InterviewWieso wir nicht mit Geld umgehen können und wie wir es lernen

Dan Ariely
Dan Ariely auf der PopTech in Camden, Maine.Kris Krüg


Dan Ariely ist Professor für Psychologie und Verhaltensökonomik an der Duke Universität und in den USA so etwas wie ein Pop-Star der Verhaltensökonomie. Er veröffentlichte verschiedene populärwissenschaftliche Bücher über irrationale Entscheidungsfindung. In seinem neuesten Buch „Teuer ist relativ“ nimmt er sich unsere Finanzentscheidungen vor.


Capital: Wie kommen Sie darauf, dass wir Geld nicht verstehen?

DAN ARIELY: Menschen machen einfach viele verschiedene Fehler im Umgang mit Geld. Zum einen Fehler, die sie selbst irgendwann bermerken und bereuen. Manchmal kommt das erst später, wenn sie nicht genug gespart haben oder sich nicht um eine Altersvorsorge gekümmert haben. Manchmal kommt es früher, wenn ihnen auffällt, dass sie für etwas Unnötiges Geld ausgegeben haben. Und dann gibt es noch eine andere Form von Fehlern. Wenn Menschen Finanzentscheidungen aufgrund von Faktoren treffen, die eigentlich keine Rolle spielen sollten. Zum Beispiel geben sie ihr Geld unterschiedlich aus, je nachdem, ob sie mit EC-Karte, Kreditkarte oder mit Bargeld zahlen. Das zeigt, dass so etwas Irrelevantes wie die Zahlungsmethode beeinflusst, wie Menschen sich verhalten. Diese Fehler in unserem Verhalten sind gute Gründe anzunehmen, dass wir Geld nicht verstehen.

Und warum verstehen wir es nicht?

Auch hier gibt es mehrere Gründe. Einer ist, dass wir einfach nicht dazu bestimmt sind, über Geld nachzudenken – das kommt in unserer Evolutionsgeschichte einfach nicht vor. Wir hatten nie Geld und mussten nie großartig über unsere Zukunft nachdenken. Tatsächlich ist die Erschaffung von Geld eine ziemlich wichtige Erfindung gewesen, vielleicht vergleichbar mit der Erfindung des Rads. Wir können damit ganz viel machen, aber wissen einfach nicht wie. Und nun kommen neue Technologien dazu, die das Geld noch komplexer machen. Sachen wie Hedgefunds, Altersvorsorge, Hypotheken und so weiter. Das macht es schwieriger, also machen wir noch mehr Fehler.

Was hat das mit Opportunitätskosten zu tun?

Jede Entscheidung, die mit Geld zu tun hat, hat auch mit Opportunitätskosten zu tun. Das Schöne an Geld ist ja, dass wir damit viele verschiedene Dinge machen können. Jedes Mal, wenn wir darüber nachdenken, eine Sache zu kaufen, müssen wir also darüber nachdenken, was wir deswegen nicht kaufen können. Ich gehe in ein Geschäft und sehe ein Fahrrad, was ich gerne hätte, und dann muss ich darüber nachdenken, was ich mir nicht kaufen kann, wenn ich nun Geld ausgebe, um das Fahrrad zu kaufen. Aber das ist auch wieder ein komplexer Gedanke. Also schieben wir ihn zur Seite und denken am Ende nicht richtig darüber nach. Und das führt dazu, dass wir falsch über Geld nachdenken. Wer richtig über Geld nachdenkt, der denkt eigentlich einfach über Opportunitätskosten nach.

Kann dabei mentale Buchhaltung helfen?

Mentale Buchhaltung ist ja die Idee, dass wir Geld in verschiedene mentale Konten einteilen. Und dann denken wir nicht darüber nach, worauf wir allgemein verzichten müssen, um etwas zu kaufen, sondern darüber, worauf wir auf diesem Konto verzichten müssen. Also wir haben eine Vorstellung davon, wie viel Budget wir für Supermarktausgaben haben und wie viel wir zum Ausgehen oder für Urlaube haben. Obwohl das Gute an Geld ja eigentlich ist, dass es für alles verwendbar ist – also ein Dollar  immer ein Dollar ist, egal wofür ich ihn ausgebe – denken wir so nicht darüber nach. Wenn wir also zum Beispiel unsere Gehalt bekommen, dann geben wir das für manches aus, aber es gibt auch Dinge, die wir davon nicht finanzieren wollen. Oder wenn wir einen besonders teuren Urlaub machen, dann nehmen wir das Geld eher von dem mentalen Konto des Ausgehens als von dem für Supermarkteinkäufe. Die mentale Buchhaltung ist also eine Methode, unser Leben einfacher und überschaubarer zu machen. Ideal ist das aber sicher nicht.

In Ihrem Buch schreiben Sie, Einstein hätte die Relativitätstheorie anders aufgestellt, wäre er Ökonom gewesen: 100$ > 50% auf 200$. Wie meinen Sie das?

Natürlich meint Relativität in Einsteins Welt etwas sehr anderes. Unser Gehirn nimmt Dinge in vielerlei Hinsicht relativ wahr. Zum Beispiel bemerken wir das Anzünden einer Kerze in einem dunklen Raum viel eher als bei Sonnenschein draußen. Obwohl die Lichtveränderung absolut gesehen gleich ist. Und das gleiche gilt auch für Geld. 50% auf ein 200$-Hemd kommen uns ganz anders vor als wenn ein Hemd einfach 100$ – also absolut dasselbe – kostet.

