Herles‘ Zukunftsblick

KolumneEuropas dritter Weg

Benedikt Herles
Benedikt HerlesPR

Digitale Transformation und Klimawandel gilt es simultan zu meistern. Die doppelte Prüfung wird durch historischen Zeitdruck erschwert. Dank exponentieller technologischer, atmosphärischer und biosphärischer Veränderungen kennt die Geschwindigkeit der nötigen Transformation in Wirtschaft und Gesellschaft keine Vorbilder. Europa beschreitet in beiden Handlungsfeldern einen politisch ganz eigenen Weg. Für heimische Unternehmen ist er zugleich Chance und Herausforderung.

Zu Ende gedacht…

China und die USA haben sich mit unterschiedlichen Methoden zu digitalen Supermächten entwickelt. Beide Nationen haben ihre Systeme der Datenökonomie geschaffen. Die Volksrepublik erfindet die Diktatur mithilfe von Technologie neu, Daten sind hier eine Art öffentliches Gut im Dienst von Staat und Partei. Private Datenschätze stehen daneben für das Erfolgsrezept der amerikanischen Digitalwirtschaft. Nur durch sie konnten Unternehmen wie Alphabet oder Facebook entstehen, deren globale Macht und ökonomische Potenz längst vergleichbar mit der von Staaten ist.

Im digitalen Wettstreit mit China und den USA hat sich die EU auf ihr wichtigstes Markenversprechen besonnen: Die Werteunion. Auf diese Weise ist sie zum Innovationsführer bei der Regulierung der Datenökonomie geworden. Mehr als in anderen Geographien werden in Europa persönliche Freiheiten und Rechte auch in der digitalen Sphäre geschützt. Das wichtigste regulatorische Resultat ist seit 2018 die Datenschutzgrundverordnung. Sie traf viele Firmen einigermaßen unvorbereitet. Die Digitalpolitik der EU macht es Unternehmen nicht immer leicht, im Wettbewerb mit West und Ost zu bestehen. Trotzdem steht sie für einen vielversprechenden dritten Weg. Mit der Cloud-Infrastruktur-Initiative Gaia-X oder der europäischen Cybersicherheitsverordnung soll dieser weiter ausgebaut werden.

Bei der Dekarbonisierung der Wirtschaft, der zweiten Generationenaufgabe unserer Zeit, hat sich nun ebenfalls ein eigenes europäisches Narrativ herauskristallisiert. Auch der „European Green Deal“ steht für einen dritten Weg. Die USA sind aus dem Pariser Klimaabkommen ausgetreten, China besitzt zwar die weltweit größten Produktionskapazitäten von Wind- und Solarenergie, baut aber auch die meisten neuen Kohlekraftwerke. Investitionen in erneuerbare Energien sind in der Volksrepublik zuletzt dramatisch eingebrochen. Dagegen will Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den Kontinent bis 2050 klimaneutral machen. Die EU soll in den nächsten zehn Jahren eine Billion Euro für den Klimaschutz mobilisieren – eine Zahl mit globaler Signalwirkung.

Der europäische Green Deal setzt dabei auch auf die transformative Kraft privater Investitionen. Ein zentrales regulatorisches Puzzlestück ist die sogenannte Taxonomie, ein EU-weites Klassifizierungssystem für die ökologische Nachhaltigkeit wirtschaftlicher Aktivitäten. Mit Hilfe der Taxonomie soll ein zentrales Rahmenwerk für Investoren und Unternehmen geschaffen werden. Rat und Parlament haben sich vor Weihnachten auf eine entsprechende Regulierung geeinigt, eine technische Expertengruppe soll im März ihren Abschlussbericht vorlegen. Bei der genauen Ausgestaltung der Taxonomie fordern deutsche Wirtschaftsverbände nun mehr Mitsprachrecht. Zu Recht, denn hierzulande bisher kaum öffentlich diskutiert, könnte die Taxonomie langfristig deutlich mehr verändern als einst die europäische Datenschutzgrundverordnung.

Finanzunternehmen, z.B. Fondsgesellschaften, werden in Zukunft erklären müssen, welche ihrer Investitionen oder Kredite als nachhaltig im Sinne der umweltpolitischen Ziele der EU gelten können. Auf diese Weise soll „Greenwashing“ von Finanzprodukten verhindert werden. Anlagemöglichkeiten sollen nur dann als grün oder nachhaltig vermarktet werden dürfen, wenn sie entsprechende Standards erfüllen. Je mehr Vermögensverwalter und Pensionskassen sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreiben, desto bedeutsamer wird die Taxonomie. Denn nur Unternehmen, die aus Sicht der EU-Klassifizierung ausreichend ökologisch handeln, kommen für grüne Investitionen in Frage.

So könnte die Taxonomie die Kapitalströme der Zukunft maßgeblich leiten. Für jede Unternehmensführung sollte sie deshalb strategisches Thema sein. Anders als bei der Einführung der Datenschutzgrundverordnung sollten Entscheider diesmal frühzeitig reagieren. Der dritte Weg Europas macht Nachhaltigkeit zur Pflicht. Action required!

 


Benedikt Herles ist Head of Sustainable Transformation bei KPMG. Sein neuestes Buch: „Zukunftsblind – Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren“ (Droemer). Hier finden Sie weitere Folgen von Herles‘ Zukunftsblick