Herles‘ Zukunftsblick

KolumneDigitaler Aufbruch im konjunkturellen Abschwung

Benedikt Herles
Benedikt HerlesPR

Eine erschreckend große Anzahl an Dax-Unternehmen steht vor gehörigen Herausforderungen. Da ist natürlich zuerst die Automobilindustrie, das neue Feindbild der grünen Bürgerlichkeit in diesem Land. Die SUV-Scham-Debatte mag verlogen sein, die kriminelle Energie des Diesel-Skandals und das Verschlafen von Technologietrends müssen sich die Auto-Manager selbst zuschreiben. Da ist die Deutsche Bank, bekanntlich nur noch ein trauriger Schatten ihrer einstigen Größe. Da sind Siemens und Thyssenkrupp, der frühere Stolz der deutschen Industrie. Bei Siemens geht es seit über drei Jahren mit den Erträgen bergab, der Konzern muss neu geordnet, manche behaupten sogar „zerschlagen“ werden. Bei Thyssenkrupp sieht die Lage noch düsterer aus. Die Dax-Mitgliedschaft ist futsch, die Zukunft der Aufzugsparte steht in den Sternen.

Dann ist da die Chemieindustrie. Bayer hat das Monsanto-Debakel an der Backe. Covestro, die ehemalige Kunststoffsparte des Unternehmens, hat dieses Jahr selbst über ein Drittel an Wert verloren. Auch BASF steht vor zahlreichen Problemen, der operative Gewinn soll 2019 um bis zu 30 Prozent fallen. Und schließlich sind da noch die beiden Energie-Konzerne Eon und RWE, die von der EU-Kommission letzte Woche die Freigabe zur Aufteilung von Innogy bekommen haben. Die Energiewende bleibt eine geradezu biblische Prüfung für beide Häuser. Zum Glück haben wir noch SAP: Unter den 100 wertvollsten Firmen der Welt die einzige aus Deutschland. Zugleich ist SAP immer noch das erfolgreichste Start-up der Republik. Baujahr 1972.

Zu Ende gedacht…

Nicht nur viele der wertvollsten deutschen Konzerne haben Probleme. Der Makro-Himmel ist stark bewölkt, die Wirtschaft steht im Zeichen des Abschwungs. Der Brexit, der Handelskrieg zwischen China und den USA, und nicht zuletzt die jüngste Eskalation am Persischen Golf drücken auf die Stimmung. Geschäftsklima und Geschäftserwartungen fallen seit vielen Monaten stetig. Die Industrieproduktion zeigt schon seit gut anderthalb Jahren nach unten. Im zweiten Quartal 2019 ist die deutsche Wirtschaft geschrumpft, ob wir im dritten Jahresviertel in eine echte Rezession rutschen, scheint nur noch eine technische Frage zu sein. Fakt ist: Der längste Aufschwung in der Geschichte der Bundesrepublik ist zu Ende.

Schon unter besseren ökonomischen Vorzeichen hat die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt die digitale Transformation zu lange verschlafen. Die USA haben Alphabet, Facebook, Apple, Microsoft und Amazon hervorgebracht. China hat Baidu, Huawei, Tencent und Alibaba. Wir haben Zalando oder eben SAP. Die Profite der Plattform-Ökonomie werden bis heute anderenorts eingefahren. Immerhin, die jüngste Vergangenheit hat in heimischen Chefetagen einen stark verspäteten Sturm der Digitalisierung entfacht. Mit deutscher Gründlichkeit wird mittlerweile an der digitalen Aufholjagd gearbeitet. Transformationsstrategien und Innovationsprogramme wurden aufgesetzt, digitale Task-Forces gegründet. Prominente Chief Digital Officer versuchen mit (noch) meist wachsenden Budgets die Konzepte der Start-up-Welt für ihre Arbeitgeber zu adaptieren.

Doch jetzt wird es spannend. Denn es ist mehr als fraglich, wie resilient der Wandel in Zeiten des Abschwungs ist. In einer Rezession wird die Nachhaltigkeit der digitalen Bemühungen auf die Probe gestellt. Gut möglich, dass so manche technologische Transformation den kommenden Sparmaßnahmen zum Opfer fallen wird. Das allerdings wäre fatal. Die deutsche Wirtschaft darf ihren Prozess der Erneuerung jetzt nicht aufgeben, auch wenn das Geld in den Kassen knapper wird. Sonst sieht es im Wettbewerb mit China und den USA noch schwieriger aus.

Gefragt ist allerdings ein neuer Modus der betrieblichen Erneuerung. In der Krise müssen die Digitalisierungsstrategien erwachsen werden. Mittel und Wege der Veränderung sollten in Zukunft stärker daran bewertet werden, ob sie sich messbar auf die Ertragskraft eines Unternehmens auswirken. Neue Technologien, man denke an Robotic Process Automation oder Anwendungen der Blockchain, haben das Potential Kosten zu senken und Organisationen produktiver zu machen. Ja, so manch innenarchitektonischer Office-Gestaltungswille – Motto „bei uns sieht es jetzt aus wie bei Google“ – kann zur Disposition gestellt werden.

Wer hingegen die Zusammenarbeit mit Start-ups de-priorisiert oder gar Investitionen in neue Geschäftsmodelle und Produkte einschränkt, der wird in der nächsten Wachstumsphase kaum noch aufholen können. Diesseits und jenseits des Deutschen Aktienindex muss der Aufbruch auch im Abschwung gelingen. Action required!

 


Benedikt Herles ist Unternehmer und Autor. Sein neuestes Buch: „Zukunftsblind – Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren“ (Droemer). Mehr Informationen unter benediktherles.com. Und hier finden Sie weitere Folgen von Herles‘ Zukunftsblick