RisikokapitalVenture-Capital-Firma Crowberry Capital: „Oh, die Frauen aus Island“

Die Gründerinnen von Crowberry Capital: Jenny Ruth Hrafnsdottir, Helga Valfells, Hekla Arnardottir (v.l.n.r.).PR

Die ersten Gespräche mit Gründerinnen und Gründern führten Hekla Arnardottir, Helga Valfells und Jenny Ruth Hrafnsdottir in einer öffentlichen Bibliothek. Die Isländerinnen hatten damals gerade ihre sicheren, gut bezahlten Jobs gekündigt, um eine eigene Venture-Capital-Firma zu gründen: Crowberry Capital. Sechs Monate wollten sie sich selbst geben, um zu schauen, ob es funktioniert. Es funktionierte: Heute, rund vier Jahre später, betreuen sie gemeinsam mehr als 60 Technologie-Start-ups, verhandelten über 15 Exits und tätigten mehr als 30 Seed-Investitionen.

In Island werden drei der fünf Venture-Capital-Unternehmen von Frauen geführt, sagt Hrafnsdottir. Crowberry Capital ist eines davon. Das heißt: Die Mehrheit der isländischen VC-Unternehmen wird von Frauen geführt. Deutschland ist davon weit entfernt: Hier stehen laut einer Studie der Boston Consulting Group aus dem Jahr 2019 bei 96 Prozent der Venture-Capital-Unternehmen ausschließlich Männern an der Spitze. Was macht Island also anders?

Man könnte nun meinen, bei fünf Unternehmen sei ja auch schnell eine Mehrheit erreicht. Doch ganz so einfach ist es nicht. Island ist seit vielen Jahren Vorreiter in Sachen Gleichberechtigung. Im Ranking des Weltwirtschaftsforums landet die Insel im Nordatlantik seit satten zwölf Jahren auf dem ersten Platz und lässt damit selbst Länder wie Schweden und Finnland hinter sich, die oft als beispielhaft bei Gleichberechtigung gelten.

Finanzkrise als Wendepunkt

Das war nicht immer so. Gerade für die Gleichberechtigung in der Wirtschaft im Allgemeinen und in Investment-Entscheidungen im Speziellen war erst die Finanzkrise 2009 ein Wendepunkt. „Zwischen 1960 und 2009 ist so gut wie nichts passiert. Alle fanden es in Ordnung, dass Frauen nicht an Investment-Entscheidungen beteiligt waren“, sagt Valfells. Die isländische Wirtschaft, so sagt sie, sei eine einzige Männerdomäne gewesen. „Es gab eine seltsame Kultur an der Spitze.“ Dann kam die Krise. Die Insel im Nordatlantik stand vor dem Abgrund: Die Arbeitslosigkeit kletterte drastisch in die Höhe, ein Staatsbankrott konnte nur durch einen Milliardenkredit des Internationalen Währungsfonds verhindert werden.

Die Schuld gaben damals viele dem „alten System“. Und so kam mit der Krise eine Richtungsentscheidung, die Islands Wirtschaft – und damit auch die Venture-Capital-Szene – weiblicher machen sollte. „Es wurde entschieden, dass nicht mehr allein Männer über das Kapital verfügen sollten“, sagt Valfells. So leiteten beispielsweise Frauen zumindest vorübergehend die Banken Glitnir und Landsbanki. „Es gab wirklich eine Entscheidung, Frauen in Top-Positionen einzustellen“, sagt Valfells. Viele Frauen seien aufgestanden und hätten gesagt: „Das ist nicht fair, dafür stehen wir nicht mehr“.

Zu diesem grundlegenden Umdenken kommen zahlreiche gesetzliche Regulierungen, die in Island für mehr Gleichberechtigung sorgen sollen. Zum einen ist da die Frauenquote: Mindestens 40 Prozent der Vorstandsposten in Unternehmen mit mehr als 50 Angestellten müssen mit Frauen besetzt werden. In Island wurde die Frauenquote 2012 beschlossen. „Wir sind im Vergleich zu Deutschland sozusagen einige Jahre voraus“, sagt Hrafnsdottir. Zwar habe es zu Beginn Diskussionen gegeben, aber die seien inzwischen verstummt. „Die Leute haben realisiert, dass Frauen in den Vorständen genauso fähig sind wie Männer“, sagt Hrafnsdottir.

