicht abzuschätzen, wo der Zahlungsausfall tatsächlich durchschlägt, welche Sicherheiten bestehen und ob diese überhaupt werthaltig sind. Außerdem ist nicht bekannt, wer genau die Bonds hält und welche chinesischen Banken Kredite vergeben haben und ob es Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber Konzerntöchtern gibt. Während viele Investoren den puren Ausfall der Bonds wegstecken könnten, liegt in dieser Unsicherheit über die finanzielle Verflechtung von Evergrande ein großes Ansteckungsrisiko. Eine Finanzkrise ist deshalb nicht auszuschließen. Diese muss nicht global werden, könnte aber China erschüttern. Wie schwer die Folgen wären, hängt auch vom politischen Willen Pekings ab einzugreifen.

Was soll ich als Privatanleger nun tun?

Die Evergrande-Krise ist ein Weckruf, sein persönliches Depot robust aufzustellen. Das sollte es bei einer langfristigen Geldanlage ohnehin sein, aber die lange Aktienrallye hat in vielen Depots den Aktienanteil anschwellen lassen. Unabhängig von der Lage bei dem chinesischen Unternehmen sollten in einem Depot immer fünf bis zehn Prozent an Gold und 30 bis 40 Prozent an Anleihen liegen. Wenn es kracht, trifft dies vor allem die Aktienmärkte. Ein ausbalanciertes Depot kann dies besser wegstecken.

Und was sollte ich lieber bleiben lassen?

Solange die Lage bei Evergrande unklar ist, sollten Anleger kein zusätzliches Geld in chinesische Wertpapiere stecken und besser erst einmal abwarten. Das gilt übrigens auch für die an deutschen Regionalbörsen gehandelten Anleihen des Unternehmens. Sie schauen günstig aus und haben auf dem Papier hohe Renditen. Doch wenn Evergrande zusammenbricht, können diese Bonds sehr schnell auch wertlos sein.

 


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