ExklusivPR für Heinsberg-Studie: Streeck und Laschet gehen in Deckung

Virologe Hendrik Streeck mit einer Karte der Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg. Seine Studie sorgt bis heute für heftigen Wirbel – nicht nur in der PolitikDPA

Am Anfang war es nur ein Gerücht, das am Morgen des 4. Mai die Runde machte. An diesem Tag, so war zu hören, sollten die Endergebnisse der Heinsberg-Studie des Bonner Virologen Hendrik Streeck vorgelegt werden – jener Studie also, die nach dem Zwischenbericht am Donnerstag vor Ostern zu einem Politikum geworden war. Doch wann und in welcher Form Streeck und sein Team die Daten vorstellen würden, wusste zunächst niemand. Öffentlich auffindbar war nur ein frisches Interview von Streeck in der FAZ, von dem vor allem eine Aussage hängen blieb: dass gemessen an den Erkenntnissen seiner Studie aus dem Kreis Heinsberg in Deutschland insgesamt schon „mehr als 1,8 Millionen Menschen mit dem Sars-CoV-2-Virus infiziert sein müssten.

Im Laufe des Vormittags tauchte dann auf der Website der Universität Bonn eine längere Pressemitteilung auf. Die nüchterne Überschrift: „Ergebnisse der ,Heinsberg-Studie‘ veröffentlicht“. Darunter fand sich ein Link zu dem Manuskript auf Englisch, in dem das Forscherteam um Streeck seine Ergebnisse aus dem 12.000-Einwohner-Ort Gangelt auf 37 Seiten der internationalen Wissenschaftscommunity vorstellt.

Die Veröffentlichung des finalen Berichts fast en passant steht in einem beachtlichen Gegensatz zu der Art und Weise, wie am Gründonnerstag die Zwischenergebnisse präsentiert worden waren. Da hatten Streeck und seine beiden Bonner Professorenkollegen Gunther Hartmann und Martin Exner ihre vorläufigen Zahlen über die Dunkelziffer und die Infektionssterblichkeit in Gangelt noch auf einer Pressekonferenz in der Düsseldorfer Staatskanzlei vorgestellt – an der Seite von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, der den Zwischenbericht und die Empfehlungen der Wissenschaftler umgehend nutzte, um seine Forderung nach einer zeitnahen Lockerung des damals noch bestehenden bundesweiten Shutdowns zu untermauern. Live übertragen wurde der Pressetermin in der Staatskanzlei auch auf einem von der Kommunikationsagentur Storymachine betriebenen Twitterkanal mit dem Namen „Heinsberg Protokoll“. Für ihre Wissenschaftskollegen lieferten die Forscher dagegen gerade einmal zwei dürre Seiten.

Schon nach dem Zwischenbericht am 9. April hatte die Studie von Streeck, der sich in den vergangenen Jahren mit seiner Forschung zum HI-Virus weltweit Anerkennung erarbeitet hat, deshalb eine heftige Diskussion ausgelöst. Auch manche Kollegen wie der Charité-Virologe Christian Drosten äußerten Kritik an den Begleitumständen – nicht nur wegen der hastigen Veröffentlichung der Zwischenergebnisse auf einer Pressekonferenz mit einem Spitzenpolitiker anstelle eines in der Wissenschaft üblichen Manuskripts, sondern auch wegen der ungewöhnlichen Flankierung durch eine PR-Agentur. Mitte April enthüllte Capital dann, dass Storymachine bei der Öffentlichkeitsarbeit für Streecks Forschungsprojekt sogar eine viel größere Rolle spielte, als bis dahin bekannt war.

Seit diesem Donnerstag liegt nun auch ein Beschluss des Deutschen Rats für Public Relations vor, der die Rolle der Agentur im Zusammenhang mit der Heinsberg-Studie untersucht hat. Darin spricht das Selbstkontrollorgan der PR-Branche Storymachine eine Rüge wegen „der Rufschädigung des Berufsstands durch unprofessionelles Verhalten“ aus. Der Rat habe den Eindruck, dass durch das Agieren der Agentur in der Öffentlichkeit „zumindest der Eindruck einer manipulativen Darstellung entstanden ist und wissenschaftliche Arbeit primär dazu genutzt wurde, um an der zu erwartenden hohen Aufmerksamkeit zu partizipieren“, heißt es in dem Beschluss.

Dagegen wehrt sich die Agentur: Der PR-Rat rüge einen Punkt, zu dem Storymachine im Verfahren nicht angehört wurde, während der in der Öffentlichkeit ursprünglich erhobene Vorwurf mangelnder Transparenz bei der Kennzeichnung des Absenders des Heinsberg-Protokolls sowie der Nennung von Sponsoren ausgeräumt worden sei, heißt es in der Stellungnahme eines Storymachine-Anwalts. Das habe „mit einem fairen Verfahren nichts zu tun“. Der „nunmehr plötzlich vom PR-Rat erhobene neue Vorwurf“, dass das Dokumentationskonzept von Storymachine den Eindruck erwecke, dass ein vorformuliertes Narrativ in der Öffentlichkeit gesetzt werden solle, sei „ebenso nicht begründet“. Daher werde man Rechtsmittel gegen den Ratsbeschluss prüfen.

