Herles' Zukunftsblick Wo beginnt unsere ökonomische Souveränität?

Benedikt Herles
Benedikt Herles
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Die Krisen der letzten Jahre führen uns deutlich vor Augen, wie abhängig Europa von Energie aus Russland oder Chips aus Asien ist. Eine Frage muss jetzt beantwortet werden: Wie autonom wollen wir wirtschaftlich sein?

Verschiedene Handlungsstränge des Weltgeschehens haben in den letzten Wochen fusioniert: Die Lieferkettenkrise, die Ressourcenkrise, die Energiewende und natürlich die Ukrainekrise. Die Folge: Rohstoffpreise explodieren, globale Versorgungsengpässe drohen und erneuerbare Energien sind nun „Freiheitsenergien“, wie Christian Linder es formuliert. 

Das Wort „Zeitenwende“ wird dabei inflationär verwendet. Sicherheitspolitisch ist offensichtlich, was gemeint ist. Ein neuer Kalter Krieg hat begonnen, Deutschland und Europa rüsten auf. Wirtschafts- und energiepolitisch reden nun alle von der Unabhängigkeit von russischen Öl-, Gas- und Kohleimporten – zu Recht, denn die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt hängt bekanntlich am fossilen Tropf Moskaus. Doch tatsächlich sollten wir eine breitere Debatte über die ökonomische Souveränität Europas führen. Denn diese Zeitenwende ist nicht weniger als der endgültige Bankrott eines wirtschaftlichen Vernetzungs-Paradigmas. Es hat in den letzten gut drei Jahrzehnten hervorragend funktioniert, ist nun aber offensichtlich an seine Grenzen gestoßen.

Zu Ende gedacht...

Weltumspannende Wertschöpfungsketten und komplette globale Arbeitsteilung sind effizient und haben seit Ende des ersten Kalten Krieges zu einer wahren Wohlstandsexplosion geführt. Nicht unbedingt in den Mittelschichten der alten Industrienationen, sehr wohl aber in Schwellenländern, allen voran in China. Das Reich der Mitte wurde zur Fabrik der Welt, hunderte Millionen Menschen entkamen der Armut.

Doch schon in der Covid-Krise wurde die Fragilität dieses Systems offensichtlich. Unsere Pharmaindustrie fürchtete um Wirkstoffimporte aus Asien, eine heimische Maskenproduktion gab es nicht, geschlossene chinesische Häfen führten zu Logistik- und Lieferproblemen. Deutsche Automobilkonzerne mussten teilweise die Produktion einstellen, weil die Chips fehlten. Die Inflation kehrte zurück, auch da die Verfügbarkeit von industriellen Vorprodukten abnahm und damit die Preise stiegen. Seit zwei Jahren ist klar: Wenn es darauf ankommt, ist Europa alles andere als ökonomisch souverän. „Resilienz“ wurde in der Pandemie so zum neuen Modewort des Managements. Nach Jahren der Fokussierung auf Optimierung und Kostensenkungen ist auch die Widerstandskraft von Liefer- und Produktionsprozessen ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. 

Nun kommt Putins Krieg dazu und unsere fehlende Autonomie wird noch virulenter. Windräder, Solaranlagen und neue LNG-Terminals sind natürlich Teil der Lösung. Aber eben nur ein Teil. Die Energieversorgung ist ein kritisches Handlungsfeld, Technologie das andere. Wir sind abhängig von Batteriezellen aus Fernost, US-amerikanischen Cloud-Systemen und taiwanesischen Computerchips. Gerade letzteres sollte niemanden unbesorgt lassen.

Denn neben der Ukraine ist Taiwan ein weiterer, wenn nicht der größte geopolitische Brennpunkt unserer Zeit. Dort sind rund 90 Prozent der weltweit modernsten Halbleiter-Produktionskapazitäten beheimatet. Die taiwanesische Chipindustrie ist global systemrelevant. Würde das Land durch einen militärischen Konflikt von der Weltwirtschaft abgeschnitten, oder Chip-Fabriken gar zerstört werden, hätte das fundamentale Konsequenzen. Das ist Risiko und Schutz zugleich, schließlich ist auch die chinesische Industrie auf Halbleitertechnologie aus Taiwan angewiesen. Das könnte eine Invasion letzten Endes sogar unwahrscheinlicher machen. Doch „schwarze Schwäne“ existieren oder anders formuliert: Das Unvorstellbare ist nicht mehr auszuschließen. Das hat seit Ausbruch der Pandemie und spätestens seit Putins Befehl zum Einmarsch in die Ukraine auch der Letzte verstanden.Der französische Präsident Emmanuel Macron plädiert seit Jahren für eine größere Souveränität Europas. Zu lange wurde seine Forderung nicht beachtet. Auch in Brüssel mangelt es nicht mehr an Erkenntnis. Bei der Produktion von Batteriezellen zum Beispiel ist Europa, auch dank entsprechender EU-Investitionen, auf dem Weg in Richtung größerer Unabhängigkeit. Doch schon bei den dafür benötigten Rohstoffen (z.B. Lithium oder Kobalt) zeigen sich wieder Engpässe.

Machen wir uns ehrlich: Eine größere wirtschaftliche Autonomie wird buchstäblich ihren Preis haben. Und selbstverständlich bleibt freier Handel marktwirtschaftliches Kernelement einer offenen Gesellschaft. Nicht jede Wertschöpfungskette sollte „europäisiert“ werden. Stumpfer Protektionismus ist keine Lösung. Und trotzdem zeigen die vergangenen 24 Monate, dass Risiko und Rendite globaler ökonomischer Vernetzung stärker miteinander abgewogen werden sollten. Denn eine zentrale Frage unserer Zeit lautet: Wo beginnt unsere Souveränität? Sie gilt es nicht nur sicherheits- und energiepolitisch, sondern eben auch industriepolitisch und in ihrer ganzen Breite zu diskutieren. Action required!


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