Jahresrückblick 2020: eine Serien-Kritik

"2020" - Ein Jahresrückblick als zwölfteilige Netflix-Serie
"2020" - Ein Jahresrückblick als zwölfteilige Netflix-Serie
© IMAGO / Hans Lucas
Viele Menschen kamen sich in diesem Jahr vor wie Zuschauer einer völlig überzogenen Netflix-Serie. Anlass für eine Filmkritik über das zwölfteilige Drama "2020"

Pilotfolge: Januar

Auf der ersten Folge einer Serie liegt stets eine große Last. Sie muss hineinziehen in die Geschichte, andeuten, was kommt, darf aber natürlich auch nicht zu viel verraten. In dieser Hinsicht war "Januar" ganz gut geraten. Wir lernen einige der zentralen Akteure des Jahres kennen, sind aber noch nicht ganz im Bilde über ihre Rolle. Ein Beispiel dafür ist die Figur des US-Präsidenten Donald Trump, der sich im Laufe der Serie seiner Wiederwahl stellen muss. Die Rolle ist auf den ersten Blick grotesk überzeichnet, ein pöbelnder Rassist, der statt Politik eigene Geschäftsinteressen verfolgt, Medien, politische Gegner und Wissenschaftler wüst beschimpft und mit dieser Mischung eine treue Anhängerschaft um sich versammelt. Es wirkt unglaubwürdig, wird allerdings brillant gespielt von einem früheren Reality-TV-Star, der der Rolle eine große Wucht verleiht.

In der Pilotfolge lässt dieser Trump den hochrangigen iranischen Militärführer Qasem Soleimani per Drohne töten. Man vermutet allerdings schon, dass dieser Handlungsstrang nicht weiter verfolgt wird, sondern nur Trumps Charakter unterstreichen soll. Gegen Ende von "Januar" erfährt man von einem neuartigen Virus namens Covid-19, das in China zu zahlreichen Fällen schwerer Erkrankungen führt – erste Fälle gibt es auch in Europa. Es klingt bedrohlich. Die Folge endet damit, dass wir ein Interview verfolgen, in dem ein Mann namens Christian Drosten zu Wort kommt. Ein führender Virologe von der Berliner Charité, der mehr über das neue Virus weiß als die meisten anderen Menschen auf der Welt. Die Rolle ist interessant besetzt – Drosten ist ein etwas strubbeliger, Prenzlauer Berg-kompatibler Jungs-Typ, nicht der klassische Wissenschaftler-Nerd, wie man ihn aus James Bond-Filmen kennt. Er wird in der Serie noch häufiger auftauchen.

Folge 2: Februar

In Folge 2 verlieren die Drehbuchschreiber zunächst etwas den Faden. Die Handlung nimmt sich viel Zeit für eine Ministerpräsidentenwahl in Thüringen , die zum Skandal wird, weil sich ein FDP-Mann von Rechtsextremen mitwählen lässt. Das Ganze wird zu einer halben Staatsaffäre, in deren Folge auch die Chefin der deutschen Christdemokraten zurücktritt. Die trägt natürlich einen schwer aussprechbaren langen Doppelnamen, das ist etwas dick aufgetragen. Der ganze Fall spielt für den weiteren Verlauf von "2020" eigentlich überhaupt keine Rolle, weshalb man sich fragt, warum das so ausführlich behandelt wird.

Dann aber nehmen sich die Autoren auch wieder der zentralen Handlungsfäden an. Der irrlichternde US-Präsident schafft es trotz eindeutiger Vorwürfe, sich einer Amtsenthebung wegen Machtmissbrauchs zu entziehen und verfolgt seine düsteren Ränkespiele. Und die Gefahr durch das aus China kommende Virus wird immer deutlicher: In Italien werden einzelne Regionen abgeriegelt, in Frankreich gibt es den ersten Todesfall, und in Deutschland wird ein Krisenstab eingerichtet. Wir sehen besorgte Geschäftsleute, die allmählich den Ernst der Lage begreifen, als die Mobilfunkmesse in Barcelona und der Genfer Autosalon abgesagt werden, alles wegen des Virus. Die Serie nimmt nun eindeutig Fahrt auf und entwickelt sich in Richtung Katastrophenfilm. Wichtigster Satz: "Warum müssen die auch Fledermäuse essen?" Die Autoren bleiben dabei sehr streng in der Auslegung des Genres. Für eine Liebesgeschichte ist kein Platz. Für Komik sorgt allenfalls der überzeichnete US-Präsident.

