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Ukraine-Krieg Warum wir in der Krise zwei große Denkfehler begehen

Stromausfall in Kiew Ende November
Stromausfall in Kiew Ende November
© IMAGO / NurPhoto
In Krisenzeiten hat unsere Wahrnehmung blinde Flecken: Wir blenden mögliche Auswege aus – genauso wie andere Megatrends, die trotz allem weitergehen

In großen Krisen treiben uns Ängste und Sorgen, viele schalten in den Überlebensmodus. Unser Gehirn rattert, entwirft im besten Fall Szenarien, wie es weitergeht. Aber häufig machen wir auch zwei Fehler: Wir schreiben die Krise und ihre Wirkungen fort, als gäbe es keine Besserung und Veränderung. Und wir vergessen oder verdrängen andere große Trends und Kräfte, die ebenfalls weiterwirken.

Beginnen wir mit dem ersten Denkfehler: „Du sollst nicht extrapolieren!“ Diesen Rat, erzählte mir vor Kurzem eine erfahrene Aufsichtsrätin, habe sie einmal von einem Kollegen bekommen. In Krisen ist das Ende schwer vorstellbar, also schreiben wir sie fort. Dabei können sich Voraussetzungen ändern, Lagen verschieben, Unternehmen anpassen – überhaupt sollte man die Anpassungsfähigkeit nicht unterschätzen. Das Geschrei ist jeden Tag laut, der Alltag der Anpassung wird still erledigt.

Was bedeutet das in dieser Krise? Wir können uns derzeit nicht nur einen Frieden schwer vorstellen – zumal es überall heißt, dass die Welt vor dem Krieg für immer untergegangen sei. Auch ein Leben mit einer stabilen, erträglichen Energieversorgung ohne russisches Gas, ohne die ständigen Szenarien von Pleiten, Untergang und Deindustrialisierung scheint weit, weit weg.

Dabei sollte die vergangene Krise, die wir nahezu bewältigt haben, uns eines Besseren belehren: Manche Abgründe sind nicht so tief und epochal – und das Leben, nun, das kommt zurück. Das haben wir diesen Sommer nicht nur an Flughäfen erlebt. Viele Prognosen über das Leben mit, nach und ohne Corona waren übertrieben. Oder sind alle Innenstädte tot, bestellen wir alles nach Hause, ist das Büro tot?

Andere Megatrends bleiben wichtig

Der zweite Fehler betrifft unseren Fokus: Wir schauen nur auf den Krieg, die Folgen für unser Leben, unsere Jobs, unsere Unternehmen. Das ist sicherlich menschlich verständlich, oft überlebensnotwendig. Aber das Leben ist kein Ukraineticker, genauso wenig wie es ein Coronaticker war. Wir sollten niemals andere große Trends aus dem Blick verlieren: Demografie, Migration, Klimawandel, den Aufstieg Asiens – und haben wir uns nicht vor Kurzem noch die Köpfe über Quantencomputing und künstliche Intelligenz heißgeredet? Diese Megatrends wirken weiter und sind stark – nebenher, verflochten oder gegenläufig.

Von all diesen Megatrends sehe ich den Klimawandel als die größte Herausforderung, wir dürfen den Kampf dagegen nicht aus dem Blick verlieren: Daten und Kipppunkte wie 2030 oder 2050 sind weit weg, wenn das Problem der nächste Winter ist.

Wir müssen also mehr „parallel denken“, wie der Mediziner Edward de Bono es genannt hat. Er nannte es auch „laterales Denken“, der Psychologe Joy Paul Guilford sprach von „divergentem Denken“. Im Kern geht es darum, diesen Krieg und die geopolitischen Folgen im Kontext anderer Strömungen, Dynamiken und Trends zu verstehen.

Das bedeutet keine Relativierung der akuten Nöte: Die sichere und bezahlbare Energieversorgung unseres Landes bleibt vorerst die dringlichste Aufgabe. Zumal wir sie bisher nicht wirklich gelöst, sondern die Nöte nur gelindert haben.

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