ExklusivNeue Ungereimtheiten bei der Heinsberg-Studie

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hat sich früh für Lockerungen eingesetzt – auch auf Basis der Erkenntnisse aus der Heinsberg-Studie. Derzeit kämpft Laschet mit einem massiven Corona-Ausbruch beim Fleischriesen Tönnies im Kreis Gütersloh imago images / Revierfoto

Die Mail an den Virologen Hendrik Streeck kommt mit dem Hinweis „EILT“ in der Betreffzeile. Absender: ein Abteilungsleiter aus der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei von Ministerpräsident Armin Laschet. „Nach Rücksprache mit Herrn Ministerpräsident Laschet besteht von ihm volles Verständnis, dass Sie jede Minute für die Studie nutzen möchten“, schreibt der Beamte am 8. April mittags an den Leiter der sogenannten Heinsberg-Studie. Daher müsse der Wissenschaftler auch nicht an der kurz darauf beginnenden Sitzung von Laschets Corona-Expertenrat teilnehmen.

Danach folgt eine Bitte, die sich auch als sanfte Aufforderung verstehen lässt: Er bitte bis zum Nachmittag um eine telefonische Einschätzung, ob die Staatskanzlei am Morgen des nächsten Tages einen Pressetermin mit Streeck machen könne – „unter dem Aspekt qualitätsgesicherter erster Ergebnisse“, schreibt Laschets Abteilungsleiter. Und weiter: „Wir reden von ,ersten Zwischenergebnissen‘, nicht von Endergebnissen der gesamten Studie.“ Tatsächlich präsentierten Streeck und seine Kollegen dann am nächsten Morgen mit Laschet „Zwischenergebnisse“, obwohl die Forscher nach eigener Aussage noch bis in die Nacht diskutiert haben, ob sie schon erste Daten vorstellen können.

Die Mail und weitere Unterlagen aus der nordrhein-westfälischen Landesregierung, die Capital vorliegen, geben einen Hinweis darauf, unter welchem Zeitdruck der Zwischenbericht am Gründonnerstag präsentiert wurde – wenige Tage vor einem Termin, bei dem Bund und Länder am Mittwoch nach Ostern erstmals über einen Weg aus dem wirtschaftlichen Shutdown entscheiden wollten. Denn für Laschet, der aktuell mit einem massiven Corona-Ausbruch bei dem westfälischen Fleischriesen Tönnies und Kritik an seinem Krisenmanagement zu kämpfen hat, war die Studie von hoher Bedeutung, um seinen heftig umstrittenen und politisch riskanten Lockerungskurs wissenschaftlich zu untermauern. Man brauche mehr Erkenntnisse und Fakten, wie sie Streeck mit seinem Forschungsprojekt aus dem Kreis Heinsberg „liefern“ könne, sagte der Favorit für den CDU-Parteivorsitz und mögliche Kanzlerkandidat nach der Vorlage des Zwischenberichts am
9. April. Die Studie könne daher „helfen bei einer Öffnungsstrategie“.

Doch schon nach der hastigen Vorstellung der viel beachteten Zwischenergebnisse war Kritik an den Begleitumständen des Forschungsprojekts von Streeck und seinen Bonner Professorenkollegen Gunther Hartmann und Martin Exner laut geworden – etwa an der Politisierung der Forschung durch Laschet, aber auch an der Beteiligung der PR-Agentur Storymachine, die bei der Öffentlichkeitsarbeit eine einflussreiche Rolle spielte. Neue Recherchen von Capital deuten nun darauf hin, dass der enorme Zeitdruck und das Eiltempo auch dazu geführt haben könnten, dass die Forscher in einen Konflikt mit wichtigen wissenschaftlichen Qualitätsstandards gerieten. Zudem ist im Zusammenhang mit der Heinsberg-Studie inzwischen auch eine Strafanzeige bei der Kriminalpolizei in Bonn eingegangen, die sich unter anderem gegen Studienleiter Streeck richtet.

Landesregierung falsch informiert?

Seine Forschung im Kreis Heinsberg hatte Streeck schon Anfang März auf eigene Faust begonnen. Während das Robert-Koch-Institut noch zögerte, fuhr der renommierte HIV-Forscher in den Corona-Hotspot, wo sich das Virus nach einer Karnevalsfeier verbreitet hatte, ging dort von Tür zu Tür und gewann durch Gespräche mit Infizierten wertvolle Erkenntnisse – etwa, dass Covid-19-Patienten häufig unter Geschmacks- und Geruchsverlust leiden. Zum Schulterschluss mit der Landesregierung bei der eigentlichen Heinsberg-Studie kam es dagegen erst Wochen später nach einem Gespräch mit Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann. Danach ging alles sehr schnell.

