Herles‘ Zukunftsblick

KolumneKlimaschützer Nummer eins: der Finanzmarkt

Benedikt Herles
Benedikt HerlesPR

Joe Biden könnte als großer Klimaschützer scheitern. Sein Wahlprogramm sah eine CO2-freie Energieversorgung bis 2035 vor, das ganze Land sollte 2050 klimaneutral sein. 2 Billionen Dollar sollten für eine nachhaltige Infrastruktur und Industrie bereitgestellt werden. Doch für einen solch ehrgeizigen Plan hätte der 46. Präsident der Vereinigten Staaten eine Mehrheit im Senat gebraucht, und an der wird es Biden vermutlich fehlen. Denn aus heutiger Sicht ist es unwahrscheinlich, dass die Demokraten die beiden Stichwahlen in Georgia gewinnen werden. Die USA werden trotzdem wieder dem Pariser Klimaabkommen beitreten und die ein oder andere Executive Order sollte möglich sein. Einen großen umweltpolitischen Wurf wird es jedoch kaum geben. Dagegen sind Klima-Minimalkompromisse in den kommenden zwei Jahren (mindestens bis zu den Midterm Elections) sehr wahrscheinlich.

Und auf der anderen Seite des Pazifiks? In seiner virtuellen Rede bei der UN-Generalversammlung verkündete Xi Jinping im September die Klimaneutralität seines Landes bis zum Jahr 2060. Der neue Fünfjahresplan wird entsprechend angepasst. Das Reich der Mitte ist für rund 30 Proznent aller CO2-Emissionen weltweit verantwortlich, und damit bei weitem der größte Kohlenstoffdioxidemittent. Als möglicher „Game Changer“ der globalen Klimapolitik wurde Xis Ansage deshalb interpretiert.

In den letzten Jahren wurde China nicht nur für die eigene Abhängigkeit von der Kohleverstromung kritisiert, sondern auch für die umfangreiche Finanzierung von Kohlekraftwerken im Ausland. Nach Angaben des Politikberatungsunternehmens Eurasia Group investierten Banken des Landes seit dem Jahr 2000 über 45 Mrd. Dollar allein in Kohle-Projekte in Südostasien. Neue Richtlinien für das chinesische Bankenwesen sprechen nun aber für eine Verschiebung hin zu nachhaltigen Finanzierungsaktivitäten im In- und Ausland. Die Chinesische Volksbank, die Zentralbank des Landes, wird bei ihrer Aufsicht des Bankenwesens verstärkt Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen. China setzt beim Kampf gegen den Klimawandel klar auf den Finanzsektor und bewegt damit einen Hebel mit viel Kraft: Vier der fünf größten Kreditinstitute der Welt kommen aus der Volksrepublik.

Eine verwandte Strategie wird bekanntlich in der Europäischen Union verfolgt. Die Instrumentalisierung des Kapitalmarkts spielt eine zentrale Rolle für die Realisierung von Ursula von der Leyens Green New Deal. Mit Initiativen wie der Sustainable-Finance-Taxonomie will die EU letztlich eine ökologische Kapitalstromlenkung erreichen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde spricht sich schon länger für eine „grüne Geldpolitik“ aus und betont die Bedeutung der Europäischen Zentralbank für den Klimaschutz.

Zu Ende gedacht…

Das erträumte Klimazugpferd USA kommt wahrscheinlich nicht richtig von der Stelle, China und Europa spielen die Kapitalmarkt-Karte. Auch so entwickelt sich der Finanzmarkt zum Klimaschützer Nummer eins. Dazu kommen nicht-politische Faktoren:

Gerade junge Anleger der Generationen Y und Z wollen ihr Geld vermehrt klimabewusst angelegt sehen. Im Jahr 2035 wird das Vermögen der amerikanischen Millennials das der Baby-Boomer übertreffen. Asset Manager müssen sich auf diese wachsenden Kundengruppen einstellen. Dazu haben immer mehr Vermögensverwalter genau verstanden, dass der Klimawandel nicht nur ein ökologisches, sondern vor allem auch ein ökonomisches Risiko darstellt. Naturkatastrophen gefährden Investments und Lieferketten, Kunden ändern ihre Präferenzen und fordern nachhaltige Produktsortimente, Firmen müssen sich auf neue regulatorische Anforderungen einstellen. Und so wird in Portfolio- und Investitionsentscheidungen der Faktor „Sustainability“ immer wichtiger. Davon profitieren Aktien und Anleihen von nachhaltigen Unternehmen. Spätestens seit Ausbruch der Corona-Krise performen Nachhaltigkeitsindizes dann auch zum Teil überdurchschnittlich gut.

Die neue Rolle des Finanzsektors als Treiber des Klimaschutzes wird volkswirtschaftliche- und betriebswirtschaftliche Konsequenzen haben. Firmen in „braunen“ Industrien müssen sich in einem zunehmend schwierigen Finanzierungsumfeld zurechtfinden. Sogenannte „Stranded Assets“, also Beteiligungen, die mehr oder weniger wertlos geworden sind, könnten Bilanzen belasten. Der Verkauf solcher Einheiten wird sich in einem selektiven Marktumfeld als schwierig bis unmöglich erweisen. Ein beschleunigter gesamtwirtschaftlicher Strukturwandel mit entsprechenden sozialen Implikationen für die betroffenen Belegschaften könnte die Folge sein. Und je mehr Geld in grüne Branchen und Anlagemöglichkeiten fließt, desto größer wird auch die Gefahr einer Blasenbildung.

Für kapitalmarktorientierte Unternehmen wird indessen eine „Green Equity Story“ immer wichtiger. CEOs werden in Zukunft daran gemessen werden, ob sie es schaffen ihr Geschäfts- und Betriebsmodell im Sinne der Nachhaltigkeit anzupassen und Investoren zu kommunizieren. Ein grüner Finanzmarkt wird noch so manche Unternehmensleitung vor sich hertreiben. Action required!

 


Benedikt Herles ist Capital „Top 40 unter 40“, Head of Sustainable Transformation bei KPMG und Host des Podcast „Zeitenwende“. Sein neuestes Buch: „Zukunftsblind – Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren“ (Droemer).