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Kolumne Geostrategen gesucht

Benedikt Herles
Benedikt Herles
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Europa schwingt sich zum grünen Standardsetzer auf und der Streit zwischen den USA und China vertieft den digitalen Graben. Benedikt Herles über die weitreichenden Folgen von zwei geopolitischen Entwicklungen des Sommers

Für geopolitisch interessierte hatte dieser Sommer einiges zu bieten. In Europa, Asien und Amerika haben Regierungen Entscheidungen getroffen, die noch vor wenigen Monaten kaum vorstellbar gewesen wären. Das Jahr 2020 bleibt sich treu: Die Beschleunigung des Wandels macht auch vor internationalen Beziehungen nicht halt. Gerade deutsche Unternehmen mit ihren weltumspannenden Aktivitäten sind davon betroffen. Von Entscheidungsträgern werden zunehmend geostrategische Kompetenzen verlangt. Grund genug für eine kurze Einordnung der jüngsten Entwicklungen.

Zu Ende gedacht...

Beginnen wir in Europa. Ein Teil des 750 Mrd. Euro schweren Recovery Plans soll nach dem Willen der Europäischen Kommission über die Einführung eines Klimazolls refinanziert werden. Von der medialen Berichterstattung über den Wiederaufbauplan wenig beachtet, ist dieses Instrument tatsächlich etwas ganz Neues: grüne Geopolitik.

Importe, deren Produktion nicht den Klimaschutzansprüchen der EU entsprechen, sollen über den sogenannten „Carbon Border Adjustment Mechanism“ belastet werden. Dieser soll heimische Produktion fördern und Nicht-EU-Unternehmen zur Reduktion ihrer CO2-Emissionen verpflichten. Die Union wird so zum defacto grünen Standardsetzer der Welt. Zwischen 5 und 14 Mrd. Euro jährlich sollen so in Zukunft eingespielt werden, je nach Ausgestaltung der neuen Regelungen. Beschlossen werden sollen sie in der ersten Hälfte des kommenden Jahres. Russland und die USA haben bereits Widerstand angekündigt.

Für Kommissionschefin Ursula von der Leyen ist der Klimazoll ein Coup. Schon letztes Jahr sprach sie von einer „ geopolitischen EU-Kommission “. Europa soll seinen machtpolitischen Platz zwischen China und den USA finden. Grüne Geopolitik ist eine echte Innovation auf diesem Weg. Und auch nach innen dürfte das Vorhaben geholfen haben, die „Sparsamen Fünf“ zu überzeugen, dem Recovery Plan zuzustimmen. Denn zum einen bringt es dringend benötigtes Geld in die Kasse, zum anderen fühlen sich ja gerade die Länder des europäischen Nordens dem Klimaschutz verpflichtet.

Während Europa geopolitisch eigene Wege geht, lieferte der Sommer indessen eine erstaunliche Eskalation des digitalen Decoupling – der Aufspaltung der Technologiewelt in eine chinesische und eine US-amerikanische Hemisphäre. Im Juli verbot die Johnson-Regierung britischen Netzbetreibern den Einsatz von Huawei-Technologie . Sie folgt damit den USA und nimmt sogar in Kauf, dass sich der 5G-Ausbau durch den Beschluss stark verzögern wird. Im Juni kam es im Galwan-Tal in der indisch-chinesischen Grenzregion des Himalayas zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden sich zunehmend feindlich gegenüberstehenden Nachbarnationen. Auf der Seite Indiens starben bei Gefechten mindestens 20 Soldaten. Die politische Antwort aus Neu-Delhi war ein Bann von über hundert chinesischen Apps , darunter die Videoplattform Tiktok. Die Entscheidung der Exekutive Narendra Modis zeigt: Zwischenstaatliche Konflikte werden längst auch in der digitalen Sphäre ausgetragen.

Huawei und Tiktok sind „Geotech“ – ein Kofferwort aus Geopolitik und Technologie. Geotech ist ein heißes Pflaster. Auf ihm agiert die amerikanische Administration zuletzt deutlich erfolgreicher als die Kommunistische Partei Chinas. Die technologische Einflusssphäre der Volksrepublik wird kleiner. Bisheriger Höhepunkt des digitalen Decoupling ist Donald Trumps Executive Order von vorletzter Woche: Tiktok soll auch in Amerika verboten werden, sollte sich kein Käufer für das US-Geschäft der App finden. Die ganz große geostrategische Frage lautet derweil: Wird aus dem digitalen- ein realwirtschaftliches Decoupling?

Die Aussicht eines neuen kalten Krieges zwischen China und den USA wird heiß diskutiert. Doch anders als einst die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion, sind beide Länder wirtschaftlich trotz aller Handelskonflikte ökonomisch kaum entflechtbar miteinander verwoben. Selbst der „Phase One Trade Deal“ aus dem Januar hält (noch) allen politischen Turbulenzen stand. Dennoch stehen sich auf beiden Seiten des Pazifiks zwei durch die Corona-Krise stark geschwächte Staatsoberhäupter mit Profilierungsdruck gegenüber. Ein geopolitisch heißer Herbst steht uns bevor.

Heimische Unternehmen sollten sich auf verschiedene Szenarien einstellen. Verschärft sich das digitale Decoupling, könnten global agierende Organisationen zum Beispiel gezwungen sein, ihre internen IT-Systeme aufzuspalten und eine doppelte Infrastruktur mit jeweils chinesischen und US-amerikanischen Daten- und Softwarelösungen aufzubauen. Der neue europäische Klimazoll könnte bestehende Liefer- und Wertschöpfungsketten unrentabel machen. Transpazifische Handelsströme laufen Gefahr, im Worst Case eines realwirtschaftlichen Decoupling auszutrocknen. Klares Management-Fazit dieses Sommers: Es ist Zeit für eine Geopolitik-Strategie. Action required!

Benedikt Herlesist Head of Sustainable Transformation bei KPMG und Host des Podcasts „Zeitenwende“. Sein neuestes Buch: „Zukunftsblind – Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren“ (Droemer).

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