GastbeitragFrauen sind eine Ausnahme im Venture-Capital-Bereich

Investorin Daria SaharovaSachar Klein

Gute Nachricht für Investoren und Startups: Laut Statista beliefen sich die globalen
Wagniskapital-Investitionen auf 274 Milliarden US-Dollar. 2018 war damit ein Rekordjahr.
Keine Glanzleistung ist jedoch, dass der Anteil von Frauen, die es im Venture Capital (VC) in Top-Positionen geschafft haben, weltweit nach wie vor unter zehn Prozent liegt.

Ein wenig zuversichtlich stimmt, dass der Anteil weiblicher Investoren laut Crunchbase
langsam steigt. So stieg die Quote der Partnerinnen bei den Top 100
Venture-Capital-Firmen 2017 im Vergleich zum Vorjahr immerhin um 17 Prozent; der
Frauenanteil in Partner-Positionen bei sogenannten Accelerators oder Corporate Ventures
legte sogar um 25 Prozent zu. Und 21 Prozent der neuen Micro-VCs wurden in den letzten
drei Jahren von Frauen gegründet.

Allein unter Männern

Von einer paritätischen Verteilung sind diese Zahlen naturlich immer noch weit entfernt.
Dass Deutschland hier eine Ausnahme bildet, ist stark zu bezweifeln. Zumindest sind mir
während meiner Karriere nur wenige Frauen begegnet, die es in der männerdominierten
VC-Welt in führende Positionen geschafft haben. Frauen wie Kiana Mardi, Investment
Director bei Alstin, Romy Schnelle, Partnerin beim High-Tech Gründerfonds (HTGF), Dr.
Jeannette zu Fürstenberg, Gründerin und Managing Partner von La Famiglia, Marie-Helene Ametsreiter, Partner bei Speedinvest oder Dr. Alexandra Bause, Founding Partner bei Apollo Ventures sind eine Ausnahme von der Regel. Daher habe ich sie gefragt wie ihre
ganz persönlichen Erfahrungen im Venture Capital sind und, was sich ihrer Meinung nach
ändern muss, damit es endlich mehr Frauen in Senior-Positionen schaffen.

Gemischte Teams bedeuten ein starkes Portfolio

Was die fünf Frauen eint: Alle haben durchweg positive Erfahrungen gemacht. Obwohl sie
oftmals allein unter Männern waren, wurde ihnen während ihrer Karriere stets Unterstützung und Vertrauen entgegengebracht – sowohl von Vorgesetzten und als auch den jeweiligen Teams. Beispielsweise gilt im Alstin-Team der Grundsatz, dass unterschiedliche Mindsets und ein offener Diskurs zu besseren Investment-Entscheidungen führen. Ein Grundsatz, der übrigens auch für HTGF gilt, wo laut Romy Schnelle der Frauenanteil im Investment-Management seit Jahren steigt.

Jeannette zu Fürstenberg hat sogar den Eindruck, dass die weibliche Perspektive vor allem bei Gründern geschätzt wird und in einer männerdominierten Technologiewelt andere
Akzente setzt. Ganz ähnlich wie Marie-Helene Ametsreiter, die überzeugt ist, dass gerade
im Early-Stage-Bereich, wo es stark auf die Wahl der Gründer und deren Persönlichkeiten
ankommt, Frauen ein gutes Gespür besitzen.

Das Für und Wider der Quote

Trotz dieser positiven Eindrücke bleibt die Tatsache, dass Frauen weltweit im Venture
Capital unterrepräsentiert sind. In den USA haben engagierte Frauen deswegen die Initiative allraise.org gegründet, die sich dort für mehr Vielfalt bei Investoren und Gründern einsetzt. Sollten solche Initiativen ein Vorbild für Deutschland sein oder braucht es konsequente Maßnahmen wie beispielsweise eine Quote? Unter klar definierten Rahmenbedingungen befürwortet Kiana Mardi derartige Regelungen. In Deutschland könne beispielsweise der staatliche Fonds KfW ein Investitionskriterium einführen, wonach es im
Investment-Professional-Team einen Frauenanteil von 20 Prozent geben muss. Jeannette
zu Fürstenberg hält eine Reglementierung jedoch für falsch, auch weil der
Bürokratieaufwand in Bereichen wie FinTech und Banking heute schon sehr hoch ist. Eine
Quote wäre eine zusätzliche Belastung. Auch Alexandra Bause hält sie nicht für das richtige Mittel, um mehr Frauen für den VC-Bereich zu gewinnen. Die Sinnhaftigkeit der Quote ist damit zwar strittig, Einigkeit herrscht bei den fünf jedoch darin, dass sich etwas ändern muss. Dass Frauen unter anderem mehr unterstützt werden müssen, um stärker ihren eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Dafür braucht es für Alexandra Bause mehr Mentoring, sowohl von Frauen als auch Männern, die Frauen für Venture Capital und Entrepreneurship begeistern und sich für sie einsetzen.

Nicht vergessen werden darf schließlich: Auch Gründerinnen profitieren davon, wenn es in
Deutschland mehr VC-Frauen in Führungspositionen gibt. Denn derzeit sind hierzulande
gerade einmal knapp 20 Prozent der Gründer weiblich, und diese haben oft mit den
Vorurteilen der männlichen Investoren zu kämpfen. Die Mehrheit unter ihnen, nämlich 53
Prozent, scheitert an diesen vorgefertigten Meinungen der Männer. Es ist also höchste Zeit
für Veränderungen, damit sowohl im Venture Capital, aber auch im Start-up-Bereich, das
volle Potential ausgeschöpft werden kann.