KolumneScheitern ist nicht cool

Überall sprießen gerade diese Konferenzen aus dem Boden: „Scheitern lernen“, „Fail better“, „Siegen durch Verlieren“. Der Mut-zum-Scheitern-Hype hat die deutsche Wirtschaft erfasst.

Nun, ich wusste bis vor kurzem nicht, dass es eine Kernkompetenz sein kann, etwas in den Sand zu setzen.

Das Ganze ist vermutlich gut gemeint. Natürlich ist es eine zentrale Qualität von Unternehmern, dass sie keine Angst vorm Hinfallen haben. Und wenn es doch passiert, dann schnell wieder aufstehen. Und natürlich muss man angehenden Entrepreneuren auch vermitteln, dass es in der Regel mit dem Start-up nicht gleich beim ersten Mal klappt mit dem Super-Exit. Und klar sollte man lernen mit Niederlagen und Unperfektion umzugehen.

Hang zum Perfektionismus feiern

Ich bin mir nur nicht sicher, ob das hierzulande wirklich funktioniert. Denn ganz ehrlich: Das ist ein bisschen so, wie wenn man einem Berliner Busfahrer beibringen will, freundlich zu sein. Selbst wenn da plötzlich ein freundliches „Guten Tag“ käme – man würde denken: Irgendwas stimmt hier nicht.

Hinzu kommt: Der derzeitige Scheitern-Hype erzeugt zuweilen das Gefühl, Scheitern sei geil. Und da kann man nur sagen: Erstens ist Scheitern nicht geil. Und zweitens hat sich in Deutschland der Hang, etwas perfekt zu machen und es nicht nur irgendwie schnell mal hinzurotzen, unterm Strich als Stärke erwiesen. Und die sollte man kultivieren statt sie sich abzugewöhnen.

Lasst uns doch lieber unseren Hang zum Perfektionismus feiern! In Deutschland laufen verdammt viele Sachen verdammt gut. Die Busfahrer sind zwar nicht freundlich, aber die Busse kommen (meistens) pünktlich.

Ein schönes Beispiel in dieser Hinsicht: Der alte deutsche Textilmaschinenhersteller Artos. Er ist pleite gegangen, weil die Maschinen einfach ewig halten, es wurde Artos zum Verhängnis. Das ist natürlich irgendwie blöd. Aber: Jetzt gibt es Artos zwar nicht mehr, doch dafür eine deutsche Firma, die die Maschinen weltweit wartet.

Die eigenen Stärken kultivieren

Wie gesagt, nicht falsch verstehen: Natürlich täte es Deutschland gut, wenn Unternehmer hier nach einer Bruchlandung nicht gebrandmarkt werden. Aber es ist ja auch nicht so, dass hier in den letzten 50 Jahren keine neuen Unternehmen entstanden sind. Im Gegenteil.

Mein Punkt ist vielmehr folgender: Man sollte selbstbewusst die eigenen Stärken kultivieren, statt Attitüden zu kopieren, die gerade Mode sind. Statt uns jetzt krampfhaft den Perfektionismus abzugewöhnen, sollten wir lieber etwas daraus machen: Nämlich verdammt gute Produkte, wie in den letzten Jahrzehnten auch.

Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen: