Herles‘ Zukunftsblick

KolumnePerspektivenwechsel in der Pandemie

Benedikt Herles
Benedikt HerlesPR

Von der Pandemie als ökonomische Chance zu schreiben mag manchem in der größten Wirtschaftskrise seit Bestehen dieses Landes zynisch erscheinen. Doch gerade im Angesicht von zehn Millionen Kurzarbeitern, ausufernden Staatsschulden und ungezählten Restrukturierungsfällen ist Optimismus ein wertvolles Gut. Einen bleibenden Wohlstandsverlust oder gar eine verlorene „Generation Corona“ können wir nur verhindern, indem wir den Covid-19-Schock nutzen, um die Wirtschaft nachhaltig zu transformieren.

Das Virus wirkt als eine Art Katalysator: Es beschleunigt einen Wandel, der schon vor Ausbruch der Seuche angelegt war. An ihm kann man scheitern, aber von ihm kann man auch profitieren. Aus früheren Rezessionen wissen wir, dass gerade solche Unternehmen gestärkt aus Krisen hervorgehen, die es schaffen frühzeitig neue Opportunitäten aufzugreifen. Zeit also für einen Perspektivenwechsel.

Zu Ende gedacht…

Starten wir mit dem Thema Arbeit. Das Virus hat in drei Monaten geschafft, was drei Jahrzehnte digitale Transformation nicht vermocht haben: Eine echte Offenheit für virtuelles und flexibles Zusammenarbeiten. Die Office-Präsenzpflicht wird so vermutlich nicht zurückkehren. Der Lockdown hat endgültig bewiesen, dass Heimarbeit funktioniert. Das ist gut für Mitarbeiter, Unternehmen und Gesellschaft.

Firmen können sich die hohen Kosten für Büroflächen zum Teil sparen, Familien haben die echte Chance, der Mietpreis-Hölle in großen Städten zu entkommen. Wer zumindest teilweise in den eigenen vier Wänden tätig ist, kann auch größere Entfernungen zum Arbeitgeber in Kauf nehmen und muss sich Stau, Kosten und Stress in überlasteten urbanen Zentren nicht mehr antun. So könnte das uralte, aber bisher leider falsche Versprechen des Internets schließlich doch noch wahr werden: Dass es egal ist, wo man seinen Laptop aufschlägt solange die Datenverbindung schnell genug ist. Heißt aber auch: Damit ländliche Regionen wirklich von Covid-19 profitieren können, muss der Ausbau der digitalen Infrastruktur nun umso mehr gelingen – und das zügig.

Die Pandemie hat den digitalen Aufholbedarf der Republik in jeder Hinsicht gnadenlos aufgedeckt. Viel diskutiert wurde das am Beispiel Schule und Unterricht. Aber auch jedes private Unternehmen kennt nun den wahren Status seiner digitalen Transformation. Ein beschleunigter Strukturwandel ist deshalb das große Versprechen der Krise. Ausgaben für Cloud- und virtuelle Kollaborationstechnologien werden steigen. Es sind Investitionen, die längst hätten getätigt werden sollen. Nicht umsonst steht der Nasdaq Composite schon fast wieder bei seinem Allzeithoch. Die deutsche Wirtschaft hat die Chance, ein Stück weit digitalen Boden gutzumachen.

Auch die Anfälligkeit weltumspannender Liefer- und Wertschöpfungsketten wurde durch das Virus aufgezeigt. Der Trade-off zwischen Effizienz und Resilienz wurde durch die Disruption der Pandemie zum entscheidenden Abwägungsprozess für jeden CEO. Im Ergebnis könnten Endfertigungsbetriebe (z.B. OEMs der Automobilindustrie) eine verstärkte Nachfrage nach Zuliefer- und Vorprodukten aus Europa generieren. Auf diese Weise schaffen sie wiederum Wachstumsopportunitäten für heimische Unternehmen. Hinzu kommen neue staatliche Anforderungen an die Bereitstellung lokaler Produktionskapazitäten in systemrelevanten Branchen, z.B. in der Pharmaindustrie.

Eine verstärkte Lokalisierung volkswirtschaftlicher Wertschöpfung könnte auch der Startpunkt einer neuen Automatisierungswelle sein. Denn Güter, die schon seit Jahrzehnten nur noch in Schwellenländern mit niedrigen Lohnkosten gefertigt wurden, können hierzulande lediglich durch den Einsatz von Hightech zu wettbewerbsfähigen Preisen produziert werden. Innovationen wie der kollaborativen Robotik könnte so der endgültige Durchbruch gelingen.

Nur kurzfristig hat das Virus das Dauerthema Klimawandel in den Hintergrund gedrängt. Es wird mit doppelter Wucht zurückkehren. Denn sowohl in Berlin als auch in Brüssel könnte schon bald ein neues Motto gelten: „Flatten the climate curve“. Subventionen im Rahmen kommender Konjunkturprogramme werden vermutlich teilweise an CO2-Ziele gekoppelt sein. Sie gilt es aus Unternehmenssicht zu antizipieren. Von der Krise profitieren werden Firmen, die Nachhaltigkeit zur strategischen Priorität gemacht machen. Entsprechend wird die Dekarbonisierung der Wirtschaft an Fahrt gewinnen. Für CEOs und Unternehmer ist es jetzt höchste Zeit die betriebliche Klima-Transformation und damit ihren eigenen Perspektivenwechsel voranzutreiben. Action required!

 


Benedikt Herles ist Head of Sustainable Transformation bei KPMG. Sein neuestes Buch: „Zukunftsblind – Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren“ (Droemer). Hier finden Sie weitere Folgen von Herles‘ Zukunftsblick