InterviewAndreas Schleicher: Lernen, wie man die richtigen Fragen stellt

Anfreas Schleicher
Anfreas Schleicher dpa


Der Physiker und Bildungsforscher Andreas Schleicher leitet die Bildungsdirektion bei der Industrieländerorganisation OECD. Vor fast 25 Jahren konzipierte er dort die berühmte Pisa-Studie, die die Schulsysteme der verschiedenen Länder miteinander vergleicht. In der laufenden Untersuchung hat Schleicher bei Pisa eine Neuorientierung durchgesetzt: Künftig richtet die Studie ihren Blick besonders auf jene Bildungsinhalte, die die OECD als zukunftsentscheidend sieht: Kreativität, Entrepreneurship, Offenheit, Empathie.


Capital: Früher haben Sie bei der Pisa-Studie untersucht, ob unsere Kinder rechnen und schreiben können. Nun wollen Sie schauen, ob sie kreativ sind. Warum?

ANDREAS SCHLEICHER: Rechnen und Schreiben sind sicherlich wichtig. Aber in Zeiten der künstlichen Intelligenz wird entscheidend, dass wir Dinge können, die Computer nicht so gut können. Fähigkeiten, die künstliche Intelligenz ergänzen. Am wichtigsten sind da Kreativität, das Vermögen, komplexe Lösungen zu finden, lateral zu denken, also abseits des Mainstream. Ebenso ist es wichtig, Entscheidungen in komplexen Räumen treffen zu können. Das sind heute Schlüsselfähigkeiten, die mindestens genauso wichtig sind wie Mathematik- oder Lesekompetenz.

Und diese Fähigkeiten wollen Sie jetzt messen?

In der nächsten Pisa-Untersuchung, die 2021 veröffentlicht wird, wird dieser Aspekt eine wichtige Rolle spielen.

Wie untersuchen Sie denn die Fähigkeit eines Schulsystems in Sachen kreatives Lernen?

Die Schüler müssen zum Beispiel am Rechner eine Werbung konzipieren und dann in verschiedenen Formen umsetzen. Im ersten Schritt müssen sie kreativ Lösungen finden. Zum zweiten sollen sie selber die Originalität ihrer Lösungen bewerten. Auch das ist wichtig. Kreativität heißt nicht einfach Ideen zu produzieren, sondern auch systematisch zu Innovationen zu kommen, also zu bewerten, zu analysieren. Das sind vier, fünf Schritte, die sie durchführen und daraus können wir dann Schlussfolgerungen ziehen.

Und am Ende gibt es ein Pisa-Ranking nach Kreativität?

Wir haben heute gut etablierte Verfahren, um Kreativität zu messen. Dass das international machbar ist, das müssen wir jetzt zeigen. Es ist das erste Mal, dass es einen internationalen Test dazu gibt.

Bislang nehmen wir an der Schule noch sehr oft eindimensional Wissen auf. Ist in diesen Strukturen überhaupt jenes kreative Lernen denkbar, von dem Sie sprechen?

Wir können auch in einem Fach wie Mathematik Räume schaffen, um sehr kreativ zu lernen und zu unterrichten. Es wird aber dann schwierig, wenn Schüler nur passive Konsumenten sind. Die Vermittlung von Lernstoff ist heute nicht mehr das Wesentliche. Es geht nicht mehr darum, was wir wissen – Google weiß alles. Es geht darum, was wir mit unserem Wissen tun können. Dafür brauchen Kinder in der Schule Raum. Wenn wir Menschen bilden wollen, die kreativ sind, dann brauchen sie Möglichkeiten, Dinge auszuprobieren. Wenn man Dinge ausprobiert, dann macht man Fehler und entscheidend ist, wie gut ein Bildungssystem darin ist, Fehler zu tolerieren, Menschen zu helfen, aus Fehlern zu lernen. Das wird darüber entscheiden, wie kreativ nachher die Schüler sind.

Wie sähe denn zum Beispiel solch ein Matheunterricht aus?

Die Frage ist, wie wir Mathematik kreativer vermitteln können. Warum etwa wenden wir in Deutschland in der 11. oder 12. Klasse so viel Zeit auf, um Trigonometrie zu lehren? Ist das der Kern der Mathematik? Nein. Der Grund, warum wir das heute unterrichten ist, dass wir das vor 400 Jahren gebraucht haben, um die Größe unserer Felder zu messen. Es ist im Grunde tote Wissenschaft. Solche Überbleibsel aus einer längst vergangenen Zeit gibt es viele. Im Bereich der Mathematik kreativ zu denken, heißt etwa mit probabilistischen Zusammenhängen zu arbeiten, also mit Wahrscheinlichkeitsaussagen und -algorithmen. Das ist ja ein wichtiges Thema der heutigen Welt, dass sich oft nicht mehr klar zwischen richtig und falsch entscheiden lässt.

Welche erfolgreichen Beispiele gibt es für kreatives Lernen?

Die Digitalisierung schafft da viele Möglichkeiten. Sie brauchen zum Beispiel in den Naturwissenschaften nicht mehr abstrakt über Experimente zu sprechen, Sie können sie in einem virtuellen Laboratorium durchführen. Die neuen Möglichkeiten stellen natürlich ganz andere Anforderungen an die Lehrpersonen, das muss man auch sehen. Es ist sehr viel leichter, vorgefertigten Stoff zu vermitteln, als Umfelder zu schaffen, in denen Schüler kreativ arbeiten.