Ist es denn überhaupt so schlimm, dass wir uns bei Finanzfragen irrational verhalten?

Natürlich ist es das. Wie gesagt, bei Geld geht es um Opportunitätskosten. Wenn wir unser Geld falsch ausgeben, haben wir weniger Geld für richtige Ausgaben. Die wenigsten von uns haben genug Geld, um alles zu kaufen, was sie wollen. Wir müssen also Kompromisse eingehen – auf zwei verschiedene Arten. Zum einen ist die Frage: Werde ich jetzt glücklicher, wenn ich mir einen neuen Laptop oder ein neues Fahrrad kaufe? Und dann ist die andere Frage: Wird es mir besser gehen, wenn ich mehr für den Ruhestand gespart habe oder wenn ich jetzt mehr ausgebe? Falsch gemachte Kompromisse können schwerwiegende Folgen haben.

Was sind dann die Top Tricks, um Geld intelligenter zu verwenden?

  1. Man sollte ein wöchentliches Budget festlegen. Ich nehme zum Beispiel 500 Dollar pro Woche, die ich für Dinge wie Ausgehen, Kaffee oder Supermarkteinkäufe ausgebe.
  2. Dieses Budget sollte separat auf EC-Karten geladen werden, so behält man automatisch den Überblick und muss nicht ständig darüber nachdenken.
  3. Das Budget sollte man montags auf die Karte laden, nicht freitags. Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen eher sparen, wenn sie montags aufladen, weil sie Geld für das Wochenende sparen wollen.
  4. Man sollte sicherstellen, dass man sein Geld für Dinge ausgibt, die man wirklich will. Man sollte also nie etwas direkt kaufen, sondern ein paar Tage abwarten – auch wenn am nächsten Tag eine Rabattaktion endet.
  5. Außerdem sollte man sich von Zeit zu Zeit seine Ausgaben ansehen und überlegen, ob die Ausgaben sinnvoll waren. Man schaut auf die Kreditkarten-Abrechnung und denkt darüber nach, ob die Dinge, die man sich gekauft hat, einem tatsächlich Freude gebracht haben. Wenn nicht, dann sollte man sie nicht nochmal kaufen. Davon kann man lernen.

Geben Menschen, die BWL oder VWL studiert haben und theoretisch wissen, welches Verhalten rational ist, ihr Geld auch praktisch besser aus?

Ich glaube nicht. Wer ökonomische Theorien der Rationalität gelernt hat, hat ja gelernt, dass wir bereits rational handeln. Das ist nicht besonders hilfreich. Menschen, die Verhaltensökonomie gelernt haben, geben ihr Geld vielleicht weiser aus, denn sie kennen die Fehler, die wir machen. Sie wissen zum Beispiel, dass zusätzliche 50.000 Euro bei einem Hauskauf relativ wenig wirken, und man gerade deswegen sehr vorsichtig sein sollte. Ich glaube tatsächlich, dass Sozialwissenschaftler besser mit ihrem Geld umgehen, weil sie den Zusammenhang zwischen Geld und Glück besser verstehen.

Viele ihrer Beispiele sind nicht irrational nach einer strengen wirtschaftswissenschaftlichen Definition. Warum sind sie dennoch problematisch?

Ich definiere Rationalität so: Wir tun Dinge, die wir selbst nicht verstehen. Wenn wir mit der Intention, A zu tun, B tun, dann ist das irrational. Wenn etwas heruntergesetzt ist und du es deswegen kaufst, obwohl du es dir niemals für den normalen Preis kaufen würdest, dann ist das irrational. Etwas, dass du nicht verstehst. Und das spielt in der grundlegenden, ökonomischen Theorie keine Rolle.

Haben Unternehmen eine Verantwortung, unsere irrationalen Entscheidungen nicht auszunutzen?

Das wäre schön. Aber in unserem System, einem freien Markt, konkurrieren sie gegeneinander. Und ich glaube, das ist ein guter Grund, mal über den freien Markt nachzudenken. Denn hier können Unternehmen alles Mögliche verkaufen und auf alle möglichen Weisen von uns profitieren. Ist das wirklich, was wir wollen? In dieser Theorie liegen alle Entscheidungen bei den Unternehmen. Aber man muss überlegen, ob es Fälle gibt, die so unethisch sind oder Entscheidungen so stark beeinflussen, dass man den Unternehmen nicht die Entscheidung überlassen sollte. Doch das liegt nicht in der Verantwortung der Unternehmen, sondern in der der Regulierenden.


Capital spricht immer zum Wochenende mit Vordenkern unserer Zeit – zu den großen Themen, die unsere Wirtschaft und Gesellschaft umwälzen. Bisherige Folgen: Wolfgang Reinhard, Frederik Pferdt, Brian Robertson, Lord Martin Rees, Martin Ford, Tyler Cowen, Barry EichengreenSir Nigel Shadbolt, Peter Wippermann, Julian Nida-Rümelin, Björn Bloching, Raphael Gielgen und Ansgar Oberholz.