Herles’ Zukunftsblick

KolumneAngriff statt Verteidigung, Aufbruch statt Rückwärtsgang!

Benedikt Herles
Benedikt HerlesPR

„That’s one small step for man, one giant leap for mankind“. Diese historischen Worte feiern bald fünfzigstes Jubiläum. Aber als am 21. Juli 1969 Neil Armstrong einen kleinen Schritt auf staubigem Untergrund tat, war dies nicht nur ein großer Sprung für unsere Spezies, sondern auch das Ergebnis des vielleicht erfolgreichsten politischen Narrativs aller Zeiten. Mit seiner „We choose to go to the moon“-Rede hatte Präsident John F. Kennedy der Nation knapp sieben Jahre zuvor ein im wahrsten Sinne überirdisches Ziel gegeben. Wer sich auf Youtube seine Worte anhört, bekommt heute noch Gänsehaut. Kennedys Message: Wir fahren auf den Mond, koste es, was es wolle.

Bis heute ist das Wort „Moonshot“ nicht aus der Sprache des Silicon Valley wegzudenken. Kaum eine Start-up-Präsentation kommt ohne die Vokabel aus. Der Griff nach dem Mond steht für grenzenlosen Ehrgeiz. Er ist zum Beispiel auch zentrales Motiv von Alphabets Konzernstrategie. Neue Initiativen und Innovationen, genannt „Moonshots“, müssen bei der Google-Mutter stets zehnmal besser sein alles bisher Bekannte. „10x“ ist eine der wichtigsten Vokabeln im Unternehmen. Das Tal der Träume denkt groß.

Zu Ende gedacht…

Benedikt Herles Buch "Zukunftsblick" ist im Droemer Verlag erschienen
Benedikt Herles Buch „Zukunftsblick“ ist im Droemer Verlag erschienen

Den Optimismus des Silicon Valley teilen wir nicht. Das gilt insbesondere für die politische Sphäre. Berlin hat auf Verteidigung geschaltet. Nicht Chancen, sondern Risiken prägen Debatten und Konzepte. 2019 begann mit Plänen für neue Wagenburgen.

Exempel eins: Peter Altmeiers „Nationale Industriestrategie 2030“. Der Staat soll zukünftig strategisch wichtige Unternehmen mit Anteilskäufen vor ausländischen Übernahmen schützen können. Der Grundgedanke des Wirtschaftsministers ist nicht falsch. Deutschland braucht eine Antwort auf die aktive Industriepolitik Chinas und der USA. Aber das Leitlinienpapier ist ein Manifest der Defensive, keine Angriffsstrategie. Die konkrete Nennung von angeblichen „Champions“ wie Thyssenkrupp oder der Deutschen Bank, führt das ganze ad absurdum. Die Skandalbank von der Taunusanlage sollte sich ganz sicher nicht in einem industriepolitischen Zukunftskonzept finden.

Exempel zwei steht für noch mehr Tempo im Rückwärtsgang: Das neue Sozialstaatskonzept der SPD. Schluss mit Hartz-IV und Geld verteilen mit der Gießkanne. Panische Genossen wollen die Existenz ihrer Partei auf Kosten kommender Generationen retten. Dazu kommt die im Koalitionsvertrag beschlossene Grundrente. Egal wie der Streit um die Bedürftigkeitsprüfung letztlich ausgehen wird – mehrere Steuermilliarden wird die Reform des angeblichen Anstands in jedem Fall kosten.

Die Grundrente steht damit symptomatisch für die Regierungspolitik der letzten Jahre. Sie trägt die Überschrift „Konsumieren statt Investieren“. Die Steuereinnahmen sprudeln (noch), die Zinsausgaben sinken, aber ein Großteil des zusätzlichen Budgets wandert in Renten und soziale Wohltaten. Die Republik versucht den Wandel der Welt hinter sozialen Sandsäcken auszusitzen. Diese Taktik ist zum Scheitern verurteilt.

Deutschlands Politik ist einem gefährlichen Verteidigungs-Narrativ erlegen. Damit stehen wir natürlich nicht alleine, andernorts ist es sogar noch schlimmer. Über fast allen westlichen Industrienationen hat sich ein Schleier der Verunsicherung breit gemacht. Donald Trump, Boris Johnson oder Matteo Salvini geben dem Defense-Modus einen demagogischen Anstrich. Die Mauern wachsen in den Himmel – nicht nur in den Köpfen.

Aber kein Sozialprogramm und keine industriepolitische Verteidigungsstrategie wird die Plage des Populismus eindämmen können, sondern nur das Gegenteil: Ein Narrativ des Aufbruchs. Wie keine andere Nation könnte Deutschland Vorreiter bei der politischen Gestaltung einer technologischen Zeitenwende sein. Wir sollten nicht drei, sondern 30 Milliarden in die Entwicklung künstlicher Intelligenzen stecken. Wir sollten nicht fünf Milliarden für Tablets und WLAN an Schulen ausgeben, sondern lieber 50 für eine echte Bildungsrevolution. Wir sollten jährlich nicht gut eine Milliarde Risikokapital in Start-ups investieren, sondern mindestens zehn. Die Idee von „10x“, also „zehnmal besser“ sollte auch das politische Denken prägen. Denn längst wäre es Zeit für einen gesellschaftlichen Moonshot. Action required!