Zudem können sich Eltern die Elternzeit gleichberechtigt aufteilen. Das zeige Wirkung, so Valfells, auch bei Investment-Entscheidungen: „Wenn man jetzt also in einen Mann oder eine Frau investiert, geht man das gleiche Risiko ein, dass sie in Elternzeit gehen“. Hinzu komme eine „bezahlbare und sehr gute Kinderbetreuung“. Wie zentral Gleichberechtigung inzwischen für Island ist, zeigt sich auch daran, dass der Inselstaat der Thematik ein eigenes Ministerium gewidmet hat.

Investieren in „Mini-Mes“

Dass auch in der Venture-Capital-Szene Gleichberechtigung herrscht, halten die Gründerinnen für zentral. „In der Venture-Capital-Szene setzen wir den Ton für die nächsten zehn, fünfzehn Jahre“, sagt Hrafnsdottir. „Diese Firmen werden wachsen und wir legen den Grundstein dafür.“

Ein großes Problem, so Arnardottir, sei, dass viel häufiger in Gründer investiert wird, die schon einmal erfolgreich gegründet haben. Dagegen, so Valfells, gebe es viel mehr Frauen, die zum ersten Mal gründen. Viele männliche Gründer hätten eben schon vor zehn Jahre einmal eine Chance bekommen, „als noch niemand in Frauen investiert hat“, sagt Valfells. „So wird das eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.“ Dabei, so betont Valfells, hänge es nicht vom Geschlecht ab, ob ein Unternehmen funktioniert oder nicht.

Sei die Venture-Capital-Szene männlich, wirke sich das auch auf die Investitions-Entscheidungen aus. „Risikokapitalgeber investieren gerne in Mini-Mes“, sagt Hrafnsdottir. „Sie sehen sich selbst gerne in den Gründern und erinnern sich, wo sie damals waren.“ Diversität halten die Investorinnen dabei für zentral – in der VC- wie auch in der Gründer-Szene. „Wir brauchen diverse Gründerinnen und Gründer, um Probleme zu lösen“, sagt Valfells. „Das können nicht alles Männer in ihren 30ern sein, die in Stanford studiert haben und dann ins Silicon Valley gegangen sind.“

„Alle kennen uns sofort“

Selbst im Norden ist Crowberry Capital mit drei Gründerinnen noch eine Ausnahme. „Es heißt da manchmal: Oh, die Frauen aus Island“, sagt Arnardottir. Das nutzen sie inzwischen als Vorteil: „Alle kennen uns sofort“, sagt Valfells. Dass sie eine Ausnahmeerscheinung sind, wurde ihnen bildlich vor Augen geführt, als sie eine Konferenz über Venture Capital besuchten und die einzigen Frauen im Raum waren. „Damals ging gerade Me too los und es kamen Männer über Männer auf die Bühne und sagten, wir hätten ein Diversitätsproblem“. Gleichzeitig waren damals alle Panels ausschließlich männlich, nur am letzten Panel nahmen auch Frauen teil – es ging um Diversität.

Auf der Konferenz European Women in Venture waren die drei dagegen umgeben von vielen Frauen aus der Szene – und merkten doch, dass sie in Island andere Probleme hatten als ihre Kolleginnen. „Da gab es Frauen, die gesagt haben, dass sie nicht zu einem Netzwerk-Treffen gehen können, weil sie sich um die Kinder kümmern müssen“, sagt Valfells. „Für uns ist das seit bestimmt 20 Jahren kein Problem mehr. Wir haben festgestellt, dass wir in Island sehr privilegiert sind.“

Wenn sie jetzt selbst Entscheidungen treffen, achten sie darauf, Diversität zu fördern. Ein Schritt sei dabei das offene Ausschreiben der Stellen. „So schaut man sich nicht immer im selben Freundeskreis um, der einem selbst ohnehin ähnelt“, sagt Valfells. Und sie versuchen, sich ihrer Vorurteile bewusst zu werden, sie in Frage zu stellen.

Auch in Island gibt es aber noch Optimierungsbedarf. „Je näher man dem Geld und der Macht kommt, desto eher sind Männer in der Überzahl“, sagt Arnardottir und Valfells ergänzt: „Daran müssen wir arbeiten. Wie müssen sicherstellen, dass Frauen an der Wertschöpfung teilhaben können“. Im Endeffekt gehe es dabei auch nicht nur um das Geschlecht, sondern zum Beispiel auch um die Herkunft.

 


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