GastbeitragWarum deutsche Konzerne in Start-ups investieren sollten

Auf der letzten Sprosse der Karriereleiter
Auf der letzten Sprosse der KarriereleiterDrew Beamer on Unsplash

Die Digitalisierung bedroht traditionelle Geschäftsmodelle und bietet gleichzeitig erhebliche Chancen für Wachstum und Wertsteigerung. Digitale Plattformen wie Airbnb oder Spotify haben binnen weniger Jahre Branchen neu definiert und Milliardenbewertungen erreicht. Neben dem Silicon Valley hat sich in den letzten Jahren vor allem China zu einem weiteren dynamischen Epizentrum der Innovation entwickelt.

Deutsche Firmen dagegen drohen im globalen Technologiewettlauf abgehängt zu werden. Zwar haben viele Unternehmen mittlerweile Digitalisierung oben auf die Agenda gesetzt und erste Schritte umgesetzt – Digitalbereiche aufgebaut, Ideenschmieden gegründet, Chief Digital Officer eingestellt und opportunistisch in noch junge Start-ups investiert. Doch messbare Erfolge sind noch spärlich.

Denn besonders in frühen Innovationsphasen ist die Erfolgsrate sehr gering – von 100 Ideen schafft es im Schnitt nur eine. Und selbst im Erfolgsfall dauert es lange, oft mehrere Jahre, bis substanzielle Umsätze und Gewinne erreicht werden. Unklar definierte Zielsetzungen, zu hohe Erwartungen und nicht auf die Ziele und Ressourcen abgestimmte Investmentstrategien tragen zusätzlich dazu bei, dass sich die Euphorie über die erreichten Fortschritte bisher in Grenzen hält.

Start-ups als Beschleuniger der Digitalisierung

Um mitzuhalten oder gar aufzuholen, müssen Unternehmen mehr Geschwindigkeit aufnehmen und ihre Trefferquote erhöhen. Ein effektiver Weg, um schnellen Zugang zu disruptiven Technologien, Wachstumspotenzialen und Gründertalenten zu bekommen, ist die systematische Beteiligung an jungen Technologieunternehmen, die bereits eine erfolgreiche Innovation und ein funktionierendes Geschäftsmodell vorweisen können. Gerade die Start-ups, die die ersten Hürden überwunden haben, können durch starkes Wachstum und hohe Margen schnell zum Treiber der Geschäftsentwicklung des Mutterkonzerns werden und auf mehreren Ebenen zu einem spürbaren Impact führen.

Umgekehrt können auch die Konzerne selbst den Start-ups bei der Skalierung helfen. Der Grund: Etablierte Unternehmen verfügen über das, was Start-ups für ihr weiteres Wachstum brauchen, wie beispielsweise Kundenzugang und Branchenkompetenz – im Idealfall ergibt sich eine sich selbst verstärkende Partnerschaft. Hier haben Unternehmen einen erheblichen Vorteil gegenüber Finanzinvestoren, die sonst als Investoren für Start-ups bereitstünden.

Deutsche Unternehmen tun sich noch schwer

Viele Unternehmen haben dieses Potenzial bereits erkannt. Weltweit hat das Volumen von Corporate Venture Capital, also Risikokapital, das von etablierten Unternehmen in Start-ups investiert wird, in den letzten Jahren deutlich zugenommen. 2017 kamen bereits rund 20 Prozent des international investierten Venture Capitals von Unternehmen statt von Finanzinvestoren. An der Spitze stehen vor allem die großen Technologiekonzerne aus den USA wie Intel, die Google-Mutter Alphabet oder Microsoft, in jüngster Zeit sind auch chinesische Firmen in die Spitzengruppe vorgestoßen.

In Deutschland hingegen haben erst wenige Unternehmen signifikante Beträge investiert, darunter vor allem Großkonzerne wie Siemens, SAP, Deutsche Telekom oder Bosch. Aber auch große Mittelständler wie Viessmann haben eigene Venture-Bereiche gegründet. Wirklich große Budgets in dreistelliger Millionenhöhe sind bisher jedoch noch die Ausnahme. Deutsche Unternehmen haben traditionell eher einen Fokus auf interne Forschung und Entwicklung, die darauf ausgelegt ist, das Kerngeschäft zu verbessern anstatt es zu disrupten.

So entsprechen in Deutschland die Investitionen in Start-ups nur rund einem Prozent der Investitionen in Forschung und Entwicklung. Auch mangelt es oft an Erfahrung im Umgang mit Start-ups, Risikoaversion und „Konzerndenke“ sind tief verwurzelt. Dabei gibt es auch hierzulande innovative und erfolgreiche Start-ups, jedoch kommen die Finanzierungen für die wertvolleren Jungfirmen in Deutschland bisher zu einem erheblichen Teil aus dem Ausland statt von heimischen Konzernen. Das birgt die Gefahr, dass Know-how und Werte abfließen. Die oft beklagte Finanzierungslücke in Deutschland für Start-ups in der Wachstumsphase könnte verstärkt von deutschen Unternehmen geschlossen werden.

Firmen können ihre Kräfte bündeln

Das Ziel muss nicht gleich das nächste Google oder Facebook sein. Deutsche Unternehmen sollten sich auf ihre Stärken in technischen Bereichen fokussieren und in industrienahe Innovationen investieren, mit denen sie ihre bestehenden Geschäftsmodelle stärken und in das digitale Zeitalter überführen können. Dabei muss nicht jeder das gleiche Rad neu erfinden. Gerade für Anwendungen von entwicklungsintensiven Schlüsseltechnologien, wie zum Beispiel Künstliche Intelligenz, kann es sinnvoll sein, sich zusammenzutun, um die Finanz- und Innovationskraft der deutschen Wirtschaft zu bündeln. Die Automobilbauer haben das am Beispiel des Kartendienstes Here bereits gezeigt. Die Spielarten sind unterschiedlich, aber eines ist sicher: Deutsche Unternehmen müssen einen oder zwei Gänge hoch- und den Turbo einschalten, wenn sie im Rennen bleiben wollen.