KolumneDéjà-Vu: Ein Absturz mit Ankündigung


Bernd Ziesemer war Chefredakteur des „Handelsblatt“. In der Kolumne für Capital „Déjà-vu“ greift er jeden Monat Strategien, Probleme und Pläne von Unternehmen auf – und durchleuchtet sie bis in die Vergangenheit.


Beim derzeitigen Personalabbau im Siemens-Konzern fallen 180 Arbeitsplätze nicht groß auf. Umsatz geht auch kaum verloren und Gewinn schon gar nicht, wenn die „eAircraft Unit“ demnächst an den britischen Triebwerksbauer Rolls-Royce geht. Und doch begräbt der Konzern mit dem Verkauf einen Traum, der mit ganz großen Erwartungen begann.

Rückblende zum 7. April 2016: In Ottobrunn bei München versammeln sich zwei Vorstandsvorsitzende und zwei CSU-Bürgermeister, eine Landesministerin aus München, eine Staatssekretärin aus Berlin, ein Bundestagsmann, eine Landtagsfrau sowie ein Dutzend Siemens- und Airbus-Manager zur feierlichen Grundsteinlegung für das „Systemhaus Elektrisches Fliegen“.

Ein Zimmermann in schwarzer Kluft spricht den Segen, während hochtönende Pressemitteilungen über die „Elektrifizierung der Luftfahrt“ verschickt werden. Einen dreistelligen Millionenbetrag opfern die beiden Partner für ihr Joint Venture.

Projekt gescheitert, Arroganz der ersten Stunde geblieben

Ein paar Wochen vor dem Festtermin in Ottobrunn besuche ich im nur 80 Kilometer entfernten Hurlach einen quecksilbrigen Ingenieur, der zu diesem Zeitpunkt bereits den Prototyp eines Elektroflugzeugs in die Luft gebracht hat: die Elektra One.

Der damals 62-jährige Calin Gologan schafft mit seinem Anderthalbmann-Betrieb, was Airbus und Siemens mit großen Fanfaren als Pioniertat ankündigen. Bei meinem Besuch sagt der Kleinunternehmer einen Satz, der sich mir einprägt: „Gib den Entwicklern viel Geld, und sie bauen ein schlechtes Flugzeug.“

Airbus und Siemens versuchen es mit sehr viel Geld – und rümpfen über die wahren E-Pioniere nur die Nase. Der damalige Chef des „Systemhauses“ erklärt mir, Leute wie Gologan seien mit der Entwicklung kommerzieller Elektroflugzeuge „ganz klar überfordert“. Soll heißen: Lasst jetzt mal uns ran, die Profis!

Mittlerweile ist das Projekt gescheitert, die Arroganz der ersten Stunde aber geblieben. Roland Busch, bei Siemens Chief Technology Officer und Vorstandsmitglied, bescheinigt seinen Entwicklern zum abrupten Abschied, sie hätten in den letzten Jahren gleich mehrfach „Luftfahrtgeschichte“ geschrieben.

Wohl wahr, nur kamen dabei leider keine umsetzbaren Produktideen heraus, die derweil wieder einmal andere entwickeln – zum Beispiel das Lufttaxi mit Elektroantrieb.

Abgesang auf das Projekt

Die Gründe für das Siemens-Airbus-Debakel lassen sich in wenige Worten fassen: zu viel Geld und zu wenig Zeit, zu viel Großprojektdenken und zu wenig Ideenreichtum, zu viel Anspruch am Anfang und am Ende zu wenig Puste, um auch bei größeren Schwierigkeiten durchzuhalten; zu viele Reibereien zwischen den Partnern, zu wenig Unterstützung für das Projekt von ganz oben.

Von Airbus-Leuten hört man, der Partnerkonzern habe sich von Anfang an kaum für das Flugprojekt engagiert. Darüber redet Siemens öffentlich natürlich nicht, stattdessen gibt es die üblichen Sprachgirlanden und rhetorischen Abschiedskränze, wie sie Großkonzerne gerne über den Gräbern gescheiterter Projekte flechten. Es gehe um die „Schärfung der Strategie“ und die „Verwirklichung der Vision 2020+“, hört man vom Siemens-Vorstand. Wer’s glaubt, ist selber schuld.


Dieser Beitrag ist aus der aktuellen Capital Printausgabe 08/2019. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay