Herles‘ Zukunftsblick

KolumneDie Zukunft der Globalisierung

Benedikt Herles
Benedikt HerlesPR

Solange ich denken kann wurde die Welt kleiner. Ich wuchs im Zeitalter der Hyperglobalisierung auf. Das Ende des kalten Krieges, die Erfindung des Containers, die digitale Transformation und die Öffnung Chinas ließen die ökonomische Vernetzung in den letzten drei Jahrzehnten explodieren. In 35 meiner 36 Lebensjahre wuchs der Welthandel. Zwischen 1960 und 2018 stieg der Wert der globalen Exporte um sagenhafte 1874 Prozent, während die gesamte weltweite Warenproduktion in der gleichen Zeit „nur“ um 625 Prozent zunahm. David Ricardos komparative Kostenvorteile – eine der ältesten wirtschaftswissenschaftlichen Ideen überhaupt – schufen erdumspannende Wertschöpfungs- und Lieferketten. Doch mit dem Virus scheint nun ein Wendepunkt dieses Narrativs gekommen zu sein. Eine Phase der „Deglobalisierung“ könnte beginnen. Dabei zeigt die Covid-19-Pandemie wie alles zusammenhängt: Handel, Geopolitik, Geldpolitik und Technologie.

Zu Ende gedacht…

Im Angesicht der Corona-Krise wurde die Steigerung der betrieblichen Widerstandskraft zum zentralen Motiv des strategischen Managements. Abhängigkeiten von fernöstlichen Zulieferstrukturen werden zunehmend kritisch beurteilt. Die mikroökonomische Abwägung von Resilienz und Effizienz hat dabei makroökonomische Konsequenzen. Volkswirte prognostizieren eine Welle des „Reshorings“, eine Rückkehr industrieller Wertschöpfung nach Europa und in die USA.

Allerdings scheint die Zeit der Hyperglobalisierung nicht erst seit dem Ausbruch von Covid-19 vorbei. In einer aktuellen Studie untersuchen die Ökonomen Kemal Kilic (LMU München) und Dalia Marin (TU München) die Entwicklung globaler Wertschöpfungsketten seit der Jahrtausendwende. Als Gradmesser industrieller Vernetzung betrachten sie den prozentualen Anteil von aus Entwicklungs- und Schwellenländern importierten Inputfaktoren an der Gesamtmenge aller eingeführten Vorprodukte. In wohlhabenden Ländern, also in den klassischen Industrienationen, stagniert dieser Wert bereits seit 2011. Handelsexpertin Marin führt zur Erklärung zwei Faktoren an: Zinsen und Unsicherheit.

Geopolitische und wirtschaftliche Risiken lassen den sogenannten Weltunsicherheitsindex (WUI) steigen. Wissenschaftler der Stanford Universität messen für diesen Indikator die Häufigkeit des Terminus „uncertainty“ in den Länderreports der Economist Intelligence Unit – der Analysesparte der Zeitschrift Economist. Wird das Wort Unsicherheit (oder Varianten davon) häufiger verwendet, steigt der WUI. Der Ausbruch der Lungenkrankgeit Sars im Jahr 2003 beispielsweise, führte zu einem 70 Prozent höheren Indexwert. Die europäische Schuldenkrise, der Brexit oder der Handelskrieg zwischen China und den USA haben die gefühlte Unsicherheit seit knapp einem Jahrzehnt immer wieder steigen lassen. Kilic und Marin konnten darlegen, dass ein höherer WUI mit einer Reduzierung ökonomischer Vernetzung korreliert.

Seit der Finanzkrise agieren Unternehmen zudem in einem historischen Niedrigzinsumfeld. Eine dauerhaft expansive Geldpolitik führt tendenziell ebenfalls zu einer industriellen Relokalisierung. Seit dem Jahr 2007 wurde Kapital relativ zur Arbeit (also im Vergleich zu gezahlten Stundenlöhnen) immer günstiger. Unternehmen entschieden sich deshalb umso häufiger dafür, ihre Produktionskosten durch Technologieinvestments an heimischen Fertigungsstätten zu reduzieren, anstatt Prozesse in Niedriglohnländer auszulagern. Die Statistik zeigt: Je größer die Anzahl an Robotern pro tausend Arbeitnehmern, desto niedriger ist der Anteil von aus Schwellen- und Entwicklungsländern importierten Inputfaktoren.

Die Covid-19-Pandemie wirkt als Katalysator bestehender Tendenzen: Sie lässt die globale Unsicherheit massiv steigen und begründet eine noch aggressivere Geldpolitik. Die betriebswirtschaftlichen Risiken einer hyperglobalisierten Wirtschaft wurden im Frühling 2020 gnadenlos aufgedeckt. Dazu kommt ein immer schneller werdender technologischer Fortschritt in den Bereichen Robotik und künstliche Intelligenz. All diese Faktoren zusammen werden den Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Wertschöpfung reicher Industrienationen steigen lassen. Doch heimische Arbeitnehmer werden davon vermutlich kaum profitieren können – Maschinen werden einen Großteil der zurückgekehrten Prozesse übernehmen.

Die Aussichten für viele Entwicklungs- und Schwellenländer könnten sich indes verdunkeln. Das stetige Wachstum ihres Wohlstandes basierte auf der Teilhabe an immer längeren Produktions- und Lieferketten. Aus Managementsicht ist mit einer weiter steigenden Komplexität des globalen makroökonomischen Unternehmensumfeldes zu rechnen. Action required!

 


Benedikt Herles ist Head of Sustainable Transformation bei KPMG. Sein neuestes Buch: „Zukunftsblind – Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren“ (Droemer). Hier finden Sie weitere Folgen von Herles‘ Zukunftsblick