InterviewWas uns der Wilde Westen für das Internet lehrt

Tim Cole
Tim Cole hat sich als Kolumnist, Experte und Blogger sowie als Vortragsredner einen Namen als Experte für die digitale Wirtschaft gemacht. Einem breiten Publikum wurde Cole als Moderator der Fernsehsendung eTalk des Nachrichtensenders n-tv und später bei N24 ein Begriff. Tamara Jung-König

Capital: Sie vergleichen in Ihrem jüngsten Buch die aktuelle Ära des Internets mit dem Wilden Westen. Können Sie das genauer erläutern?

TIM COLE: Damals wie heute sind die Menschen aufgebrochen, eine unbekannte und für sie fremdartige Welt zu erobern – eine Welt ohne Gesetz und Ordnung, in der nur die Macht zählte. Die Menschen haben damals dieses Land ganz langsam und mühevoll besiedelt, kultiviert und in einen blühenden Garten verwandelt. Im World Wide Web steht uns das erst noch bevor. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir es ebenso schaffen werden wie meine amerikanischen Vorfahren, die – wir sagen – den „Westen gewonnen haben.“

Wer sind denn dabei die Cowboys und wer die Indianer?

Man könnte sicher eine Analoge konstruieren zwischen den Web-Usern und den Hackern, aber darum geht es mir gar nicht. Viel wichtiger ist das, was gegen Ende des Wilden Westen geschah, als nämlich die großen Monopole entstanden, die die Menschen ausbeuteten und ihre Macht hemmungslos missbraucht haben – so wie es heute die großen Internetkonzerne tun: GAFA – Google, Amazon, Facebook und Apple. Ich zitiere in dem Buch das Beispiel der „Räuberbarone“ wie John D. Rockefeller, der Standard Oil mit ruchlosen Methoden zum wertvollsten Unternehmen seiner Zeit machte. Er schenkte beispielsweise den Chinesen Lampen und machte sie damit von seinem Öl abhängig. Genauso ruchlos war Steve Jobs, der Apple zum wertvollsten Unternehmen unserer Zeit gemacht hat; nicht etwa, indem er so viele iPhones verkauft hat, sondern indem er uns süchtig gemacht hat nach seinen Apps und seiner iTunes-Musik, ohne die viele von uns heute gar nicht mehr leben wollen. Die GAFA-Unternehmen haben es verstanden, sich in unser Leben einzuklinken und sich an dem Strom von Daten zu bedienen, die wir ihnen frei Haus liefern – ohne dass wir ein Mitsprachrecht hätten, wie diese Daten verwendet werden, und ohne dass man wenigstens unsere Daten ausreichend vor Diebstahl und Missbrauch schützen würde.

Welche Rolle spielt Deutschland in diesem digitalen Wilden Westen?

Deutschland ist ein Teil Europas, und Europa spielt gerade eine führende Rolle bei der Schaffung von Recht und Ordnung in Internet. Denken Sie nur an die zu Unrecht verspottete DSGVO. Andere Länder – allen voran Amerika – beneiden uns heute um dieses Gesetz, das ein erster Schritt gewesen ist, um unser gemeinsames Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung auch wirklich umzusetzen. Ja, das Gesetz ist leider etwas amateurhaft, aber man kann es ja nachbessern. Aber in Kalifornien beispielsweise denkt man gerade darüber nach, wie sie ein Gesetz nach dem Vorbild der DSGVO bei sich einführen könnten.

Und welche Rolle spielt China? Das Land hat im technologischen Bereich ja eine rasante Entwicklung gezeigt …

Bislang fand in China alles hinter der großen Firewall statt, also haben wir davon nicht so viel mitbekommen. Das ändert sich gerade, denn die großen Internetkonzerne im Reich der Mitte – die Baidus, Tencents, Alibabas und Xiaomis – wollen expandieren. Das Problem ist, dass China ein autokratisch regiertes Land ist, und da sind ethische Konflikte vorprogrammiert. Nicht, dass ich als Amerikaner besonders stolz auf das bin, was sich gerade in Amerika abspielt. Aber wenn wir gedacht haben, GAFA seien prinzipienlose Gierkapitalisten, dann warten Sie erst einmal ab, bis die Chinesen kommen!

Wie groß ist der Schaden aus dieser unregulierten Landschaft für die Gesellschaft?

Immens. Die GAFA-Unternehmen halten sich an keine Spielregeln, sie zahlen, wenn überhaupt nur höchst widerwillig Steuern, und sie kümmern sich nicht um fairen Wettbewerb. Nicht umsonst verhängt die EU in letzter Zeit Rekordstrafen gegen die großen Internetkonzerne. Im Juli waren es 4,34 Mrd. Euro gegen Google wegen Missbrauchs der Marktmacht. Facebook droht eine Strafe von 1,4 Mrd. Euro wegen ihrem laxen Umgang mit Kundendaten. Apple musste neulich Steuern in Höhe von 13 Mrd. Euro nachzahlen. Okay, das leisten die sich alle aus der Portokasse – noch. Aber irgendwann wird es auch ihnen weh tun.

Wie stark hängt denn Ihrer Meinung nach der Aufstieg des Populismus mit all dem zusammen?

Die Tech-Konzerne verstärken bei den Menschen das Gefühl, machtlos und fremdbestimmt zu sein. Stimmt ja auch! Dabei haben wir kleinen Leute ja ein ungeheures Machtmittel, vor dem sich selbst GAFA fürchten muss: das Internet! Als Verbraucher entscheiden wir darüber, welches Unternehmen am Ende die Nase vorne hat. Und wenn uns etwas nicht passt, haben wir einen Kommunikationskanal, über den wir uns austauschen und mit anderen zusammenschließen können. Schauen Sie sich nur die Entwicklung der Nutzerzahlen bei Facebook an: Denen laufen vor allem die jungen User scharenweise davon! Deshalb wird heute ganz offen darüber diskutiert, wer wohl der Nachfolger von Facebook im Social Web sein wird. Und Jeff Bezos hat neulich in einer Betriebsversammlung seine Leute gewarnt, dass auch Amazon eines Tages scheitern könnte – so wie Sears Roebuck, das noch in den Zeiten des Wilden Westens gegründet wurde, zum größten Handelsunternehmen seiner Zeit aufstieg und vor ein paar Monaten in die Pleite abrutschte.