Folge 3: März

Die ganze Packung Seuche: Das Virus kommt mit voller Wucht in Europa an, die Weltgesundheitsorganisation ruft eine Pandemie aus, die Börsen erleben Rekordabstürze. Mit starker Symbolik, aber vermutlich leider nicht unrealistisch: Kaum ist das Virus da, schließen die Staaten ihre Grenzen, die USA verhängen einen Einreisestopp für Europäer, an der deutsch-französischen Grenze kommt es zu Anfeindungen zwischen den Bewohnern der beiden Länder.

Die Folge nimmt sich wenig Zeit für Details, sondern will das große Ganze erzählen: ein Virus, das die ganze Welt erfasst, alles lahm legt und den Flugverkehr fast zum Erliegen bringt. Es fliegen Begriffe wie "Inzidenz", "Aerosole" und "Übersterblichkeit" durch die Dialoge. Die meisten Darsteller laufen jetzt mit Masken herum, was filmisch nicht so wahnsinnig gelungen ist, man möchte ja Gesichter sehen. Die Italiener dürfen ihre Häuser nicht mehr verlassen und singen sich stattdessen auf den Balkons Mut zu – ein schöner Einfall des Regisseurs, der zu einer musikalischen Sequenz führt, wie sie in Katastrophenfilmen eher unüblich ist. Auch hübsch, wenn auch sehr klischeebeladen: Während die Italiener singen, horten die Deutschen Toilettenpapier für den Fall einer Ausgangssperre. Die tritt zwar nie in Kraft, aber dafür haben jetzt alle auf Jahre hinweg Klorollen in ihren Wohnungen. Man kann den deutschen Charakter auch subtiler zeichnen, aber die Botschaft kommt an.

Folge 4: April

Die Regie verlegt sich auf eine lange Strecke schaurig-schöner Bilder: Leere Boulevards in Frankreich, keine Schiffe mehr in der Lagune von Venedig, ein wolkenloser Himmel frei von Flugzeugen über Europa. Es ist eine elegische, entschleunigte Folge, in der Action-mäßig nur wenig passiert. An Ostern sitzen die Menschen auch in Deutschland in ihren Wohnungen. Es dürfen keine Gottesdienste stattfinden, die Schulen sind geschlossen und auch Fußballspiele werden europaweit komplett abgesagt – ein etwas übertriebenes Detail. Über Berlin fliegen am Ostersonntag Flugzeuge mit einem Banner, auf dem "Friede sei mit Euch" steht. Der leichte Hang zum Kitsch sei den Drehbuchautoren verziehen. Natürlich treten die üblichen Endzeitprediger auf, die das Virus als Zeichen für irgendetwas deuten und eine Wende in der Geschichte der Neuzeit sehen wollen.

Gegen derlei esoterische Ausflüge setzt das Drehbuch die harte Realität: Millionen von Menschen in Kurzarbeit oder, wenn es um die USA geht, in Arbeitslosigkeit. Die westlichen Industriestaaten beschließen Hilfsprogramme in Höhe von Hunderten von Milliarden von Euro. Für die deutsche Lufthansa muss ein Rettungspaket aufgelegt werden. Das ist weitgehend realistisch dargestellt, allerdings fragt man sich, ob in Wirklichkeit alles tatsächlich so schnell abgelaufen wäre. Und dass der dumm-dreiste US-Präsident tatsächlich vorschlägt, man möge sich doch Desinfektionsmittel gegen das Virus spritzen : Da ist den Autoren wohl etwas die Phantasie durchgegangen.

Folge 5: Mai

Vermutlich reichte den Machern von "2020" das klare Virus-Leitmotiv nicht ganz aus. Jedenfalls wird in dieser Folge ein ganz eigener neuer Handlungsstrang aufgemacht, der sich auch noch durch die nachfolgenden Serienteile zieht. Die Grundidee:

In Deutschland entwickelt sich ein Skandal um einen Zahlungsdienstleister namens Wirecard , der Milliardenumsätze in seiner Bilanz allem Anschein nach frei erfunden hat. Die Story wird völlig bizarr und zieht sich um den halben Globus: Ein für den Betrug verantwortlicher Mitarbeiter namens Jan Marsalek setzt sich ab, angeblich auf die Philippinen, in Wahrheit aber nach Weißrussland und dann nach Russland. Ihm werden enge Kontakte zum österreichischen Geheimdienst nachgesagt (von dem man außerhalb dieser Serie auch noch nie gehört hatte). Außerdem hat er auch mit dem russischen Militärnachrichtendienst zu tun und verfügt über geheime Informationen zu Giftanschlägen auf russische Regimegner.

