ExklusivBundeswehr nutzte Dienste von McKinsey häufiger als bekannt

Unter Ursula von der Leyen sind die Ausgaben für externe Berater bei der Bundeswehr explodiert. Einige der Millionenaufträge werden für sie nun politisch gefährlichdpa

Von den vielen Beratungsfirmen, die in der Amtszeit von Ursula von der Leyen bei der Bundeswehr ein und aus gingen, galt McKinsey stets als besonders brisant. Von den „Meckies“ holte die Verteidigungsministerin Mitte 2014 ihre Rüstungsstaatssekretärin Katrin Suder, die zuvor als Partnerin bei der Consultingfirma das Geschäft mit dem Staat in Deutschland geleitet hatte. Später wechselte auch Suders früherer Kollege Gundbert Scherf als neuer Rüstungsbeauftragter in den Bendlerblock. Wegen dieser Spitzenpersonalien waren Aufträge an McKinsey ab diesem Zeitpunkt politisch extrem sensibel. Folgt man der offiziellen Darstellung des Ministeriums – auch gegenüber dem Bundestag –, hat McKinsey seit 2014 insgesamt nur eine Handvoll Aufträge bei der Bundeswehr erhalten.

Recherchen von Capital für die in der kommenden Woche erscheinende Ausgabe belegen dagegen, dass die Beratungsfirma an deutlich mehr Projekten bei der Bundeswehr beteiligt gewesen ist als bislang angegeben – häufig über Unteraufträge, die McKinsey von anderen Firmen wie dem Rüstungsdienstleister IABG erhielt. In diesen Fällen erfolgte die Beauftragung ohne öffentliche Ausschreibung, weil private Firmen nicht an das Vergaberecht gebunden sind. Darüber hinaus mischte auch eine McKinsey-Tochter, an der die Consultingfirma und Lufthansa Technik mit jeweils 50 Prozent beteiligt sind, bei zwei Beratungsprojekten mit. Ministerin von der Leyen könnten diese  Erkenntnisse noch stärker unter Beschuss bringen. Im Mittelpunkt des kürzlich eingesetzten Untersuchungsausschusses des Bundestags zur sogenannten Berateraffäre steht die rechtswidrige Vergabe von Millionenaufträgen.

Auftrag via Rahmenvertrag

Auf Nachfrage von Capital bestätigte ein McKinsey-Sprecher insgesamt drei Fälle seit 2014, in denen die Beratungsfirma bei Projekten des Beschaffungsamtes der Bundeswehr als Unterauftragnehmer und in Kooperation mit der IABG zum Zuge kam. Demnach schaltete die IABG die Beratung Ende 2016 bei einem Auftrag zur geplanten Eurodrohne ein, ebenso bei einer Task Force, die die gravierenden Mängel bei der Einsatzbereitschaft von Hubschraubern in den Griff bekommen sollte.

In beiden Fällen habe die IABG die Beratungsfirma „zur Abgabe eines Angebots“ als Unterauftragnehmer aufgefordert, erklärte der McKinsey-Sprecher. Im Fall des Drohnenprojekts war die IABG vom Beschaffungsamt ohne Ausschreibung und in direkten Verhandlungen beauftragt worden, weil angeblich keine andere Firma über die benötigte Expertise verfügte. Bei Unteraufträgen können dann gewünschte Dienstleister gezielt eingeschaltet werden, weil hier private Unternehmen untereinander Verträge schließen und das öffentliche Vergaberecht nicht greift.

In einem dritten Fall wurde McKinsey nach eigenen Angaben im Jahr 2018 bei einem Projekt bei der Marine als Subauftragnehmer beauftragt. Dabei handelte es sich um ein Projekt zu den elektronischen Führungs- und Waffeneinsatzsystemen auf Schiffen der Marine (FüWES). Auftragnehmer in diesem Fall war die McKinsey-Tochter Orphoz, die vom Beschaffungsamt der Bundeswehr per Abruf aus einem IT-Rahmenvertrag des Bundes mit dem Projekt bei der Marine beauftragt wurde.

Orphoz hatte Mitte 2017 nach Ausschreibung den Rahmenvertrag „IT-Top-Management- und IT-Strategieberatung“ mit einem Volumen von 46,5 Mio. Euro gewonnen. Aus diesem im Geschäftsbereich des Bundesinnenministeriums abgeschlossenen Rahmenvertrag, in dem McKinsey und die IABG neben Generalunternehmer Orphoz als sogenannte Nebenunternehmer benannt sind, können die Leitungsebenen von Bundesbehörden Budgets abrufen, um Beratungsleistungen für ihre IT- und E-Government-Strategien zu finanzieren. Auf eben diesen Rahmenvertrag griff das Beschaffungsamt der Bundeswehr für das Projekt bei der Marine zurück, um Orphoz zu beauftragen. Orphoz habe dann McKinsey und die IABG als Unterauftragnehmer eingeschaltet, erklärte der McKinsey-Sprecher.

Abgeordnete erfuhren nichts

Auf gezielte Nachfrage von Abgeordneten hatte das Verteidigungsministerium im vergangenen Jahr lediglich einen Unterauftrag an McKinsey im Jahr 2015 mitgeteilt. In parlamentarischen Anfragen zur Eurodrohne äußerte sich das Ministerium zwar zur Rolle der IABG, die als technischer Dienstleister bei fast jedem größeren Rüstungsprojekt mitmischt und jedes Jahr deutlich zweistellige Millionenumsätze mit der Bundeswehr macht. Von der Beteiligung der Consultingfirma erfuhr der Bundestag dagegen bis heute nichts. Den Unterauftrag an McKinsey bei der Hubschrauber-Task-Force räumte das Ministerium im Herbst erst nach Recherchen des „Spiegel“ ein.

Selbst Verteidigungspolitikern unbekannt ist dagegen bis heute, dass McKinsey auch über ein Joint-Venture im Geschäft mit der Bundeswehr aktiv war. McKinsey hält die Hälfte der Anteile an der Hamburger Beratungsfirma Lumics, die darauf spezialisiert ist, Instandhaltungsprozesse bei Verkehrsflugzeugen zu optimieren. Joint-Venture-Partner ist die Lufthansa-Tochter Lufthansa Technik. Wie die Lumics-Geschäftsführung auf Capital-Anfrage bestätigte, war die Firma als Dienstleister für die Hubschrauber-Task-Force aktiv – wie McKinsey ebenfalls als Unterauftragnehmer der IABG. In einem weiteren Fall wurde die Firma nach eigenen Angaben direkt von der Bundeswehr für ein Optimierungsprojekt an einem Bundeswehrstandort beauftragt.