KolumneKaesers große Worte schaden Siemens

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

The Business of Business is Business. Für eine gerechte Welt zu sorgen oder Politiker zu bestrafen, gehört nicht zu den Aufgaben eines Unternehmens – der Ökonom Milton Friedman brachte es zurecht auf diesen knappen Begriff. Das gilt auch für den Fall Saudi-Arabien: Um Sanktionen gegen diesen Schurkenstaat, der seine Bürger bestialisch ermordet, soll sich gefälligst die Politik kümmern. Und sie tut es ja auch – beispielsweise mit der Entscheidung der Bundesregierung, alle Waffenexporte in das Königreich auszusetzen. Prinzipiell ist also nichts dagegen einzuwenden, dass Siemens-Chef Joe Kaeser nach Saudi-Arabien reist, um an einem Industrietreffen teilzunehmen. Schließlich ist der Konzern sogar „Platin-Sponsor“ der Veranstaltung in Dhahran.

Auf den Wüstentrip in dieser Woche fällt nur deshalb ein böser Schatten, weil sich Kaeser seit einiger Zeit öffentlich selbst zum Moralapostel aufschwingt. Wer sich politisch-moralisch äußert, muss sich auch an politisch-moralistischen Grundsätzen messen lassen. Sie verbieten in diesen Tagen eindeutig alles, was man als öffentliche Unterstützung des Regimes auslegen könnte. Solange Kronprinz Muhammed Bin Salman (kurz: MBS) unter dem Verdacht steht, die Ermordung Jamal Khashoggis gebilligt oder sogar selbst angeordnet zu haben, ist äußerste Distanz angesagt. Und weil sich Kaeser öffentlich selbst zur politischen Figur gemacht hat mit seinen vielen Äußerungen über Trump, China, die AfD, Kopftuchmädchen und die halbe Welt – deshalb gilt der Zwang zur politischen Distanz gegenüber den Saudis eben auch für ihn.

Geschäfte mit Saudi-Arabien sind kein Vergehen

Für den Rest der deutschen Wirtschaft gilt: Es gibt einen vernünftigen Mittelweg im Umgang mit Saudi-Arabien. Niemand kann von deutschen Unternehmen erwarten, dass sie ihre Geschäfte abbrechen. Niemand sollte deutsche Manager an den Pranger stellen, nur weil sie weiter nach Riad reisen. Ein Abschluss mit einer Firma in der Region ist kein Vergehen – und eine Investition auch nicht. Aber: Manager sollten sich auch nicht als nützliche Idioten des Regimes behandeln lassen. Mit etwas Zivilcourage kann man es zum Beispiel durchaus vermeiden, mit Leuten wie MBS vor die Kameras zu treten oder sogar den Eindruck zu erwecken, man billige ihr Tun.

Natürlich ist auch das nicht einfach. Saudi-Arabien hat ein großes Interesse daran, in diesen Wochen westliche Unterstützer zu präsentieren. Man winkt mit Aufträgen als Belohnung für politisches Wohlverhalten und öffentliche Unterstützung. Und man versucht natürlich, Geschäftsleute aus den USA oder Asien gegen europäische Unternehmer auszuspielen. Es bedarf also diplomatischer Fähigkeiten und einem feinen Gespür für Haltung, um in diesen Tagen als deutscher Geschäftsmann in Saudi-Arabien weiter auf die Jagd nach Aufträgen zu gehen ohne sich gleichzeitig zu kompromittieren. Aber das kann man von Unternehmern auch verlangen.

Was Joe Kaeser betrifft, so zeigt sich immer mehr: Hybris zahlt sich am Ende eben doch nicht aus. Vielleicht sollte sich der Siemens-Chef, solange er an der Spitze des Konzerns steht, doch die vielen allzu großen Worte sparen. Er macht sich und sein Unternehmen dann weniger angreifbar.