Interview„Es müsste Schulfächer wie Kreativität oder Mut geben“

Frederik Pferdt
Frederik Pferdt, Chief Innovation Evangelist bei GoogleGetty Images

Capital: Wenn es um kreatives Arbeiten geht, ist oft von einem Innovation Mindset die Rede. Aber was ist das überhaupt?

FREDERIK PFERDT: Der römische Philosoph Seneca hat gesagt: Es ist schon ein großer Fortschritt, wenn der Wille zum Fortschritt existiert. Die eigene Einstellung zum Neuen, zu neuen Ideen, zu Risiken ist das Entscheidende. Wichtig ist auch Selbstvertrauen zu eigenen Ideen. Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder kreativ ist. Als Erwachsene haben wir nur das Vertrauen in unsere Kreativität verloren. Wir haben oft Angst – vor dem Unbekannten, vor dem Anderen, vor dem ersten Schritt und davor, die Kontrolle zu verlieren. Das kann den Weg zu neuen Innovationen versperren. Diese Blockade wollen wir überwinden.

Und wie überwindet man diese Blockade?

Es geht darum, Probleme zu erkennen und sie kreativ zu lösen. Da gibt es auch viel Nachholbedarf. Es wird oft zu wenig in Problemen gedacht.

In Deutschland kann man manchmal den Eindruck gewinnen, dass wir eher zu viel in Problemen denken.

Mit Problemen entdecken meine ich nicht, sich nur zu beschweren. Es geht nicht darum, diejenigen in der Gesellschaft zu belohnen, die sich am lautesten beschweren. Wichtig ist, ein Problem zu erkennen, es zu definieren und eine Inspiration daraus zu machen.

Haben Sie ein Beispiel?

Google hat sich mit Larry Page und Sergey Brin vor 20 Jahren die Frage gestellt: Was wäre, wenn wir das Internet herunterladen und allen Menschen jederzeit zur Verfügung stellen könnten? Das war die Ur-Frage. Bei Tesla haben sie sich gefragt, wie sie die Transformation zu nachhaltiger Energie beschleunigen können. Das sind große Fragen, aber man auch kleiner anfangen.

Was wäre so ein kleiner Anfang?

Wenn Sie einmal einen Apfel im Supermarkt gekauft haben, haben Sie sich vielleicht gefragt, warum da ein Sticker drauf ist. Jeder ärgert sich darüber. Beim ersten Mal fällt uns das Problem noch auf, beim zweiten Mal sind wir schon daran gewöhnt. Das aber ist falsch. Man sollte das Problem erkennen und sich fragen, wie man es lösen könnte. Wie man es besser, anders machen könnte.

Was braucht man dafür?

Wichtig ist der Perspektivwechsel. Fragen anders stellen. Statt ein neues Auto zu entwerfen, könnte man sich fragen, wie man Mobilität neu denken kann. Sonst ist die Lösung ja schon vorgegeben. Das kann man trainieren.“

Heißt das, wir denken in Deutschland manchmal zu klein?

Nicht nur in Deutschland, sondern generell. Menschen neigen dazu, sich nicht als Teil von etwas Größerem zu sehen. Oder die Sicht einer anderen Person einzunehmen. Das wird in Zukunft eine immer wichtigere Fähigkeit.

Muss das nicht schon in der Schule anfangen und nicht erst in der Arbeitswelt?

Absolut. Da gibt es viel Nachholbedarf. Unser Bildungssystem hat Schwächen, diese Fähigkeiten auszubilden. Eigentlich müsste es Fächer wie Kreativität, Kommunikation oder Mut geben. Schon in der Grundschule. Kinder haben ja die Fähigkeit, große Fragen zu stellen oder alles in Frage zu stellen. Das muss man weiter begleiten.