Herles‘ Zukunftsblick

KolumnePflichtprogramm Green Venturing

Benedikt Herles
Benedikt HerlesPR

Die Verzahnung mit der Gründerszene ist Baustein jeder ordentlichen Digitalisierungsstrategie. Egal ob im Dax oder im Mittelstand – Start-ups können etablierten Organisationen den Geist des Aufbruchs einhauchen. Die Spielarten der Kollaboration sind vielfältig: Sie reichen vom reinen Ideenaustausch über operative Partnerschaften bis hin zu finanziellen Beteiligungen. Richtig umgesetzt profitieren beide: Start-up und Konzern. Und so schossen die Inkubatoren, Akzeleratoren, Corporate Venture Capital Funds, Innovation Hubs und Venture Clients in den letzten Jahren nur so aus dem Boden. Gefühlt jedes stolze und einigermaßen große Traditionsunternehmen gründete seine eigene Venturing-Einheit. In nicht selten zeitgeistigen Berliner Hinterhof-Büros wird seitdem an der Erneuerung der deutschen Industrie getüftelt.

Doch für eine andere Meta-Aufgabe dieser Zeit wird die disruptive Kraft junger Unternehmer bisher meistens noch unzureichend genutzt: Für die Transformation der Wirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit. Dabei geht es um nicht weniger als die Frage, wie sich ökonomische Prosperität und Wachstum mit dem Mandat endlicher Ressourcen versöhnen lassen. Mögliche Antworten im Konkreten liefern wiederum oft Firmengründungen mit innovativen Produkten und Geschäftsmodellen. Green Venturing sollte deshalb zur tragenden Säule jeder grünen Unternehmensstrategie werden. Dabei lässt sich von den Erfahrungen und Fehlern aus der digitalen Sphäre lernen.

Zu Ende gedacht…

Die tatsächliche Erfolgsbilanz vieler Innovations- und Venturing-Units sieht bisweilen durchwachsen aus. Die Umarmung der Start-up-Welt scheitert häufig an kulturellen Unterschieden, fehlenden Anreizstrukturen, mangelndem gegenseitigem Verständnis, kurzfristigem Denken und anderen Hindernissen. Corporate Venturing endet nicht selten als oberflächliche Digitalshow ohne echte unternehmerische Ergebnisrelevanz. Das ist hinnehmbar in Boomjahren, aber inakzeptabel in Krisenzeiten. Erst jüngst verkaufte zum Beispiel Daimler seine Innovationsplattform „Lab 1886“. Die Corona-Krise könnte noch so manches Experiment beenden. Gerade in einem ökonomisch schwierigem Umfeld sollte die Zusammenarbeit mit Start-ups messbaren Einfluss auf Umsatz oder Gewinn haben.

Die Ansatzpunkte für wirtschaftlich erfolgreiches Green Venturing bestehen jedoch entlang der gesamten Wertschöpfungskette und in so gut wie jeder Industrie. Ökologisch wertvolle Produktentwicklungen können neue Kundengruppen erreichen oder bessere Margen erzielen, wenn Abnehmer bereit sind, höhere Preise für nachhaltige Güter zu zahlen. Das gilt zum Beispiel in der Lebensmittel- und Konsumgüterindustrie. Ein wachsendes Ökosystem neuer Marken mit starkem Sustainability-Bezug treibt dort die Branchen-Transformation voran. Allein der Megatrend Fleischersatz hat mit Impossible Foods und Beyond Meat bereits zwei grüne Unicorns hervorgebracht.

Aber auch in der Produktion entstehen Potentiale für verbesserte Wertschöpfung. Neue Fertigungsmethoden ermöglichen ökologisch und ökonomisch effizientere Prozesse. Eines der spannendsten Spielfelder für nachhaltige Start-ups ist beispielsweise die sogenannte synthetische Biologie. Mithilfe moderner Gentechnik lassen sich Hefe oder Bakterien zu kleinen organischen Fabriken umprogrammieren. Bis zu 60 Prozent aller physischen Inputfaktoren könnten laut Prognosen mithilfe von biologischen Herstellungsverfahren produziert werden. Das reduziert nicht nur industrielle CO2-Emissionen. Neue leistungsfähige und umweltfreundliche Materialien biologischen Ursprungs werden entstehen. Der potenzielle wirtschaftliche Wert dieser globalen Biorevolution wird auf bis zu 4 Billionen Dollar jährlich geschätzt. Führende Gründungen wie Ginko Bioworks oder Zymergen haben längst Milliardenbewertungen. Doch die synthetische Biologie steht heute noch dort wo die digitale Transformation vor vielen Jahren stand: am Anfang.

Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Ökonomie spielt Technologie eine, wenn nicht die entscheidende Rolle. Um den wachsenden Anforderungen von Kunden, Regulatoren und Kapitalmärkten gerecht zu werden, müssen CEOs Bestehendes zunehmend infrage stellen. Um auch die wirtschaftlichen Chancen dieses Wandels zu nutzen, braucht es bahnbrechende Innovationen. Diese entstehen häufig in Start-ups. Erfolgreiches Green Venturing identifiziert die Sustainability-Disruptoren von morgen frühzeitig und bindet sie an das etablierte Unternehmen, ohne sie dabei auszubremsen. Das ist herausfordernd, kann aber gelingen, wie die erfolgreichen Beispiele digitaler Venturing-Aktivitäten zeigen. Die nächste Generation an Inkubatoren, Akzeleratoren, und Venture Funds sollte deshalb eine grüne sein. Action required!

 


Benedikt Herles ist Capital „Top 40 unter 40“, Head of Sustainable Transformation bei KPMG und Host des Podcast „Zeitenwende“. Sein neuestes Buch: „Zukunftsblind – Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren“ (Droemer).