KolumneWarum dem System Fliegen der Kollaps bevorsteht

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Zwei Nachrichten vom gleichen Tag: Auf der Pariser Air Show auf dem Flughafen Le Bourget präsentiert die Luftfahrtbranche stolz ihre neusten Zukunftsprojekte. Es geht um Elektroflugzeuge, Lufttaxis und Kerosin aus grünen Pflanzen. Rund 500 Kilometer weiter östlich, in Frankfurt, aber verkündet gleichzeitig die Gewerkschaft der Fluggebleiter ihren neusten Streik. Pünktlich zum Start der Sommerferien treten die UFO-Mitglieder an, mal wieder den gesamten deutschen Flugverkehr lahmzulegen. Das Schlimme daran: In der Branche streikt in den letzten Jahren so gut wie immer irgendwer irgendwo. Piloten in Italien, das Bodenpersonal bei uns, die Fluglotsen in Belgien. Und immer reichen kleine Aktionen aus, um ein großes Chaos zu produzieren.

Im letzten Sommer legte allerdings kein Streik, sondern eine Sicherheitspanne das zweitgrößte Drehkreuz der Lufthansa für Tage lahm. Eine einzige Dame läuft falsch durch die Kontrolle in München – und Zehntausende versäumen ihre Flüge. Es dauerte zwei Wochen bis die Lufthansa die letzten gestrandeten Koffer zustellen konnte. Und noch Tage nach dem Vorfall funktionierte der Münchner Flugbetrieb noch nicht wieder normal.

Airbus, Boeing und Co bauen immer mehr (und unterm Strich auch immer bessere) Flugzeuge. Ausnahmen wie die 737 Max bestätigen die Regel. Schon bald könnte sich der Flugverkehr noch einmal vervielfachen, wenn Tausende Flugtaxis tatsächlich den Luftraum über den großen Metropolen der Welt erobern. Das komplexe Gesamtsystem Fliegen wird aber nicht nur durch die immer höhere Zahl von Fluggeräten und Passagieren strapaziert, sondern durch viele ungelöste Widersprüche, die teilweise noch aus den wilden Anfangsjahren der Luftfahrtbranche stammen.

Jeder gegen jeden

Generell wächst die Infrastruktur am Boden nicht schnell genug mit der rapiden Expansion des Flugverkehrs mit. Es gibt in den meisten Fällen auf den Flughäfen überhaupt keine Reservekapazitäten. In Hamburg fällt eine Landebahn für ein paar Stunden aus – und in ganz Deutschland kommt es zu langen Verspätungen. In Frankfurt kommen mehrere Flüge mit großer Verspätung an – und vor den Airline-Schaltern bilden sich lange Schlangen, die sich über viele Stunden nicht wieder abbauen. In München funktioniert ein Kofferlaufband nicht und ein kleines Chaos bricht aus. Oder die ganze groteske Veranstaltung der europäischen Fluglotsen: Einige wenige höchstbezahlte Mitarbeiter melden sich in Brüssel außerplanmäßig krank und schon geht im Luftraum über Westdeutschland gar nichts mehr. Mittlerweile bietet die Flugsicherheit einem Mitarbeiter pro Tag 1800 Euro zusätzlich an, wenn er für einen fehlenden Kollegen einspringt. Seit vielen Jahren hält die Ausbildung nicht mehr mit dem Bedarf an Fluglotsen Schritt.

Die ganze Gemengelage ist (vor allem anderen) das Resultat einer vielfach zersplitterten Verantwortung. Ein einheitlicher europäischer Luftraum, aber mit sehr unterschiedlichen nationalen Behörden. Staatliche Oberhoheit für die Sicherheit am Boden, aber viele kleine private Dienstleister. Airlines, die möglichst wenig für die Benutzung der Flughäfen zahlen wollen, und Flughafenbetreiber, die auf möglichst hohe Profite hoffen. Einige sehr große Unternehmen wie die Lufthansa, aber zahlreiche kleine Gewerkschaften, die sich untereinander erbittert befehden. Mit einem Wort: Jeder gegen jeden.

Der große Traum einer innovativen und stetig wachsenden Luftfahrtbranche trifft auf das tägliche Kleinklein divergierender Interessen und Zuständigkeiten. Das kann auf die Dauer nicht gutgehen. Wir erleben vor unseren Augen den angekündigten Kollaps des Gesamtsystems Fliegen.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.