Duft des ErfolgsChristine Nagel: „Parfüm ist eine unsichtbare Geste“

Christine Nagel
Christine NagelSofia et Mauro


Wie riecht eigentlich die Liebe? Und was hat ein Parfüm wie „Chanel No. 5“ zum absoluten Klassiker werden lassen? Diese und weitere Fragen stellen wir in unserer neuen Serie „Duft des Erfolgs“ den großen Parfümeuren. Diesmal beantwortet sie Christine Nagel: Als Hausparfümeurin von Hermès in die Fußstapfen des großen Jean-Claude Ellena zu treten, dürfte 2016 die größte Herausforderung in der Karriere von Christine Nagel gewesen sein. Mit Ihrem neuen Herrenduft „Terre d’Hermès Eau Intense Vétiver“ will sie sich beweisen. Ein Gespräch über den Duft des Erfolgs.


Welcher Duft motiviert Sie am Morgen?

Der Geruch eines Hauses, eines Zuhauses und eines neuen Tages. Eine Mischung aus Kaffee, Toast und ganz vielen Möglichkeiten.

Welche Note ist ideal für einen CEO?

Das kann ich unmöglich konkret beantworten, denn das hängt von der Person selbst ab: Handelt es sich um einen Mann oder eine Frau? Ist die Person eher extrovertiert oder in sich gekehrt? Sportlich und körperbetont oder intellektuell? Parfüm ist eine unsichtbare Geste, ist Ausdruck der Beziehung zu uns selbst und anderen, es unterstreicht, was wir von uns zeigen, preisgeben, ja, was wir erleben wollen. Ein Parfüm berührt uns, ganz wörtlich genommen, und kommuniziert mit uns und der Umwelt. Nicht zu vergessen: In jedem Duft, den wir wählen, schwingen unsere Erinnerungen und Hoffnungen für die Zukunft mit. Das macht meine Arbeit hochpersönlich und genau diese emotionale Kraft möchte ich einer Komposition mitgeben.

Welcher Geruch beschreibt Ihre Kindheit?

Der italienische Talkumpuder „Borotalco“, mit dem meine Mutter meinen Bruder einstäubte, als er noch ein Baby war.

Welche Duftzutat/welcher Rohstoff inspiriert Sie gerade besonders?

Terre d'Hermès Eau Intense Vétiver
Terre d’Hermès Eau Intense Vétiver

Meine Vorlieben wechseln ständig. Doch sobald ich eine Essenz neu entdeckt habe, will ich alles über sie wissen. Ich knete sie, ich zerquetsche sie, ich experimentiere mit ihr auf jede erdenkliche Art und Weise herum. Ich will aus den Zutaten etwas herauskitzeln, was noch keiner zuvor geschafft hat, sie herausfordern und zähmen. Kurz: Ich will die Grenzen des Machbaren verschieben. Grundsätzlich konzentriere ich mich auf einige wenige Rohstoffe, denn ich bin überzeugt, dass das, was zählt, ganz einfach ist. Bei Hermès steht die Schönheit der Materialien im Mittelpunkt, und das trifft ohne Frage auch auf meine Arbeit zu. Darüber hinaus habe ich den vielleicht einmaligen Luxus, alle Zutaten selbst und ganz frei wählen zu können. Das eröffnet Wege, die keiner zuvor gegangen ist.

Welche Note ist leider in Vergessenheit geraten?

Alle Noten natürlichen Ursprungs, die heute – aus guten Gründen – verboten sind. Aber genau hier ist das Talent von Parfümeuren besonders wertvoll, weil wir über ihr Verschwinden mit synthetischen Alternativen hinwegtrösten.

Welches Parfüm tragen Sie privat sehr häufig?
Keines und alle. Meine Haut ist mein Werkzeug, sie ist das wichtigste Testobjekt für alle Versuche, die ich unternehme.

Was können Sie wirklich nicht mehr riechen?

Selbst die schlimmsten Gerüche sind äußerst interessant und inspirierend. In der richtigen Dosierung verleihen manchmal gerade ziemlich üble Noten einem Parfüm unglaubliche Sinnlichkeit.

In aller Kürze: Wie duftet…

… Glück?

Nach heute.

… Erfolg?

Wenn ich das wüsste, würde ich es in jeder meiner Kreationen einsetzen.

… Liebe?

Wie die Halsbeuge eines geliebten Menschen.

… Geld?

Ich teile die Meinung des bekannten Sprichwortes „Geld stinkt nicht“.

… Stille?

Mein Labor, wenn ich kreativ bin.

… Spaß?

Schwierige Frage … hat das Lachen einen Duft?

Was ist die spezielle Herausforderung in der Männer-Parfümerie?

Ich bin sehr optimistisch, denn ich habe das Gefühl, der Kunde möchte wahrhaftige, authentische Kreationen. Männer wollen heute ein Parfüm, das ihren Emotionen mehr Gewicht verleiht als ihrer Sinnesempfindung. Das Verführung betont, nicht deren Umsetzung. Stil eher als Trends. Ein Parfüm, das sich dem Angebot und nicht der Nachfrage verschreibt. Ehrlich, originell, frei, engagiert.

Welches Parfüm werden wir im Jahre 2030 aufsprühen?

Ich mag ungern über Trends sprechen, gerade im Zusammenhang mit einem Haus wie Hermès erscheint das unpassend. Was ich mir wünschen würde, ist Wagemut. Ich will etwas riechen können, das radikal anders ist, radikal neu. Aber da ich eben nicht in die Zukunft schauen kann, schön wär’s, bin ich einfach weiterhin neugierig auf alles was ist und kommt.

Welches Parfüm ist Ihr absoluter Evergreen, ein zeitloser Klassiker?

Der Traum eines jeden Parfümeur ist es, einen ewigen Klassiker zu kreieren. Einer davon ist und bleibt für mich „Bois des Îles“ von Chanel, das Ernest Beaux 1926, noch zu Lebzeiten der Designerin entwickelt hat.