Herles’ Zukunftsblick

KolumneUnser Sputnik-Schock

Benedikt Herles
Benedikt HerlesPR

Eine Aluminiumkugel mit vier Antennen veränderte den Lauf der Geschichte. Im Jahr 1957 schickten die Sowjets als Erste einen Satelliten ins All – sie hatten ihn Sputnik getauft. Punktsieg für den Osten. Der Westen erlitt den sogenannten Sputnik-Schock und die Vereinigten Staaten verloren zwischenzeitlich das Bewusstsein für ihre technologische Überlegenheit.

Doch im Wettstreit der Systeme setzte die Panik der Kapitalisten historische Kräfte der Erneuerung frei. Unter den Präsidenten Eisenhower und Kennedy reagierten die USA mit der Verwandlung in eine Technologie-Supermacht. Reformen krempelten das Bildungs- und Wissenschaftssystem um. Vom Mathematikunterricht an den Schulen bis zur Grundlagenforschung wurde alles überdacht. Zahlreiche Institutionen und Einrichtungen entstanden, die in den folgenden Jahrzehnten den technologischen Fortschritt vorantrieben, so zum Beispiel die National Space Agency (NASA) oder die Advanced Research Projects Agency (ARPA). Letztere brachte 1968 das ARPANET hervor, aus dem später das Internet wurde.

Zu Ende gedacht…

Benedikt Herles Buch "Zukunftsblick" ist im Droemer Verlag erschienen
Benedikt Herles Buch „Zukunftsblick“ ist im Droemer Verlag erschienen

Heute erlebt Deutschland seinen Sputnik-Schock. Wie einst die Amerikaner, so müssen jetzt wir feststellen: Technologisch sind uns andere Nationen längst enteilt. Das Land der Tüftler, Ingenieure und Hidden Champions hat das Bewusstsein für seine überlegene Innovationskraft verloren. Die Republik hinkt meilenweit hinterher, und das so ziemlich überall: Beim Netzausbau, bei der Entwicklung künstlicher Intelligenzen, bei der Gründung erfolgreicher Internetunternehmen, bei der digitalen Bildung. Doch anders als die USA der 1950er-Jahre, haben wir es nicht nur mit einer, sondern gleich mit zwei konkurrierenden Technologiemächten zu tun – China und Amerika.

Was für die Vereinigten Staaten die Raumfahrt war, das könnte für uns die Automobilindustrie werden. Unter dem blinden Feuerschutz der Politik konnte der einstige Stolz der Nation eine Arroganz entwickeln, die ausreichte, um die Zeichen der Zeit zu übersehen. Voller Überraschung müssen wir feststellen: Anderswo sind sie weiter. Die Zukunft der Mobilität entsteht nicht mehr in Stuttgart, Wolfsburg und München.

Seit weit mehr als einem Jahrzehnt diskutieren wir nun über die Herausforderung durch die Digitalisierung. Aber bisher blieben die Risiken mehr oder weniger hypothetisch. De facto ging es deutschen Unternehmen noch nie so gut. Cash-Berge bis in den Himmel und Beschäftigung auf Rekordhoch. Doch das wird sich nun ändern. In der Automobilindustrie materialisieren sich die Gefahren des Wandels. Die Einschläge großer Stellenstreichungen häufen sich bei Zulieferern wie OEMs. Dieselskandal, Elektromobilität, Vernetzung, autonomes Fahren und der Verfall des einstigen Statussymbols Auto bilden zusammen einen „perfect storm“. In ihm scheint alles möglich – selbst eine Kooperation von BMW und Daimler auf gleich zwei zentralen Zukunftsfeldern, nämlich digitalen Mobilitätskonzepten und Roboterautos. Sicherlich der richtige Schritt, und doch Ausdruck einer sputnik’schen Panik.