Nach dem Gespräch versprach Streeck am 25. März in einer Mail an den Minister und dessen Staatssekretär, zügig Fakten über das Virus zu liefern: „Sobald wir von Ihnen grünes Licht bekommen, würden wir in den nächsten Tagen das Infektionsgeschehen im Landkreis Heinsberg genau erfassen, um schnellstmöglich Antworten auf dringende Fragen für die Politik zu beantworten.“ Dazu verschickte Streeck eine „Vorhabenbeschreibung“, in der er die geplante Studie im Städtchen Gangelt skizzierte – inklusive Aufstellung der Kosten für die Tests, die Laumann übernehmen wollte. Kurz nach dem Eingang von Streecks Angebot wies Laumanns Staatssekretär seine Beamten an, umgehend („müsste schnell gehen“) einen Vertrag mit dem Wissenschaftler aufzusetzen. Volumen: 65.315 Euro plus Umsatzsteuer – nach späteren Angaben von Streeck rund ein Viertel der Gesamtkosten der Studie. Über die Pläne wurde auch die Staatskanzlei informiert: Am 26. März leitete Streeck seine Vorhabenbeschreibung an Laschets Regierungssprecher weiter.

In der Projektskizze für die Landesregierung findet sich jedoch auch eine Angabe, die Auftragnehmer Streeck nun Probleme bereiten könnte. So bestätigte der Virologe, dass für die Heinsberg-Studie ein „positives Ethikvotum“ der zuständigen Ethikkommission der Uni Bonn vorliege. Die Einschaltung einer Ethikkommission ist nach gängigen Standards in der Wissenschaft eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass ein Forscher eine medizinische Studie mit Versuchspersonen beginnen kann – etwa wenn personenbezogene Daten erhoben oder Blutproben genommen werden. Entsprechend dürfte die Angabe eines Ethikvotums mitsamt Aktenzeichen für den zügigen Vertragsschluss mit Chefforscher Streeck, den die Landesregierung anstrebte, erheblich gewesen sein.

In einer Projektskizze für das NRW-Gesundheitsministerium bestätigt Streeck am 25. März, dass er von der zuständigen Ethikkommission der Universität Bonn bereits grünes Licht für die Heinsberg-Studie hat

Doch tatsächlich gibt es bei der Frage, ob für die Heinsberg-Studie zu den entscheidenden Zeitpunkten Beschlüsse der zuständigen Ethikkommission vorlagen, einige Ungereimtheiten. So haben die Studienautoren selbst bei der Registrierung ihrer Studie im Deutschen Register für Klinische Studien ein späteres Ausstellungdatum für den Ethikbescheid angegeben: nämlich den 31. März. In der Strafanzeige, die vergangene Woche bei der Kriminalpolizei eingegangen ist und mittlerweile an die Staatsanwaltschaft Bonn weitergeleitet wurde, wird Streeck deshalb Betrug vorgeworfen, weil er gegenüber der Landesregierung bereits am 25. März erklärt hatte, dass ein „positives Ethikvotum“ vorliege. Durch diese Angabe habe Streeck das Land NRW als Auftraggeber getäuscht, um den Abschluss des Vertrags für Drittmittel zu ermöglichen.

Streeck weist Vorwürfe zurück

Zu dem Vorwurf falscher Angaben gegenüber dem Auftraggeber verwiesen Streeck und seine Kollegen auf Anfrage von Capital darauf, dass es im Zusammenhang mit ihrer Forschung in Gangelt „mehrere Voten“ der Ethikkommission der medizinischen Fakultät gegeben habe. Nach ihrer Darstellung war der Ablauf wie folgt: Nach einem Antrag der Forscher vom 3. März habe die Ethikkommission tags darauf „mitgeteilt“, dass gegen die ersten Untersuchungen im Kreis Heinsberg „keine grundsätzlichen berufsethischen oder berufsrechtlichen Bedenken zu erheben seien“. Nach der ursprünglichen Planung sollte die eigentliche epidemiologische Heinsberg-Studie mit mehr als 1000 Testpersonen dann „auf Basis des Ethikvotums vom 4. März“ durchgeführt werden.

Später habe man allerdings beschlossen, „ein zweites Ethikvotum“ einzuholen. Am 24. März habe die Ethikkommission dann „mitgeteilt“, dass einige noch zu klärende Punkte „ausreichend beantwortet“ worden seien. Auf diesem „damals aktuellen Stand“ seien auch die Aussagen in der Vorhabenbeschreibung für die Landesregierung erfolgt. Weil es später Änderungen an der Konzeption der Studie gab, habe man die Ethikkommission am 30. März erneut eingebunden. Mit deren „Votum“ vom 31. März sei dann die Heinsberg-Studie „positiv beschieden“ worden. „Selbstverständlich kann eine Studie erst mit Vorliegen eines positiven Ethikvotums gestartet werden“, betonten die Wissenschaftler.