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Russland-Rückzug Die überfällige Wende von Wintershall Dea

Anlage von Achimgaz, einem russischen Wintershall-Joint-Venture, im sibirischen Nowy Urengoi
Anlage von Achimgaz, einem russischen Wintershall-Joint-Venture, im sibirischen Nowy Urengoi
© picture alliance / dpa | Justin Jin
Der endgültige Rückzug der deutschen Erdgas- und Ölgesellschaft Wintershall Dea aus Russland zwingt auch andere Unternehmen zum Handeln: Die Zeit der Ausreden endet

So deutliche Worte über Russland konnte man in deutschen Konzernen bisher nur selten hören: Wladimir Putins Angriffskrieg in der Ukraine habe die Zusammenarbeit mit Europa „zerstört“, eine Fortführung des Geschäfts in Russland sei „nicht haltbar“ und „mit unseren Werten nicht vereinbar“. Und sie haben gleich doppelt Gewicht: Sie kommen aus dem Mund von Wintershall-Chef Mario Mehren, der vor dem Krieg mit Russland so eng verbunden war wie kein zweiter deutscher Konzernlenker. Und sie kosten dem Unternehmen viel Geld: Der vollständige Rückzug aus Russland, den Mehren am Dienstagabend verkündete, belastet seine Firmenbilanz mit gewaltigen 5,3 Mrd. Euro an Abschreibungen. Kein anderer deutscher Konzern muss den Abschied aus dem Reich Putins so teuer bezahlen.

Auch deshalb hatte Wintershall so lange gezögert, sich von den drei Förder-Joint-Ventures zu trennen. Dabei waren sie den Deutschen bereits vor Monaten völlig aus der Hand geglitten. Die Russen machten, was sie wollten. Nicht einmal vor einer direkten Unterstützung des Kriegs in der Ukraine schreckten die Manager vor Ort zurück. Jetzt sagt Mehren zu Recht, das Eigentum von Wintershall sei „faktisch enteignet“ worden. Deshalb blieb dem Konzern auch keine Alternative mehr zum Rückzug. Ein richtiger Schritt, auch wenn er spät kommt.

Der Mutterkonzern BASF, der mehr als zwei Drittel der Anteile an Wintershall hält, ist damit allerdings noch nicht ganz aus der Bredouille. Noch besteht die Partnerschaft mit den beiden russischen Oligarchen Pjotr Awen und Michail Fridman fort, die über eine Investmentgesellschaft das andere Drittel an Wintershall halten. Seit sie auf westlichen Sanktionslisten stehen, greifen sie zwar nicht mehr in das Geschäft ein. Aber auf Dauer bleibt BASF keine andere Wahl, als auch diese ominöse Verbindung zu beenden. Der ursprünglich anvisierte Börsengang von Wintershall erscheint in der jetzigen Lage unrealistischer denn je.

Langfristig gilt: Wer seine Beziehungen zu dem Kriegsverbrecherstaat kappt, mag zunächst draufzahlen, aber rettet seine Glaubwürdigkeit und seinen guten Ruf. Nach dem Schritt von Wintershall gibt es zum Beispiel für Volkswagen keine einzige Entschuldigung mehr, das eingemottete Werk im russischen Kaluga noch länger im Konzernverbund zu halten. Und erst recht gibt es keine Entschuldigungen mehr für Unternehmen, die immer noch Geschäfte mit Russland machen wie Knauf, Metro, Ritter Sport, Globus, Liebherr und andere. Sie alle hatten, ohne es natürlich zu sagen, auf eine schnelle Niederlage der Ukraine gesetzt und auf das Vergessen der Welt. Doch der Krieg geht jetzt in sein zweites Jahr, die Brutalität der Russen kennt keine Grenzen mehr und die Verwandlung der gesamten russischen Gesellschaft in eine faschistisch-stalinistische Diktatur erlaubt keine Hoffnung mehr auf ein Zurück zum Status quo ante.

Wenn Wintershall es schafft, sich geordnet aus Russland zurückzuziehen, wie es Mario Mehren jetzt ankündigt, dann kann das auch jeder andere deutsche Konzern. Die Zeit der Ausreden endet.

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