KolumneJede Firma wird eine Tech-Company


Martin Kaelble ist Capital-Redakteur und schreibt an dieser Stelle über Digitalisierung, Startups und die neue Wirtschaft.


Liebe Vorstände der deutschen Wirtschaft,

das kommerzielle Internet gibt es nun schon seit rund 25 Jahren. Doch noch immer scheinen einige von Ihnen es noch nicht verstanden zu haben. 

Viele von Ihnen bewundern Apple ehrfürchtig. Kaum ein anderes Unternehmen steht so sehr für den allumfassenden Aufstieg von Tech-Companys in den letzten Jahren. Ein Symbol für eine spezielle Herangehensweise an Produkte – Hardware, die mit dem Spirit von Programmierern erschaffen wird. Anders als bei Google oder Facebook war es kein linearer Erfolg eines Monopolisten. Apple hat sich gewandelt und hochgearbeitet – und sich als einstiger Nischenplayer zum Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung der Welt entwickelt. 

Doch Sie sollten Apple nicht als einen schillernden Stern aus einer fremden Welt sehen, die nichts mit Ihrem Geschäft zu tun hat. Sondern zum Maßstab Ihrer Ambitionen machen. Genau darum geht es.

Jetzt auch eine App zu haben, reicht nicht

Noch einmal in aller Deutlichkeit: Eine Digital-Strategie ist mehr als eine App oder eine Facebook-Seite! Dieses Internet ist keine Mode aus Berlin oder Amerika, die wieder vorbei geht. Und nein, es gibt auch keine Ausnahmen, deren Geschäftsmodell so stark ist, dass man sich nicht tiefer mit „diesem Digital-Zeugs“ auseinandersetzen muss. Es betrifft jeden, wirklich jeden.

Es ist auch nicht damit getan, eine „EDV-Abteilung“ zu haben. Digitalisierung ist mehr als das. Digitalisierung ist eine Haltung. Eine Herangehensweise an Probleme, eine neue Art Produkte zu denken. Und im Zentrum stehen dabei nicht Manager. Auch keine Ingenieure. Sondern Programmierer.

Die Bausteine der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts sind digital. Programmierer sind die Architekten und Ingenieure dieser neuen Welt. Sie halten den Schlüssel in der Hand, um in dieser Welt mitzuspielen. Wer nicht zumindest sprechfähig gegenüber Programmierern ist, dem fehlt der Schlüssel.

In Zukunft wird daher derjenige gewinnen, der von Natur aus digital ist. So wie Google, Facebook und Apple. Je stärker das Herz und die Identität eines Unternehmens aus Codes besteht, desto besser wird es in der Wirtschaft von morgen performen.

Das Öl des 21. Jahrhunderts

Sie sind skeptisch bei all den radikalen Zukunftsprognosen von irgendwelchen Trendforschern, die gutes Geld damit verdienen? Nun fraglos ist es mit Zukunftsprognosen so eine Sache. Aber diese eine sollte man besser ernst nehmen: Denn Coding ist bereits heute ein absoluter Schlüsselfaktor der globalen Wirtschaft. So gesehen muss man für diese radikale Erkenntnis gar nicht weit in die Zukunft schauen.

Gute Programmierer sind schon jetzt eine der knappsten Ressourcen, quasi das Öl des 21. Jahrhunderts.

Wir werden es womöglich bald schon mit einer neuen Form von Analphabetismus zu tun bekommen: Menschen, die keinerlei Kompetenz in Sachen Coding haben, dürften es bald schwer haben, spätestens wenn Programmieren zu einem Pflichtfach in der Schule wird und eine neue Generation von Digital Natives heranwächst, die mit Code-Bausteinen statt Lego spielen.

Es gibt keine Ausnahmen

Sie erkennen zwar die Wucht der digitalen Revolution, glauben aber, dass Sie das alles nicht so richtig betrifft? Weil Ihr Geschäft nichts mit Zalando oder Facebook zu tun hat, sondern es um hochwertige Ingenieurs-Produkte geht? Nun, Ihre Strategie könnte gewaltig schief gehen. Denn so haben vor ein paar Jahren andere auch gedacht. Zum Beispiel Banken oder Autohersteller. Und plötzlich war Google nicht mehr ihre Suchmaschine, sondern ein direkter Konkurrent. Das passiert schneller als man denkt.

Im Jahr 2016 sollte auch der letzte aufgewacht sein. Man sollte sich keinen Illusionen mehr hingeben. Der Kern jedes Unternehmens – egal ob Werbeagentur, Verlag, Autokonzern oder Maschinenbauer – wird digital sein. 

Es geht nicht um die etablierte Wirtschaft, die etwas „richtiges“ produzieren, auf der einen Seite und die Startups und Googles auf der anderen Seite. Liebe Vorstände, bitte verstehen Sie endlich: Jede Firma wird eine Tech-Company. Wirklich jede Firma. Und für jede Branche könnte ein Apple schneller als man denkt von einer bewunderten Ikone zum direkten Konkurrenten werden.

Höchste Zeit aufzuwachen!

Sie betreiben bereits einen Inkubator? Nun, hoffentlich nicht nur als Marketing-Tool. Denn ein digitales Lippenbekenntnis wird nicht reichen. Jeder braucht native Digitalkompetenz. Idealerweise nicht bloß als Versuchs-Abteilung. Sondern als Kernbereich der Unternehmung. Idealerweise als Kern-Identität.

Bei GoldmanSachs arbeiten mittlerweile 9000 Programmierer – das sind mehr als bei Facebook. Die Investmentbank bezeichnet sich in der Folge mittlerweile sogar selber gerne als Tech-Company. Die Washington Post hat seit der Übernahme durch Amazon-Chef Jeff Bezos angeblich 300 Programmierer angeheuert – bei rund insgesamt 740 Journalisten eine beachtliche Quote. Bei einem Startup von Rocket Internet hört man, dass der Anteil der Coder an der Belegschaft kaum unter 80 Prozent ist. Es können auch schon einmal 95 Prozent sein.

Wie soll ein etablierter Player in der digitalisierten Wirtschaft gegen ein solches Startup ankommen? 

In jedem Fall muss einiges passieren und zwar schnellstens. Die erschreckende Wahrheit ist: In Teilen der etablierten Wirtschaft ist die Digitalisierung im Vorstand immer noch nicht voll angekommen. Vielleicht in der Ebene darunter, aber nicht ganz oben. Es ist bislang nur bei wenigen wirklich ernsthaft und radikal zur Chefsache erklärt worden. Und vor allem viel zu spät.

Das gilt vielleicht weniger für Dax-Konzerne, bei denen in jüngster Vergangenheit einiges in Schwingung gekommen ist. Es gilt aber vor allem noch für Teile des deutschen Mittelstands, dem Herzstück der deutschen Wirtschaft. Allerhöchste Zeit auch dort endlich aufzuwachen! Und selber zu kleinen Apples zu werden.

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