VerspätungenFluch-Hafen

Massive Panne im europäischen Flugverkehr: Bis zu 30000 Flüge sollen am Dienstag vom Systemausfall bei Eurocontrol betroffen sein – mitten im Reiseverkehr nach Ostern. Das Ausmaß ist ungewöhnlich, doch grundsätzlich sind Verzögerungen und Wartezeiten längst die Normalität an deutschen Flughäfen – Capital hat erst kürzlich in diesem Beitrag (aus der Ausgabe 02/2018) das Chaos an deutschen Flughäfen aufgezeigt:

Die Maschine nach Spanien sollte vor einer Dreiviertelstunde abfliegen. Aber noch immer steht sie am Terminal des Hamburger Helmut-Schmidt-Flughafens, weil die letzten Passagiere noch nicht an Bord sind. Als sie dann endlich abdockt, meldet sich der Pilot. „Liebe Gäste, wir bitten Sie um Entschuldigung, aber wir können nichts dafür – das geht hier seit Monaten so, Verspätungen und Chaos sind chronisch am Hamburger Flughafen.“

Drinnen im Terminalgebäude drängen sich Menschenmassen vor den Sicherheitskontrollen. Bis in die Abfertigungshallen hinein reichen die Schlangen. Bei mehr als einer Stunde Wartezeit werden manche Passagiere ihren Flug wohl nicht mehr erreichen. Der Flughafen schiebt das Chaos auf einen einzigen kaputten Scanner. Es wirkt wenig glaubwürdig, denn nur sechs Tage später stauen sich die Passagiere erneut vor der Sicherheitskontrolle.

Wer in Hamburg abfliegt, braucht starke Nerven und jede Menge Geduld. Wer hier landet, erst recht, denn am Gepäckband kann es vorkommen, dass man länger auf den Koffer warten muss, als der Flug gedauert hat. Am 5. August etwa vergingen satte drei Stunden, ehe Reisende aus dem italienischen Bergamo ihr Gepäck in der Hand hielten. Am selben Tag bekamen auch die Passagiere eines Vueling-Flugs vom Vortag ihre Koffer, die der gestresste Pilot kurzerhand wieder mit in die Luft genommen hatte, weil die Gepäckabfertiger die Maschine nicht rechtzeitig entladen hatten.

Dass es hier und da mal hakt, kommt vor in der Luftfahrt. Aber was sich seit Monaten auf einigen deutschen Flughäfen abspielt, ist absurd. Immer wieder müssen Passagiere stundenlang vor Gepäckbändern oder Sicherheitsschleusen ausharren, viele verpassen deswegen ihre Flüge oder Anschlusszüge. Vor den Ankunftshallen stapeln sich die Kofferberge. Besonders chaotisch ging es zuletzt in Hamburg, Düsseldorf und Berlin-Tegel zu, aber auch in Bremen, Stuttgart oder Köln/Bonn häufen sich Probleme.

Flüche am Telefon

Was ist nur los auf Deutschlands Flughäfen? Das fragen sich Millionen genervte Passagiere. Einer von ihnen ist Michael Müller. Fast eine Stunde lang wartete der Berliner Bürgermeister kürzlich in Tegel auf sein Gepäck, dann zückte er sein Handy – und rief Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup an. Der soll mit einem derben Schimpfwort reagiert haben.

Klaus Leßlauer kann erklären, woran es hapert: „Wir haben chronischen Personalmangel bei den Bodenverkehrsdiensten.“ Der 54-jährige Berliner, graues Haar, grauer Schnurrbart, gebaut wie Arnold Schwarzenegger, ist seit 27 Jahren Gepäckabfertiger in Tegel. „Ich würde heute niemandem mehr raten, diesen Beruf zu ergreifen“, sagt Leßlauer. Dabei hat er selbst lange Zeit seine Arbeit geliebt. Gerade weil sie so hart ist.

Angefangen hat Leßlauer im sogenannten Keller: der Sortieranlage von Tegel. Ein Förderband transportiert die Koffer vom Check-in hierher. Die Arbeiter müssen sie herunterhieven, den Gepäckzettel ablesen und die Koffer in die für die jeweiligen Flüge vorgesehenen Anhänger wuchten. Der Prozess läuft weitgehend manuell ab, eine automatische Sortieranlage gibt es nicht. Weil Tegel nach der Fertigstellung des neuen Flughafens BER geschlossen werden soll, wurde hier schon lange nicht mehr in die Gepäckabfertigung investiert.