Duft des Erfolgs„Der Geruch meiner Kindheit? Trockene, verbrauchte Flugzeug-Luft“

Ted Young-Ing (l.) und Stefan Kehl von der Parfümmarke AER Scents
Ted Young-Ing (l.) und Stefan Kehl von der Parfümmarke AER ScentsPR


Wie riecht eigentlich Geld? Und was macht ein Eau zum Bestseller? Diese und weitere Fragen stellen wir in unserer Serie „Duft des Erfolgs“ den besten Parfümeuren der Gegenwart. In dieser Folge äußert sich der international bekannte Designer und Co-Gründer der Marke AER, Ted Young-Ing, zur olfaktorischen Gleichförmigkeit der Pandemie – „Alles riecht nach FFP2-Maske“ – zu spannenden Aromen und der Zukunft seiner Branche. Young-Ing war u. a. bereits für Gucci, Yves Saint Laurent sowie die Fahrradmarke Brooks England kreativ tätig.


Welcher Duft motiviert Sie am Morgen?

TED YOUNG-ING: Was mich antreibt, ist eher die Vorstellung davon, was alles möglich ist, wenn man sich mit den richtigen Menschen umgibt und auf einer Wellenlänge funkt. Richtig wach macht mich allerdings erst der Geruch frisch aufgebrühten Kaffees aus der Maschine.

Welche Note beziehungsweise Komposition ist ideal für einen CEO?

Jeder Mensch sollte das Parfüm tragen, das ihm gefällt. Und das sollte es unbedingt! Deshalb gefällt mir beispielsweise das Konzept der Boutique Perfumarie in Soho, New York, so gut. Hier probiert sich der Kunde quasi blind durch unbeschriftete Flakons und darf sich seinen Favoriten mit fünf Millilitern abfüllen lassen. Nach ausgiebigem Testen daheim wird am Ende des Monats bei einem Cocktail-Empfang im Laden enthüllt, was man sich in den letzten Tagen und Wochen eigentlich aufgesprüht hat. Das kann ein Flakon für 300 Euro gewesen sein oder einer für nur 50 Euro. Ich liebe diesen Ansatz.

Welcher Geruch beschreibt Ihre Kindheit?

Das Parfüm „Accord No. 4: Cedar“ von AER Scents
Das Parfüm „Accord No. 04: Cedar“ von AER Scents

Ich bin in Flugzeugen aufgewachsen, weil mein Vater Diplomat war. Deshalb habe ich immer den Geruch der Kabine in der Nase, wenn ich an damals denke – sehr trockene, verbrauchte Luft mit einem Hauch von Plastik.

Welche Duftzutat, welcher Rohstoff inspiriert Sie gerade besonders?

Was durch die Pandemie sicherlich verloren gegangen ist, das die Düfte neuer Orte, die man besucht und bereits. Jetzt riecht alles überall nach FFP2-Masken. Umso wunderbarer war kürzlich ein Spaziergang durch den Tiergarten, mitten im Nieselregen, weshalb es ziemlich leer war und man die Maske auch mal absetzen konnte. Und plötzlich sind das die Gerüche der Natur, von Bäumen, von nasser Erde. Die Botschaft war klar: Der Frühling kommt, egal, was wir albernen Menschen so machen …

Welche Note ist leider in Vergessenheit geraten?

Eine Mission, die wir mit AER verfolgen, ist die Wiederentdeckung möglichst vieler traditioneller Zutaten. Ein gutes Beispiel ist Nagarmotha, ein Zypressengewächs aus Indien, das getrocknet zum Räuchern verwendet wird. Diese Pflanze haben wir in unserem Parfüm „Accord No. 01“ eingesetzt.

Welches Parfüm tragen Sie privat sehr häufig?
Das ist stimmungsabhängig und variiert stark. Vom Lieblingsduft, den man immer trägt, halte ich ohnehin nicht viel. Warum sollte man sich da selbst beschränken, wie langweilig. Jetzt gerade gefällt mir die Schokoladennote unseres neuen Duftes „Accord No. 07“ sehr.

Was können Sie wirklich nicht mehr riechen?

Es fällt mir zunehmend schwer, Parfüms zu benutzen, die viele synthetische Ingredienzen haben. Meist kriege ich prompt Kopfschmerzen davon, und richtig angenehm auf der Haut fühlen sie sich auch nicht an.

Wie duftet Erfolg?

Ich würde nie pauschal eine Note einem Gefühl zuordnen wollen, das ist einfach zu persönlich. Und das macht die Parfümerie für mich ja auch so spannend, dass jeder Mensch Gerüche individuell wahrnimmt und andere Assoziationen hat. Als ich noch klein war, haben wir mal eine Zeit lang in einer ganz neuen Siedlung mit frisch angelegten Straßen gewohnt. Seitdem verbinde ich den Geruch von Teer, den die meisten Leute hassen, mit Fortschritt und Abenteuer.

Was ist die spezielle Herausforderung in der Männer-Parfümerie?

Diese Frage finde ich Quatsch. Wir unterscheiden nicht zwischen Düften für unterschiedliche Geschlechter. Was gefällt, das gefällt. Nehmen Sie nur die vielen schweren, süßen Parfüms mit einer Amber- oder Moschus-Basis, die aktuell im Mainstream sehr präsent sind. Noch vor einigen Jahren hätte man die sicherlich als „zu feminin“ beschrieben. Dagegen tendieren unsere Kreationen etwas mehr in Richtung traditioneller männlicher Kompositionen – und trotzdem trägt sie jeder.

Welches Parfüm werden wir im Jahr 2030 aufsprühen?

Wir hoffen, dass unsere Branche weniger (gesundheits-)schädliche und verstärkt nachhaltige, natürliche Rohstoffe einsetzen wird. Vielleicht nimmt auch die Bedeutung von Erdölderivaten als Basis für Düfte aus den Labors ab. Vielleicht rücken wir auch dem Regenwald nicht mehr so übel mit Säge und Feuer zu Leibe, um auf gerodeten Flächen Parfümzutaten anzupflanzen. Und vielleicht müssen die Arbeiter dort nicht mehr so sehr unter dem übermäßigen Einsatz von Pestiziden auf den Plantagen leiden.

Welches Parfüm ist Ihr absolutes Evergreen?

Von unseren eigenen Kreationen gefällt mir „Accord No.04: Cedar“ besonders gut. Holzig, warm und dabei sehr überraschend. Ein wunderbarer Allround-Duft, der vielleicht wirklich mal ein Klassiker wird. Mal schauen …