Die Geschichte ist so verzweigt und voll mit neuem Personal, dass man sich des Verdachts nicht erwehren kann, hier solle die Basis für einen Serienableger geschaffen werden. Dafür spricht auch, dass Marsalek bis zum Staffelfinale nicht gefunden wird, trotz internationaler Fahndung. Lohnen würde sich ein Ableger auf jeden Fall – allerdings sollten die Autoren dann etwas Ordnung in das sehr wirre Handlungsgeflecht bringen. Das wirkte bisher eher wie "Bad Banks" auf Speed. Immerhin: eine gelungene Ablenkung vom strengen Virus-Katastrophenthema.

Folge 6: Juni

Die große Randale-Folge. Das Drehbuch hat sich ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, um zu zeigen, wie die Menschen in der Pandemie allmählich durchdrehen: Durch die Innenstadt des Schwaben-Kessels ziehen alkoholisierte Männer, die sich Prügeleien mit der Polizei liefern. Es fliegen Steine und Stangen, Fensterscheiben gehen zu Bruch, Geschäfte werden geplündert. Nach einer ersten Irritation passt das Ganze dann doch ganz gut nach Stuttgart: Es ist ein raffinierter Schachzug, diesen Teil der Handlung nicht nach Berlin oder Hamburg zu legen, sondern ins angeblich immer so regeltreue Süddeutschland. Man versteht sofort: Von diesem Ort geht in dieser Serie nichts Gutes aus.

Auch der US-Strang wird weiter verfolgt: Der unfähige US-Präsident verharmlost das Risiko durch das Virus und reitet sein Land damit mehr und mehr in die Grütze. New York versinkt im Chaos, aber das kennt man ja schon aus anderen Katastrophenfilmen. Nebenher verkündet der Präsident, die in wenigen Monaten anstehende Wahl werde gefälscht und "der größte Skandal aller Zeiten" werden und macht dafür vorsorglich schon einmal ausländische Mächte verantwortlich. Man fragt sich als Zuschauer unwillkürlich, warum er als Chef der Exekutive dann nicht etwas gegen diese sich angeblich abzeichnende Gefahr unternimmt (es ist ja noch früh). Aber diese mangelnde Konsistenz ist ohnehin etwas, was sich wie ein roter Faden durch die Figur Trump zieht. Was die Autoren gewinnen, indem sie die Rolle bizarr und absurd anlegen, verlieren sie bei allen Fragen der Logik. Ein Anfängerfehler.

Folge 7: Juli

In dieser Episode ist den Machern wirklich nicht viel eingefallen. Etwas lustlos wird mit dem Virus-Motiv herumgespielt, aber irgendwie wirkt es, als hätte der Praktikant das Drehbuch übernommen. Eine Menge Zeit geht mit der Frage drauf, wie viel Geld die europäischen Staaten für den Kampf gegen die Folgen der Pandemie bekommen sollen. Und irgendwie geht es in einer Nebenhandlung auch um einen Bußgeldkatalog. Viel Gewese wird um eine Studie in einer nordrheinwestfälischen Stadt namens " Heinsberg " (schon wieder so ein Klischee-Name) gemacht, die Erkenntnisse über die Ausbreitung des Virus liefern soll. Als Zuschauer versteht man schon sehr schnell nicht mehr, ob das Ganze jetzt für die Handlung relevant ist oder nur ein bisschen Lokalkolorit bringen soll. Vielleicht ist die Folge auch gesponsort? Es bleibt rätselhaft.

Folge 8: August

Was "Juli" an Action vermissen ließ, das kommt jetzt doppelt und dreifach. Die Welt ist in dieser Folge in Aufruhr: In Beirut explodiert ein Lagergebäude mit einer solchen Wucht, dass fast das ganze Hafengelände zerstört wird, es sind verstörende Bilder. In Weißrussland gehen Zehntausende gegen das Ergebnis einer offenkundig manipulierten Präsidentenwahl auf die Straße und singen dabei alte Dissidentenlieder. Und in Russland wird ein Giftanschlag auf einen Kremlkritiker und beliebten Oppositionellen verübt. Der wird dann gerade noch rechtzeitig ausgeflogen und landet - ausgerechnet - in der Berliner Charité. Also in jenem Krankenhaus, in dem auch der Viren-Experte Drosten arbeitet. Im wirklichen Leben gibt es solche Zufälle natürlich nicht, aber Filme müssen halt verdichten.

