KolumneNur weil Start-up drauf steht, ist es noch nicht gut

Beim Kindergeburtstag meines Neffen fiel kürzlich ein Neunjähriger auf. Bei der Schatzsuche forderte er seine Mitstreiter lautstark dazu auf, man müsse „aus der Box raus denken“, um den Schatz zu finden. Nun, ich bin nicht sicher, ob heutzutage in der dritten Klasse schon Design-Thinking Seminare auf dem Stundenplan stehen. Aber ich kann mir ungefähr vorstellen, was der junge Mann wohl bald als Berufswunsch hegt. Noch so ein Teenage-Startup-Gründer!

Früher wollten Jungs Piloten oder Rennfahrer werden. Heute haben sie neue Helden: Steve Jobs, Elon Musk, Mark Zuckerberg. Sie sind die neuen Popstars. Und auch Top-Absolventen aus St. Gallen gehen heute mitunter lieber zu Rocket als zu McKinsey. Scharenweise rennen Konzernmanager in Besuchergruppen durch Coworkingspaces. Pilgerreisen führen in den Sillicon Valley.

Kurzum: Wir erleben derzeit die Startupisierung der Gesellschaft.

Jeder will Startup sein. Und jeder der dieses Label trägt, ist sehr gefragt. Spätestens jedoch wenn Fußballer anfangen, in Startups zu investieren, sollte man skeptisch werden bei diesem Hype. Um es mal ganz deutlich zu sagen: Nicht alles ist super, nur weil Startup draufsteht! Auf der aktuellen Welle wird wahnsinnig viel Mittelmäßigkeit mitgeschwemmt. Viele Gründer haben mit Elon Musk soviel gemeinsam wie ein Zweitliga-Kicker mit Lionel Messi.

Dummerweise scheinen einige Leute in der etablierten Wirtschaft (und den etablierten Medien) beim Thema Startup den Kopf auszuschalten.

Es ist ja nachvollziehbar, das man in den Vorstandsetagen verunsichert ist, wie man mit der Digitalisierung umgeht. Aber deswegen muss man ja nicht verzweifelt hinter allem herrennen, was sich „Founder“ nennt, hyperaktiven Kids an den Lippen hängen, die zwar gerade mächtig viel Rückenwind (und eine entsprechend große Klappe) haben, aber in Wahrheit auch nicht die Weisheit gefressen haben.

Übertriebene Erwartungen auf der einen Seite treffen übertriebenes Selbstbewusstsein auf der anderen.

Die wahren Treiber sind Nerds

Viele dieser selbst ernannten Disrupter sind BWLer, die einfach nur mit dem Trend gehen. Das Problem: Mit der Masse gehen und auf einen Trend aufspringen ist so ziemlich das Gegenteil von Disruption. Echte Innovatoren folgen keinen Trends. Sie erschaffen sie.

Und deswegen werden die meisten dieser Startup-Mitläufer als Gründer wohl auch nur mäßig erfolgreich sein. Sie sind bestimmt gute Fußsoldaten in einem Copycat-Startup. Aber keine brillanten Querdenker, die Branchen aufmischen. Womöglich sind sie besser beraten, in einem Konzern Excel-Sheets zu rechnen oder Powerpoint-Präsentationen über Disruption zu bauen.

Die erfolgreichsten Startups hingegen wurden selten von BWLern aufgebaut, die gegründet haben, weil es derzeit die angesagteste Art ist, Geld zu machen. Es reicht ein Blick auf die großen Startup-Ikonen aus dem Silicon Valley, die Begründer des Hypes. Larry Paige und Sergej Brin von Google? Sind verquere Typen und vor allem: Coder. Mark Zuckerberg? Außenseiter, Coder. Jack Dorsey von Twitter? Coder. Die Liste kann man ewig fortsetzen.

Der Mythos Silicon Valley wurde von Nerds geformt, nicht von Number-Crunchern oder Powerpoint-Helden. Die wahren Treiber der Startup-Welle sind die Typen, die zu schüchtern für Konferenzen sind – und lieber zuhause programmieren statt auf Partys rumzuhängen.

Höchste Zeit also, den derzeitigen Hype ein wenig zu hinterfragen. Und zu unterscheiden zwischen echten Innovatoren und Mitläufern.

Übrigens war es tatsächlich nicht der neunjährige Aus-der-Box-raus-Denker der am Ende den Schatz gefunden hat. Sondern ein bis dahin kaum auffälliger kleiner Kerl, der allein, abseits von den anderen an einer abgelegenen Ecke des Sandkasten gebuddelt hatte.