Herles‘ Zukunftsblick

Kolumne10 Start-ups, die Sie nicht kennen

Benedikt Herles
Benedikt HerlesPR

Wie wäre es mit einem kurzweiligen Gesellschaftsspiel für die nächste Kantinen-Mittagspause: „Ich kenne ein Start-up, das Du nicht kennst“. Es ist leicht zu gewinnen, selbst bei verschärften Spielregeln. Lassen wir nur sehr erfolgreiche Gründungen mit hohen Finanzierungsrunden gelten. Und los geht’s.

Ich kenne ein Start-up, das Du nicht kennst. Es ist im Bereich der sogenannten „Robotic Process Automation“ tätig, kommt ursprünglich aus Rumänien und hat mittlerweile eine Unternehmensbewertung von 7 Mrd. Dollar erreicht. Gerade hat es eine Series-D-Finanzierungsrunde in Höhe von 568 Mio. Dollar abgeschlossen, an der unter anderem der Alphabet-Konzern und der Risikokapital-Fonds Accel beteiligt waren. Die Fantasien der Investoren sind so groß, weil die Firma in einem der gerade heißesten Spielfelder für B2B-Start-ups tätig ist. Mithilfe von Softwarerobotern automatisiert das Unternehmen repetitive Tätigkeiten im Büro. (Übrigens: Es sind genau solche Entwicklungen, die manche Dystopisten dazu bringen, vor einer angeblich bevorstehenden Massenarbeitslosigkeit zu warnen). 200 Mio. Euro Umsatz (Annual Recurring Revenues) macht das Start-up mittlerweile – vor zwei Jahren waren es noch acht.

Haben Sie es erraten? Die Rede ist von Uipath, aber vermutlich haben nur wenige jemals diesen Namen gelesen.

Zu Ende gedacht…

Benedikt Herles Buch "Zukunftsblick" ist im Droemer Verlag erschienen
Benedikt Herles Buch „Zukunftsblick“ ist im Droemer Verlag erschienen

Seit mindestens zwei Jahrzehnten diskutiert man in deutschen Chefetagen nun schon das Megathema Digitalisierung. Teure Innovationsprojekte wurden in Auftrag gegeben, Inspirationsreisen ins Silicon Valley angetreten und bunte Sitzsäcke in Meetingräumen drapiert. Der digitale Erregungszustand ist längst erreicht. Und trotzdem ist der allgemeine Kenntnisstand über die Geschehnisse in der Start-up-Szene oft noch erschreckend gering. Weltweit fließen Milliarden in disruptive Unternehmensgründungen. Aber in welche genau, das bleibt für viele Konzernmanager wohl immer noch im Verborgenen. Klar, Tesla, Airbnb, Spotify und Uber kennt jedes Kind. Aber gerade junge und aufstrebende Spieler in Branchen und Technologiefeldern, die für die heimische Industrie relevant und potentiell gefährlich sind, können viel zu oft unter dem Schutz der Unbekanntheit agieren. Damit meine ich keine Garagengründungen im embryonalen Stadium.

Probe aufs Exempel. Wer kennt die chinesische Firma Sensetime? Immerhin das wertvollste KI-Start-up der Welt, finanziert von unglaublichen 2,6 Mrd. Dollar Venture Capital. Das erst 2014 gegründete Unternehmen entwickelt Gesichts- und Objekterkennungssoftware für den Einsatz in selbstfahrenden Autos, im Finanzsystem oder bei Sicherheitsbehörden. Chinas orwell’sches Social-Scoring-System wäre ohne KI-Anwendungen wie die von Sensetime nicht denkbar.

Hand aufs Herz, haben Sie je etwas von einem US-Start-up namens Automation Anywhere gehört, ebenfalls im Bereich der Prozessautomatisierung tätig und nach einer Finanzierung von Softbank mit 2,6 Mrd. Dollar bewertet? Kennen Sie die britische Firma Graphcore, in der immerhin 310 Mio. Dollar Risikokapital stecken, unter anderem von Bosch, BMW und Microsoft? Graphcore entwickelt neuartige Computerchips für maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenzen. Oder sagt Ihnen Databricks etwas? Das aus San Francisco stammende Start-up konnte knapp 500 Mio. Dollar Venture Capital von den besten VC-Adressen im Silicon Valley einsammeln. Damit arbeitet es an einer Big-Data-Management und -Analyse Plattform.

Fragen Sie Ihre Team-Kollegen beim nächsten Lunchtermin, ob ihnen B2B-Start-ups wie Carbon (3D-Druck), Zymergen (Biotechnologie für industrielle Anwendungen), Samsara (Industrielles Internet of Things), Darktrace (Cybersicherheit) oder Tusimple (autonome LKW) bekannt vorkommen. Hunderte Millionen Wagniskapital stehen hinter diesen Namen. Es sind hoch gehandelte Firmen, die mit ihren Produkten und Entwicklungen auch auf das Herz der deutschen Volkswirtschaft zielen. Insbesondere im Mittelstand, dem vielbeschworenen Rückgrat der heimischen Ökonomie fehlt (immer noch) häufig das Wissen über die aufgehenden Sterne der globalen Start-up-Szene.

Kein Unternehmen – egal ob mit 1000 oder 100.000 Mitarbeitern – kann heute auf einen regelmäßigen und aktiven Start-up-Scan verzichten. Denn Disruptionen lauern hinter jeder Ecke. Sie entstehen im Kleinen. Aus ach so fernen Gründungen können morgen schon ernstzunehmende Wettbewerber werden. Action required!