Zu der eigenen Rolle bei der Heinsberg-Studie hatte Storymachine öffentlich stets erklärt, man führe lediglich eine „Dokumentation“ der Forschung in Gangelt durch, beobachte also Streecks Team bei der Arbeit. Tatsächlich hatte die Agentur (Claim: „We power your message“) aber schon in einer frühen Phase der Forschungsarbeiten eine Art „Regieplan“ für die Öffentlichkeitsarbeit entwickelt, in dem sie Phasen, Ziele und Botschaften für die Kommunikation definierte – in einem Stil, wie er etwa zu einer Kampagne für die Markteinführung eines Produkts oder einen Wahlkampf passt. Als Ziel für das Heinsberg-Protokoll wird in dem Konzept genannt: „ein Narrativ setzen“.

Darüber hinaus stand bereits in dem in dem PR-Konzept, das in den ersten April-Tagen entstand und Capital vorliegt, die Ergebnisse der Studie seien „repräsentativ“ und damit in Deutschland „auf die Gesamtbevölkerung anwendbar“. Zudem wurde dort schon der
9. April als Termin für den Zwischenbericht genannt – wenige Tage vor einer länger geplanten wichtigen Beratung von Kanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten zur Exit-Strategie. Eine der Botschaften für die Kommunikation zur Studie laut dem Konzept von Storymachine: „Wir forschen auf höchstem Niveau. Vor Ort. Mit dem klaren Ziel, den Menschen die Angst vor der Zukunft zu nehmen, die Situation entlang wissenschaftlicher Erkenntnisse so schnell wie möglich wieder zu normalisieren“.

Die unter anderem von Ex-„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann mitgegründete Agentur betont, sie habe mit ihrem Heinsberg-Projekt weder politische noch geschäftliche Interessen verfolgt. Ungeachtet dessen verschickte sie ihr PR-Konzept Anfang April auch als Präsentation an potenzielle Sponsoren. Nach Capital-Recherchen fragten Storymachine-Vertreter bei einer Reihe von Unternehmen, Verbänden und Stiftungen an, ob sie die Öffentlichkeitsarbeit für Streecks Studie unterstützen wollen – darunter der Bundesverband Öffentlicher Banken, die Atlantik-Brücke und die RAG-Stiftung, bei der das Land NRW am Stiftungskapital beteiligt ist und Ministerpräsident Laschet im Kuratorium sitzt. Die RAG-Stiftung pflegt zudem auch enge Kontakte mit Storymachine-Mitinhaber Michael Mronz, dessen Lobbyfirma für eine Olympiabewerbung der Region Rhein-Ruhr für 2032 namens „Rhein Ruhr City“ am Sitz der Stiftung auf dem Welterbe Zollverein in Essen residiert. Über seine Olympia-Initiative hat Mronz wiederum einen Draht zu Laschet.

Nach Angaben von Storymachine unterstützten am Ende lediglich zwei „Partner“ das „Heinsberg-Protokoll“ mit einem Betrag von insgesamt 30.000 Euro: der Provider Deutsche Glasfaser und Gries Deco Company, Mutterkonzern der Einrichtungskette Depot. Den Großteil der Kosten übernahm die Agentur demnach selbst.

Streeck: PR-Konzept „ist mir nicht bekannt“

Die Zusammenarbeit der Bonner Wissenschaftler mit der Agentur, so haben es beide Seiten angegeben, war über einen persönlichen Kontakt von Streeck mit Storymachine-Miteigentümer Mronz zustande gekommen. Auf Anfrage teilte Streeck jetzt mit, er habe mit Mronz erstmals am 30. März über eine „mögliche Begleitung“ gesprochen. Dabei sei es immer nur darum gegangen, „dass die Agentur uns bei der Arbeit in Heinsberg über die Schulter schauen will“. Storymachine habe „zu keinem Zeitpunkt Einfluss auf die inhaltliche beziehungsweise wissenschaftliche Arbeit der Studie“ gehabt.

Von der Entwicklung eines PR-Konzepts mit Kommunikationszielen und Botschaften, die in die Öffentlichkeit transportiert werden sollen, hat Streeck nach eigener Aussage dagegen nichts gewusst, wie er bereits vor der Rüge des PR-Rates gegenüber Capital erklärte: „Die Kommunikationsstrategie ist mir nicht bekannt, und ich habe daran nicht mitgewirkt.“ Auch Storymachine selbst hatte bereits im April die Frage, ob der Wissenschaftler in die Entwicklung des PR-Konzepts eingebunden war, eindeutig verneint.