KolumneGeopolitische Geologie: China ist das neue Saudi-Arabien

Benedikt Herles
Benedikt HerlesPR

Joe Biden lädt zum Klimagipfel ein. Die amerikanische Impfkampagne schreitet derart zügig voran, dass sich die US-Regierung neuen Projekten widmen kann. Das für den 22. April geplante virtuelle Treffen der Staatenlenker, der „Leaders Summit on Climate“, ist ein Fanal. Klimaschutz ist endgültig zum wichtigsten geopolitischen Thema unserer Zeit geworden.

Die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft produziert Gewinner und Verlierer. Langfristig profitieren die Technologieführer und Standardsetzer des Wandels: Europa, die USA und China. Der kommende ökonomische und strategische Bedeutungsverlust der Petro- und Gasstaaten ist hingegen eine Binse.

Donald Trumps erste Dienstreise führte ihn noch nach Saudi-Arabien – wir erinnern uns an die Bilder des fröhlichen Präsidenten beim Säbeltanz. Von solchen Wüstentrips nimmt Biden zu Beginn seiner Amtszeit Abstand. Er scheint die Region depriorisiert zu haben. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn auf dem Weg zur Klimaneutralität entstehen neue Abhängigkeiten. Dabei spielt die Geologie eine entscheidende Rolle.

Zu Ende gedacht…

Netto-Null-Emissionen bis 2050. So lautet das erklärte politische Ziel, sowohl der Europäischen Union, als auch der Vereinigten Staaten. Doch bei allem klimapolitischen Optimismus – auch zur Mitte des Jahrhunderts wird die Menschheit abhängig von Diesel und Benzin bleiben. 2050 könnte die weltweite Öl-Nachfrage immer noch der des Jahres 2018 entsprechen.

Nicht nur bei der Nutzung, also beim Verbrennen von Kraftstoff, entstehen Treibhausgase, sondern auch bei dessen Produktion, Transport und Veredelung. 15 bis 40 Prozent der Emissionen stehen somit am Anfang der fossilen Wertschöpfungskette. So entweicht zum Beispiel bei der Erdölgewinnung Begleitgas, das häufig direkt verbrannt wird (das sogenannte Flaring).

Brennstoff aus Saudi-Arabien enthält dabei vergleichsweise weniger Klimagase. Das hat geologische Ursachen. Denn die Reservoirs des Königreichs, unter anderem das größte bekannte Ölfeld namens Ghawar, erlauben eine energieeffiziente Förderung, zudem wird vergleichsweise weniger Begleitgas abgefackelt. Ironie der Geschichte: CO2-Steuern auf Benzin könnten saudisches Öl zwischenzeitlich sogar noch wettbewerbsfähiger machen, weil es „sauberer“ ist.

Je schneller die globale Energiewende voranschreitet, desto stärker könnte der Ölpreis unter Druck geraten. Geologische Vorteile machen die Förderung von saudischem Öl noch bei rund 30 Dollar pro Barrel rentabel, ein Break-Even-Preis der deutlich unter dem anderer Petro-Nationen liegt. Kraftstoff aus Saudi-Arabien wird der Weltwirtschaft deshalb als Brückenenergiequelle mittelfristig erhalten bleiben müssen.

Der Saud-Dynastie bleibt mehr Zeit als anderen Ölstaaten, ihre Volkswirtschaft zu diversifizieren. Düsterer sieht es hingegen für Länder wie Nigeria, Libyen oder Venezuela aus. Sie verfügen nicht nur über geringere finanzielle Mittel für Zukunftsinvestitionen, sondern vor allem über eine schlechtere geologische Ausstattung.

Das neue Saudi-Arabien ist China

Das neue Öl sind seltene Erden und Rohstoffe wie Lithium, Kobalt, Nickel oder Indium. Das neue Saudi-Arabien ist China. Das Metall Indium zum Beispiel findet sich als transparenter Leiter in Flachbildschirmen, Touchscreens und Sonnenkollektoren. Bis 2050, so Prognosen, wird sich die globale Nachfrage auf rund 34.000 Tonnen kumulieren. Das Problem: Die bekannten Vorkommen belaufen sich nur auf rund 15.000 Tonnen. Mehr als die Hälfte des weltweit produzierten Indiums kommt dabei aus der Volksrepublik.

Für die Herstellung von Energiespeichern sind Kobalt und Lithium kritische Elemente. Rund 70 Prozent der gesamten Kobalt-Produktion stammen aus der Demokratischen Republik Kongo, die von Stabilität nur träumen kann – von sozialen Problemen wie Kinderarbeit ganz zu schweigen. Zwei Drittel der Kobalt-Veredelungskapazitäten befinden sich wiederum im Reich der Mitte.

Die größten Lithium-Produzenten sind Australien, Chile, Argentinien und natürlich China. Randnotiz: Von diesen vier pflegen die USA nur nach Down Under ein traditionell freundschaftliches Verhältnis. Die größten, aber noch weitgehend unerschlossenen Lithium-Vorkommen finden sich in Bolivien. Als ich vor rund zwei Jahren mit mehrheitlich chinesischen Mitreisenden von der Hauptstadt La Paz zum Lithium-reichen Salzsee von Uyuni flog, wurde auch mir vor Augen geführt, dass sich die Volksrepublik hier längst strategischen Zugang sichert.

Fazit: Die Geopolitik der Geologie birgt auch im post-fossilen Zeitalter viel Sprengstoff. Zu Recht ist die Versorgung mit Lithium längst CEO-Thema in der deutschen Automobilindustrie. Die Geschichte kennt Kriege um Öl. Konflikte um Mineralien könnten folgen. Die gute Nachricht: Anders als verbranntes Benzin, lassen sich metallische Rohstoffe meist recyceln. Kreislaufwirtschaftliche Strukturen sind deshalb der beste Schutz vor gefährlichen Abhängigkeiten.


Benedikt Herles ist Capital „Top 40 unter 40“, Head of Sustainable Transformation bei KPMG und Host des Podcast „Zeitenwende“. Sein neuestes Buch: „Zukunftsblind – Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren“ (Droemer).