WeinVegan-Winzerin Eva Fricke: „Wein überlebt uns alle“

Winzerin Eva Fricke
Winzerin Eva FrickeMarkus Bassler

Nicht erst mit einer fulminanten Auktion von 18 halben Flaschen bei Sotheby’s im Oktober nahm die weltweite Weinelite anerkennend Notiz von Eva Fricke. Wobei die 3750 Pfund für jede der „Lorcher Krone Riesling Trockenbeerenauslesen 2019“, von den Gurus Robert Parker und James Suckling jeweils mit 100 Punkten belohnt, durchaus eine Sensation darstellten.

Geschätzt hatten die Experten den Erlös pro 375 Milliliter der raren Dessertweine nämlich „nur“ auf zwischen 2000 und 3000 Pfund, was ebenfalls zu den höchsten, jemals für Weine aus dem Rheingau gezahlten Preisen gezählt hätte. Während der Auktion oder direkt im Anschluss dürften also eine Reihe von Branchensinsidern und Sammlern rasch den Namen der gebürtigen Bremerin in eine Suchmaschine getippt haben.

Frickes neuerlicher Ruhm kam dabei keineswegs über Nacht, sondern ist eine dieser Erfolgsstorys „many years in the making“. Sie als Jungwinzerin zu beschreiben macht daher allenfalls bezogen auf ihr Geburtsjahr 1977 einen Sinn, ihrer breit gefächerten Expertise wird der Begriff keineswegs gerecht. Besonders spannend und selbst Kennern kaum im Detail vertraut ist der Umstand, dass Eva Fricke mit ihrem Team ganz auf veganen Weinbau setzt.

Was das in der Praxis und im Glas genau bedeutet, wie die Pandemie sie ausbremste und beflügelte – und was der Klimawandel für ihre Anbauflächen in Eltville bedeutet, das und mehr erzählt Eva Fricke im exklusiven Capital-Interview.

Lage Lorch des Weingutes Eva Fricke
Lage Lorch des Weingutes Eva Fricke, Foto: Markus Bassler

Wie kommt man auf die Idee: Ein Weingut, das ist es, was ich will?

Darauf habe ich keine klare Antwort, das war wohl ein Prozess aus Reisen, Weinen, die ich probieren durfte – und den Menschen, die sie gemacht haben. Die Initialzündung aber gab die damalige Entwicklung im deutschen Weinbau, die sehr markenorientiert war und die industrialisierte Landwirtschaft bevorzugt hat. Ich aber wollte immer biologisch nachhaltig arbeiten.

Dann nehmen Sie uns 15 Jahre in die Vergangenheit mit, was spielte sich da ab?

In Deutschland ging es um die Frage: Wie erweckt man die traditionellen Strukturen aus ihrem Dornröschenschlaf? Wie peppt man die altbackenen Etiketten auf? Wie wird Wein zur Marke? Und wie steigert man die Erträge und wird international wettbewerbsfähiger?

Das klingt jetzt nicht sonderlich verkehrt.

Nein, ich würde sogar sagen, dass das dringend nötig war. Nach dem fahlen Beigeschmack, den Überertrag, der Exportschlager Liebfrauenmilch und der eine oder andere Skandal erzeugt hatten. Vor allem gaben dieser aufkeimende Mut zur Veränderung, der Wille, aus Wein ein beliebtes Lifestyle-Produkt zu machen, endlich jungen Winzern eine Chance. So wie man es damals bereits in Frankreich beobachten konnte, in Italien, Spanien und in der „Neuen Welt“.

Diesem Weg sind Sie aber nicht gefolgt, oder?

Jein. Ich kam in der ersten Phase dieses Trends zum „thinking big“ im deutschen Weinbau gerade aus Australien zurück. Dort hatte ich reichlich Erfahrung mit Größe gemacht. Ich hatte gelernt, wie man 5000 Tonnen Trauben im Jahr verarbeitet, hin und her pumpt, Verschnitte macht, in riesigen Dimensionen denkt. Downunder setzte jedoch bereits eine kleine, feine Gegenbewegung ein, deren Geist ich mit nach Hause brachte.

Was genau lag da in der Luft?

Ein leidenschaftliches Zurück zur Natur, die Rückbesinnung auf Weinterrassen, Weinbergsmauern, alte Reben, auf einen „Craft“-Ansatz, wie man in von Bereichen wie Bier oder Brot und anderen handwerklich erzeugten Lebensmitteln her kennt. Nicht zufällig war und bin ich ein Fan des Burgund.

Warum?

Im Burgund haben sich die Menschen über Jahrhunderte ihre Traditionen bewahrt, ihr Land in den ursprünglichen Strukturen belassen, samt der Gebäude. Dort ist die Landwirtschaft direkt mit der Ernährung verknüpft geblieben und Wein ein Teil davon. Kein reines Luxusgut. Dieses urwüchsige Lebensgefühl, diese Food-Kultur ist uns in Deutschland leider etwas verloren gegangen. Ich trage diese zwei Seelen in der Brust: das Wissen um eine strategische Weinproduktion in großen Volumina – und die innige Verbundenheit mit der Erde, jedem Rebstock, jeder Traube.

Wie bringt man beides in einem Business zusammen?

In dem der Blick möglichst ganzheitlich ist. Ich kann in einer alten Rebe rein ökonomisch einen „underperformer“ sehen oder einen wichtigen Bestandteil im faszinierenden Mikrokosmos namens Weinberg. Wein überdauert uns alle, die Pflanze ebenso wie der Saft ihrer Früchte, abgefüllt in eine Flasche im Keller. Das macht Wein zu einem Zeitzeugen, einem schützenswerten Kulturgut. Viel mehr als ein Trendgetränk. Wobei unsere Branche beides braucht: die bedächtige Wertschätzung und den Spaß im Glas.

„Riesling „Schlossberg 2019“ von Eva Fricke
„Riesling „Schlossberg 2019“ von Eva Fricke, Foto: PR

Nun haben Sie sich auf vegane Weine spezialisiert. Worauf verzichten Sie bei der Produktion im Vergleich zu üblichen Ausbauverfahren?

In der regulären Weinherstellung sind viele Zusätze, Stabilisatoren und „Schönungsmittel“ erlaubt und nicht deklarationspflichtig. Darunter tierische Eiweiße, Milchprodukte, Fischblase, Schweinegelatine, Polyvinyl, Zellulose und sicher noch zig weitere, die mir nicht alle einfallen.

Für Laien-Ohren klingt das ein wenig, ähem, eklig.

Moment, alle diese Dinge haben durchaus ihre Daseinsberechtigung und wichtige Funktionen. Vor allem, wenn man sehr große Mengen produziert und nicht mehr jede Rispe einzeln in die Hand nehmen kann, um zu schauen, ob alles okay ist. Da geht man im Nachgang etwas pauschaler an Verfahren wie die Most-Schönung heran, filtert Fehltöne und vielleicht auch Pflanzenschutzmittel mit vielerlei Techniken heraus. Ich habe nur für mich entschieden, dass ich auf solche Mittel verzichten möchte, weil ich die Zeit habe, alles genau zu beobachten.