Es wird aber noch mehr in diese eine Folge gepackt: Der wirre US-Präsident bekommt einen Gegenspieler, den honorigen, aber etwas langweiligen Joe Biden – man meint den Darsteller aus zahlreichen Vorabendserien zu kennen. In Berlin stürmen dann auch noch Demonstranten, die nicht an das Virus glauben oder die Maßnahmen dagegen für falsch halten (so genau weiß man das nicht) die Treppen des Reichstags, die von drei (3!) Polizisten verteidigt werden. Angeführt wird die Aktion von einer durchgeknallten Heilpraktikerin aus der Eifel. Das ist so abgedreht, dass es schon wieder echt wirkt. Eine irre Episode.

Folge 9: September

Ein Ausflug ins komische Fach: Die Autoren nehmen sich viel Zeit für eine Posse um einen so genannten " Warntag " in Deutschland, an dem Sirenen, Apps und sonstige Notfallsysteme flächendeckend getestet werden sollen. Zum einen wissen viele Beteiligte gar nichts davon, zum anderen stellt sich an manchen Orten heraus, dass es gar keine Sirenen mehr gibt. Und die Warn-Apps melden sich auch entweder gar nicht, oder eher zu spät. Jedenfall ist alles sehr humorig inszeniert. Man merkt, dass die Drehbuchschreiber bei der Flughafen-Komödie "BER" ihr Handwerk gelernt haben. Ob das Ganze noch für den Pandemie-Plot eine Rolle spielen wird? Es bleibt spannend.

Folge 10: Oktober

Es passiert, was nach den üblichen Regeln Hollywoods passieren musste: Der überkandidelte US-Präsident, der das Virus stets heruntergespielt hat, wird selbst infiziert und muss ins Krankenhaus. Der Plot wird wie immer bei der Figur Trump ins Bizarre ausgewalzt: Der Präsident bekommt einen Medikamenten-Cocktail und grüßt in einem Spontan-Ausflug seine Anhänger aus dem Auto. Dann kehrt er in einer Film-im-Film-Inszenierung genesen ins Weiße Haus zurück, salutiert absurd lange von der Terrasse aus und reißt sich theatralisch die Schutzmaske vom Mund. Mal im Ernst, wer soll das glauben? Welcher Politiker würde sich so verhalten, noch dazu im einflussreichsten öffentlichen Amt der Erde? Wer schreibt solche Drehbücher? Dass die Autoren ihre eigene Story verulken, merkt man dann an einem kleinen Detail: In der gleichen Folge wird in einer kurzen, kaum merklichen Einblendung auch der Berliner Flughafen eröffnet, also jener Never Ever-Flughafen aus der Serie " BER ".

Folge 11: November

Leider wird auch der nun folgende Teil nicht glaubwürdiger. In der amerikanischen Präsidentenwahl, auf die ja lange genug hingearbeitet wurde, siegt der honorige Gegenkandidat des wahnsinnigen Trump. Soweit, so kitschig, so Hollywood. In der gleichen Folge aber wird nun, wie Kai aus der Kiste, auch noch ein Impfstoff gegen das allgegenwärtige Virus präsentiert – und steht vor der baldigen Zulassung. Die Entwickler: ein deutsches Ehepaar mit türkischem Migrationshintergrund ! Es fehlt eigentlich nur noch, dass nebenbei das Weltklima gerettet wird, und siehe da: Durch die Pandemie und den eingebrochenen Verkehr sind auch die Emissionen von Kohlendioxid weltweit rekordverdächtig zurückgegangen. Der Zuschauer macht sich nun also bereit für eine abschließende Weihnachtsfolge mit schwelgenden Geigen.

Folge 12 und Staffelende: Dezember

Diesen Gefallen aber tut das Drehbuch dem Publikum nicht. In der letzten Folge von "2020" geht es noch einmal ordentlich zur Sache. Trump weigert sich, den Wahlsieg anzuerkennen und setzt sich mit einem Bombardement aus aberwitzigen Klagen dagegen zur Wehr. Seine Anhänger ziehen durch Washington und prügeln sich mit Gegendemonstranten. Zudem nehmen die Infektionen mit dem Virus in Europa und den USA noch einmal deutlich zu, und so schnell kann auch der Impfstoff nicht genehmigt werden. Es wird also doch alles nicht so einfach.

Für Spannung sorgt der Plot, mit dem die Folge endet: In den USA, in Rumänien und an anderen Orten werden seltsame metallene Monolithen gefunden, von denen niemand weiß, wo sie herkommen. Sie stehen in der Landschaft herum und verschwinden alsbald wieder, um dann andernorts auf der Erde wieder aufzutauchen. Ein Cliffhanger für eine wohl nicht vermeidbare zweite Staffel "2021". Die allerdings könnte etwas weniger Aufregung und eine plausiblere Handlung absolut vertragen.

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