FrühjahrsgutachtenStärkerer Wirtschaftseinbruch als nach der Finanzkrise

Leerer Parkplatz bei VW: Die Produktion ruht bei dem AutobauerImago

Die großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute haben für das zweite Quartal einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 9,8 Prozent berechnet. Für das gesamte Jahr 2020 schätzen sie von einem Einbruch von 4,2 Prozent des BIPs. Das gaben die Konjunkturchefs der Institute heute bei der Vorstellung der Gemeinschaftsdiagnose auf einer Online-Pressekonferenz bekannt. „Das wäre nach 2009 die tiefste Rezession seit dem Ende des zweiten Weltkriegs“, sagte Timo Wollmershäuser, der Konjunkturchef des ifo-Instituts.

Der Rückgang des BIPs ist damit doppelt so hoch wie während der Finanzkrise im ersten Quartal 2009. Damals sank das BIP um fünf Prozent. Es ist auch der höchste gemessene Wert seit Beginn der Berechnung des vierteljährlichen BIPs im Jahr 1970. Erst im Jahr 2021 rechnen die Wirtschaftsforscher mit einer Erholung der Wirtschaftsleistung auf das Vorkrisenniveau.

Trotzdem ist die Prognose optimistisch. Schließlich gehen die die Ökonomen nur von einem fünfwöchigen Shutdown aus: von Mitte März bis Mitte April. Sie nehmen an, dass die Maßnahmen des Bundes gegen die Ausbreitung des Coronavirus wirksam sind. Außerdem gehen sie davon aus, dass der Schutzschirm für Beschäftigte und Unternehmen eine Insolvenzwelle verhindern kann. Langfristig blieben die wirtschaftlichen Folgen also gering.

Die Krise betreffe bisher vor allem die Inlandsnachfrage, sagte Wollmershäuser. „Wir gehen in unserer Prognose davon aus, dass sich die Weltkonjunktur weitgehend synchron im Laufe des Jahres erholt.“  Der Grund: Alle Länder werden ähnlich stark von der Krise getroffen. Sie werden im Laufe der nächsten ein, zwei Monate die Wirtschaft wieder hochfahren. Die Weltkonjunktur ziehe dann wieder an.

Erhebliche Abwärtsrisiken

Es gibt mehrere Gründe, das zu bezweifeln. Besonders Italien und Spanien sind derzeit stark von der Ausbreitung des  Coronavirus betroffen. Ein Großteil des dortigen BIPs erwirtschaftet die Tourismusbranche. Die wäre auch nach der Lockerung der Maßnahmen mit am stärksten von allen Branchen betroffen. Ein Nachfragerückgang nach deutschen Produkten aus diesen und anderen Ländern würde Deutschland stark treffen. Deutschland ist mit Exporten in Höhe von 47,4 Prozent seiner Wirtschaftsleistung und Importen von 41,3 Prozent des BIPs wie kaum ein anderes Land von der Weltkonjunktur abhängig. Zudem ist noch nicht ausgemacht, wie sich die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus Mitte April ändern werden. Davon hängt ab, wie schnell sich die Inlandsnachfrage erholen wird.

Die Wirtschaftsforscher der Institute sprechen demnach auch von „erheblichen Abwärtsrisiken“, hielte die Pandemie an. Dann könnte der Wirtschaftseinbruch stärker ausfallen. Auch eine mögliche Schuldenkrise in anderen Ländern würde die Erholung der Wirtschaft in Deutschland verlangsamen.

Auf ein Vergleichsszenario für diese „Abwärtsrisiken“ verzichteten die Ökonomen aber. Eine aktuelle Prognose des Sachverständigenrats Wirtschaft zeigt, dass der Wirtschaftseinbruch dann stärker ausfiele, weil eine Erholung der Wirtschaft auf sich warten ließe. Die „Wirtschaftsweisen“ gingen im Worst-Case-Szenario davon aus, dass das BIP 2020 um 4,5 Prozent schrumpfen, aber 2021 nur um ein Prozent wachsen würde, wenn die Pandemie länger anhielte und Unterstützungsmaßnahmen der Regierung nicht ausreichten, um die Wirtschaft zu stärken.