WirtschaftszentrenMedizintechnik - „Weltzentrum“ Tuttlingen

Chirurgie-Scheren haben in Tuttlingen Tradition
Chirurgie-Scheren haben in Tuttlingen TraditionMarvin Zilm

Die Pinzetten liegen in der Schublade wie Juwelen: Auf blauem Samt gebettet, glänzen sie, fein säuberlich sortiert – „chirurgische Pinzetten“ für den Einsatz im OP, geschwungen, gerade, lang oder kurz. Mit ihnen werde Gewebe entfernt, erklärt Simone Tolk, dann zieht sie die nächste Schublade auf. Darin liegen „anatomische Pinzetten“. Ihnen fehlen die spitzen Zähne an den Greifbacken. „Ärzte verwenden sie, wenn sie bei der OP in der Nähe von Nerven- oder Blutbahnen operieren“, sagt Tolk.

Die 47-Jährige ist in ihrem Element. Ihr Reich umfasst Hunderte Schubladen und Schaukästen, gefüllt mit Präparierscheren, Hämorrhoidenklemmen, Knochenzangen, Wundspreizern. Manche besitzen seltsame Schaufeln, sind bizarr verdreht oder gefährlich spitz – man staunt und erschaudert zugleich bei der Vorstellung, wie damit am Herzen oder Magen operiert wird. Für jedes Organ, jedes Körperteil gibt es hier spezielle Instrumente, erklärt Tolk. Rund 30.000 sind es im Moment, mitgezählt all die Implantate für Knie, Wirbelsäule, Hüfte, die sie auch zur Schau stellen.

Das Besucherzentrum von Aesculap in Tuttlingen ist die wohl größte Werkzeugkammer für Ärzte in Deutschland, wenn nicht in der Welt. Die Stimmung ist ruhig, gedämpft wie bei einem Juwelier. Wer hierherkommt, ist häufig Chefarzt oder Einkäufer eines Krankenhauses – und gibt in der Regel eine Menge Geld aus. Die Kunden stammen aus aller Welt, China, Dubai, der Schweiz. Natürlich gäbe es vieles auch online zu bestellen, aber die allermeisten operierenden Ärzte reisen an, um sich ihr Besteck, wie es im Fachjargon heißt, vor Ort zusammenzustellen. Vom „Toys’R’Us für Mediziner“ spricht Tolk. „Das ist wie bei einem Füller, den müssen Sie erst in der Hand halten, um zu wissen, ob er passt“, sagt sie. Seit 30 Jahren ist Tolk bei Aesculap, seit zehn Jahren leitet sie die Abteilung Planung und Beratung.

Tolks halbe Familie arbeitet bei dem Medizininstrumentenhersteller – und das ist nichts Ungewöhnliches hier. Tuttlingen an der Donau, auf halber Strecke zwischen Zürich und Stuttgart, lebt nach wie vor prächtig vom Geschäft mit chirurgischen Instrumenten. Die Kreisstadt rühmt sich selbst als das „Weltzentrum der Medizintechnik“, 400 bis 600 Firmen sitzen hier, ganz genau weiß das keiner. Die allermeisten haben kleine Betriebe mit 10, 20 Mitarbeitern, es gibt eine Handvoll mittelgroßer – und die beiden Vorzeigeunternehmen Aesculap und Karl Storz mit ein paar Tausend Beschäftigten. Es ist ein Nebeneinander von Handwerk und Hightech, Tradition und Moderne.

Von den rund 35.000 Tuttlingern schafft jeder dritte in der Medizintechnik. Die Stadt und ihr Cluster gehören zu den industriestärksten im ohnehin wirtschaftsstarken Baden-Württemberg. Vollbeschäftigung, zwei Prozent Arbeitslose, die Unternehmen investieren viel, die Stadt nimmt dreimal so viel Steuern ein wie andere Städte vergleichbarer Größe. Und geschafft, das ist das Besondere, hat Tuttlingen das Wirtschaftswunder ganz ohne Masterplan, Landesväter und Fördergelder – vor allem aus eigener Kraft.

Aschenputtel

Dabei waren die Voraussetzungen alles andere als ideal. Hier am Südende der Schwäbischen Alb gab es keine Kohle, kaum Erz und lange keine Eisenbahn. Die Erträge in der Landwirtschaft waren karg, die weltliche und geistliche Obrigkeit hielt nicht viel von technischem Fortschritt. Und so wanderten die Menschen noch bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts am liebsten aus.

Die abgelegene Region war das „industrielle Aschenputtel Württembergs“, schreiben Michael Unge-thüm, der langjährige Aesculap-Chef, und der Archivar Wolfgang Kramer in ihrer Geschichte der Tuttlinger Medizintechnik. Dass die Region sich binnen wenigen Generationen in die „Stadt der heilenden Messer“ verwandelte, habe sie „vor allem tüchtigen, kleinen, unternehmungslustigen, tatkräftigen Leuten“ zu verdanken.

Die widrigen Umstände, mutmaßen die Autoren, hätten am Ende zusätzliche Kräfte mobilisiert. Hinzu kam ein calvinistisches Arbeitsethos, ein schwäbisches „Schaffe, schaffe“, das bis heute lebendig ist – und dazu die Dynamik, die jeder Cluster irgendwann entwickelt: Unternehmen schaffen sich ihre eigene Infrastruktur; vorhandenes Fachwissen zieht weitere Spezialisten an; Angestellte verlassen ihre Arbeitgeber, um auf der Wiese nebenan eigene Unternehmen zu gründen – so ist auch dieser Cluster aus sich selbst heraus gewachsen. Mittlerweile gibt es sogar eine Hochschule, der Campus Tuttlingen bildet seit 2009 Ingenieure aus. Für Studiendekan Kurt Greinwald „ein Riesenerfolg“. Seit die Unternehmen sich gemeinsam für ihre Hochschule engagieren, „ist ihr Misstrauen untereinander gesunken, der Austausch funktioniert viel offener“. Außerdem zögen die jungen Leute nun nicht mehr alle weg.