KommentarDie Dauerschrumpfkur des Siemens-Konzerns

Siemens-Chef Joe Kaeser
Siemens-Chef Joe Kaeserdpa

Als Joe Kaeser im August 2013 seinen Job als Vorstandschef antrat, galt bei Siemens noch ein ehrgeiziges Wachstumsziel: Der Konzern wollte unbedingt die magische Schwelle von 100 Mrd. Euro Umsatz überschreiten. Heute liegt Siemens bei 83 Mrd. Euro. Und durch die jetzt offiziell verkündete Abspaltung des Bereichs Gas and Power gehen davon auf einen Schlag 18 Mrd. Euro verloren. Und so geht es weiter, wenn es nach Kaeser geht: Das Bahngeschäft soll weg und über kurz oder lang dürfte das ohnehin bereits separat geführte Gesundheitsgeschäft ganz aus der Bilanz verschwinden. Macht weitere Minus 22 Mrd. Euro. In zwei Jahren dürfte der Restkonzern Siemens weniger als die Hälfte seines jetzigen Umsatzes auf die Waage bringen.

Die Management-Strategie Kaesers heißt Miniaturisierung. Größe gilt nichts, eine hohe Profitabilität alles. Seit Jahren schrumpft Siemens immer weiter, obwohl die einzelnen Sparten alle wachsen. Doch durch die Dauerschrumpfkur verschwindet stets mehr Umsatz aus dem Konzern als durch neues Wachstum dazu kommt. Und dieser Prozess geht sogar bei den abgespaltenen Töchtern weiter. Beispiel Osram: Der Lichtkonzern trennte sich 2013 nach dem Börsengang als erstes von seinem früheren Kerngeschäft mit Glühlampen aller Art. Genau das gleiche dürfte nach der Abspaltung von Gas and Power auch passieren: Als erstes wird sich der neue Konzern weiter fokussieren und von Teilen seines heutigen Portfolios trennen.

Wie lange geht die Miniaturisierung bei Siemens gut?

Aber auch beim Mutterkonzern muss noch lange nicht Schluss sein. Künftig soll sich Siemens nach dem Willen Kaesers auf zwei operative Gesellschaften ausrichten: „Smart Infrastructure“, also das Geschäft mit Gebäudetechnik aller Art, und auf „Digital Industries“, die Prozessautomation in der Fabrik. Beide Bereiche haben jedoch wenig miteinander zu tun und produzieren keine großen Synergien, vom unterschiedlichen Kundenkreis einmal ganz abgesehen. Also könnte sich Siemens irgendwann auf nur noch eine der beiden Sparten konzentrieren und die andere abspalten. Jedenfalls wenn der Konzern in einigen Jahren immer noch der Philosophie Kaesers folgt, was durchaus möglich scheint: Schließlich strebt der jetzige Vorstandschef ganz offensichtlich das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden an und könnte, wenn er erfolgreich ist, also noch viele Jahre die Strategie des Konzerns mitbestimmen.

Die Frage ist nur, ob die Miniaturisierung des Konzerns irgendwann zum Problem wird. Unternehmen brauchen eine kritische Masse, wenn sie global ganz vorn dabei sein wollen. Ohne eine bestimmte Größe können Unternehmen nicht genügend in Forschung und Entwicklung investieren und auch sonst keine hohen Risiken schultern. Auch die nötige Kraft, andere Unternehmen zu übernehmen, schwindet. Fallen sie unter eine bestimmte Schwelle, werden sie selbst stattdessen zum Spielball von Hedgefonds und Private-Equity-Firmen. Bei der früheren Siemens-Tochter Osram passiert genau das: Dort prüfen die beiden Investoren Carlyle und Bain Capital gerade die Übernahme des Unternehmens. Wenn es dazu kommt, verschwindet Osram von der Börse – und die neuen Eigentümer spalten weitere Geschäfte ab, um den Kauf zu refinanzieren. Oder anders gesagt: Sie miniaturisieren das ohnehin bereits miniaturisierte Unternehmen weiter.