Herles‘ Zukunftsblick

KolumneStadt, Land, Digital

Benedikt Herles
Benedikt HerlesPR

Landlust ist Zeitgeist. Eine romantische Liebe zum Ländlichen erfüllt seit Jahren eskapistische Bedürfnisse. Gestresste Großstädter träumen von einer Existenz fernab von Feinstaub, Verkehrsinfarkt und Mietpreisspirale. Bücher über Bäume, Zeitschriften über das Landleben und Kochrezepte aus Hofküchen haben Hochkonjunktur. Bei selbstgemachter Holunder-Limonade und Rhabarber aus eigenem Anbau könnte alles viel schöner, langsamer, nachhaltiger und irgendwie echter sein. Wer so denkt, macht sein Kreuz auf dem Wahlzettel meistens bei den Grünen. Und er hat mit den Realitäten des ländlichen Raums in Wahrheit wenig am Hut.

Denn die sehen anders aus. Was sich in Hochglanzheften über die Heimat jenseits der Stadtgrenze nicht findet: Funklöcher, Monokulturen, nitratverseuchte Felder, Überalterung, Landarztmangel und vor allem eine fehlende digitale Infrastruktur. 5G und Milchkanne wollen einfach nicht zusammenfinden. Die echten Aussichten der Provinz sind eher düster. Die digitale Transformation kann desaströse Konsequenzen für das Land haben.

Zu Ende gedacht…

Eine Wirtschaft der Massenfertigung und physischen Produkte war früher gut für die Peripherie. Denn hohe Kosten in Ballungszentren zwangen Unternehmen, in die Fläche auszuweichen. In einer entmaterialisierten Ökonomie der Bits und Bites dreht sich heute dagegen alles um Wissen und menschliche Netzwerke. Das bevorzugt urbane Zentren. In den Anfangstagen des Internets wurden noch Stimmen laut, die behaupteten, mit der neuen technologischen Vernetzung würde die Frage des Standorts irrelevant werden. Mit E-Mail und Skype schienen goldene Zeiten für die Provinz anzubrechen. Es war eine Illusion. Denn digitale Industrien verkaufen global, aber operieren lokal.

Benedikt Herles Buch "Zukunftsblick" ist im Droemer Verlag erschienen
Benedikt Herles Buch „Zukunftsblick“ ist im Droemer Verlag erschienen

Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit gilt: Hoch bezahlte Arbeitnehmer der Digitalwirtschaft geben viel Geld aus. Städte mit innovativen Unternehmen locken deshalb in einem zweiten Schritt Menschen an, die ihr Glück in Dienstleistungsberufen versuchen. Schließlich müssen Büros gereinigt, Cappuccinos zubereitet, Uber-Autos (noch) gefahren werden. Wirtschaftliche Zentren bieten somit auch schlechter ausgebildeten Kräften gute Einkommensmöglichkeiten. Zudem zieht die größere ökonomische Potenz verstärkte kulturelle Aktivität nach sich. Und kreative Schöpferkraft entsteht an Orten des Aufbruchs. Das macht erfolgreiche Städte noch attraktiver für die gut ausgebildeten Belegschaften der neuen Ökonomie. So entstehen immer mächtigere Brutstätten wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und künstlerischer Aktivität. Innerhalb der Gewinnergeografien überwiegen Optimismus, Aufstiegschancen und Offenheit. In abgehängten Regionen haben dagegen immer öfter Pessimismus, Stagnation und der Wunsch nach Abschottung die Oberhand. Man denke an den Rust Belt der USA.

Deutschland, das Land der Familienunternehmen und Hidden Champions zieht heute noch viel Kraft aus der Peripherie. Aber das gilt vor allem für den Süden. Bundesweit driften die Räume auseinander. Die Republik spaltet sich erneut. Diesmal verläuft die Grenze nicht zwischen West und Ost, sondern zwischen urbanen und digitalen Standorten auf der einen Seite, sowie ländlichen und ehemals industriell geprägten Regionen auf der anderen. Seit September 2018 gibt es in Horst Seehofers Heimatministerium eine „Kommission für gleichwertige Lebensverhältnisse“. Sie ist auf schwieriger Mission. In einer digitalen Ökonomie wirkt das Gesetz der Gravitation: Je größer die Masse eines Körpers, desto stärker ist seine Anziehungskraft. Gut für die Städte, schlecht für die Mietpreise dort, und vor allem schlecht fürs Land.

Die neue Spaltung hat politische und wirtschaftliche Konsequenzen. Erstere offenbarten sich bei der Europawahl. München, Berlin, Stuttgart, Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf, Leipzig und Köln wählten mehrheitlich grün, das Land im Westen meist schwarz und ganz im Osten AfD. Aber auch für Unternehmen im ländlichen Raum ergeben sich gewaltige Herausforderungen. Headhunter können ein Lied davon singen: Jüngere Spitzenkräfte wollen die Metropolen kaum noch verlassen.

Nicht nur der öffentliche Sektor, sondern auch betroffene Chefetagen benötigen wirtschaftsgeografische Strategien fürs Land. Ein erprobtes Erfolgsrezept: Cluster. Industrielle Agglomerationen in der Fläche haben hierzulande eine lange Tradition. Da ist zum Beispiel die Messtechnikindustrie in und um Göttingen, die Medizintechnik in Tuttlingen, oder die Lasertechnologie ebenfalls im Schwäbischen. Solche Zentren jenseits der Zentren gilt es zu gründen und zu fördern. Denn nur der zwischenbetriebliche Schulterschluss schafft genau jene kritische Masse, die nötig ist, um eine konkurrenzfähige Landlust für Talente, Ideen und Kapital zu produzieren. Action required!


Benedikt Herles ist Start-up-Investor und Autor. Sein neuestes Buch: „Zukunftsblind – Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren“ (Droemer). Bei Capital schreibt er regelmäßig seine Kolumne Herles‘ Zukunftsblick. Sie finden ihn auch bei Twitter und Linkedin.