GroßauftragWie Siemens und GE um den Irak kämpfen

Himmel über Bag­dad: Auch in Regionen, die vom Krieg gegen den IS weitgehend verschont blieben, ist die elek­trische Infrastruktur verbesserungsfähig
Himmel über Bag­dad: Auch in Regionen, die vom Krieg gegen den IS weitgehend verschont blieben, ist die elek­trische Infrastruktur verbesserungsfähigGetty Images

Der Showdown kommt nachts auf Twitter. Am 20. Oktober 2018 um 22.41 Uhr postet Siemens-CEO Joe Kaeser aus Bagdad ein Foto. Es zeigt ihn mit Qasim al-Fahdawi, dem damaligen Elektrizitätsminister des Irak. Vor goldenen Vorhängen schütteln die Männer einander die Hand, sie lächeln und halten Dokumentenmappen, auf denen das Staatswappen prangt. „Ein großartiger Meilenstein für den neuen Irak“, schreibt Kaeser. „Jedes Zuhause“ im Land solle künftig mit Strom versorgt werden.

Keine vier Stunden später hält Siemens’ schärfster Konkurrent dagegen: Auch General Electric twittert ein Foto des Elektrizitätsministers des Irak. Diesmal sitzt er neben Joe Anis, Top-Manager der GE-Kraftwerkssparte, zuständig für den Nahen Osten. Déjà-vu: Lächelnd unterschreiben sie Dokumente in Ledermappen, im Hintergrund sind goldene Vorhänge zu sehen. Das Ziel auch dieser Vereinbarung: den Stromsektor des Irak aufbauen.

Allerdings: Sowohl Kaeser als auch Anis bluffen nur. Beide tun so, als hätten sie einen Durchbruch erzielt – dabei stecken in den Mappen nur unverbindliche Absichtserklärungen. Vielsagend, dass sowohl Siemens als auch GE zu solchen Mitteln greifen. Aber es geht auch um viel. Nämlich darum, den gesamten Stromsektor des Irak neu aufzustellen – für bis zu 15 Mrd. Dollar. Beide Konzerne wollen diesen Megadeal, egal wie. Denn beide haben ihn nötig.

Das erstaunliche Fotoduell wäre dabei eigentlich nur ein kleines Kapitel einer alten Rivalität: Siemens und GE, beide gegründet von großen Erfindern, beide legendäre Unternehmen, beide aus einer Branche, in der sich der Wettbewerb beträchtlich verschärft hat. In diesem Duell aber treten nicht nur Siemens und GE gegeneinander an, sondern auch: Deutschland und die USA.

Der Kampf um den irakischen Stromsektor zeigt, wie sich Regierungen ins Zeug legen, um Auslandsgeschäfte für die eigene Wirtschaft zu sichern – und mit welch harten Bandagen gerade die Trump-Administration kämpft. Normalerweise finden solche Auseinandersetzungen hinter verschlossenen Türen statt. Capital hat mit vielen der Beteiligten gesprochen: mit Vertretern beider Konzerne, Politikern, Diplomaten und Beamten aus Bagdad, Berlin und Washington. Viele von ihnen wollten nur unter der Zusicherung von Anonymität sprechen – weil Geschäft oder Diplomatie es erfordern.

An diesem Ringen von Siemens und GE gibt es allerdings eine weitere bemerkenswerte Seite: Der Schlagabtausch ist irgendwann nicht mehr hinter den verschlossenen Türen geblieben. Teils läuft er heute vor aller Augen – auf Social Media.

Strom für 23.000.000 Iraker

Der Startschuss für das umkämpfte Irak-Projekt fällt am 12. Februar 2018. Regierungschefs, Minister und UNO-Repräsentanten treffen sich in Kuwait, um drei Tage lang über den Wiederaufbau des Irak zu beraten. Seit der IS 2014 große Teile des Nordirak erobert hatte, tobte dort ein zerstörerischer Krieg. Ende 2017 aber erklärte Bagdad den Sieg über die Dschihadisten.

Rex Tillerson, damals US-Außenminister, wird von rund 100 Wirtschaftsvertretern begleitet. Die deutsche Delegation um Entwicklungsminister Gerd Müller ist deutlich kleiner. Dafür ist ein Schwergewicht dabei: Joe Kaeser persönlich. Der Siemens-CEO hat etwas Besonderes im Gepäck: eine umfassende Roadmap zum Ausbau des Stromsektors. Eine Initiativbewerbung. Sie sieht vor, im Irak neue Kraftwerke zu bauen und bestehende zu modernisieren, um elf Gigawatt zusätzliche Leistung zu generieren – laut Firmenangaben reicht das, um 23 der 38 Millionen Iraker zu versorgen. Ausbildungsplätze, Schulen, eine Klinik packt Siemens obendrauf.