KolumneNew Work vs. Old Work

Das Büro muss heutzutage nicht mehr der Mittelpunkt der Arbeit sein
Das Büro muss heutzutage nicht mehr der Mittelpunkt der Arbeit sein
© Getty Images

Home Office, freie Arbeitszeiten, Urlaub nach eigenem Ermessen – die Arbeitswelt ist in Bewegung. Nicht mehr nur Start-ups, auch immer mehr Großkonzerne und Mittelständler brechen gerade auf in eine neue Arbeitswelt, die radikal mit alten Strukturen bricht. New Work ist das Schlagwort der Stunde. Ein riesiges Experimentierlabor, in dem endlich verkrustete Strukturen aufgebrochen und mutig neue Dinge ausprobiert werden.

Auch in einer Redaktion und einem Verlagshaus ist das ein großes Thema. Hier bei Capital haben wir vergangenes Jahr eine Titelgeschichte über die ungewöhnlichsten Ansätze neuer Arbeitsformen in Unternehmen in Amerika gemacht. Kurzerhand kam die Idee: wenn schon darüber schreiben, können wir das Ganze doch auch mal an uns selbst versuchen. Also schafften wir für eine Ausgabe die Chefredaktion ab, planten und produzierten alles im Kollektiv ohne Hierarchien und probierten mal völlig anders zu arbeiten als bisher. Die Erkenntnisse daraus waren hochinteressant und für jeden in der Redaktion unterschiedlich.

Mein persönliches Fazit aus diesem Selbstversuch: Es geht um die richtige Balance.

Keine Frage: Alte, starre hierarchische Systeme kosten in der neuen hyperrasanten neuen Wirtschaftswelt zu viel Geschwindigkeit. Sie machen langsam. Und sie verhindern Kreativität und damit Innovationen. Aber geht es komplett ohne Chef und Hierarchien? Vermutlich auch nicht.

Frage der richtigen Balance

Alle reden über Agilität und flexible Strukturen. Manche Firmen schaffen feste Schreibtische für Mitarbeiter ab. Es soll keine Routine entstehen. Andere lösen ganze Bereichsstrukturen auf, um Silo-Denken zu verhindern. Vieles ist richtig und zweckdienlich, um die Innovationskraft zu erhöhen. Aber wir befinden uns hier derzeit noch in einer großen Experimentierphase. Wir müssen noch ausloten, wo wir Strukturen auflösen müssen, wo aber Grenzen dieser Strukturlosigkeit in Organisationen liegen. Der Grat ist eben ganz schmal zwischen kreativer Autonomie und ineffizientem Chaos.

Nächstes Stichwort: Home Office und Mobiles Arbeiten. Unbestritten, dass man im Home Office mitunter kreativer und produktiver ist als im lauten Büro, wo man dauernd abgelenkt wird. Aber es gibt bereits eine Gegenbewegung. Menschen, die fast ausschließlich remote arbeiten, beklagen sich darüber, dass sie viele wichtige Dinge nicht mehr mitbekommen, dass ihnen das Büro fehlt. Und wenn es nur die Küche ist, wo man den neuesten Office-Gossip erfährt. Auch hier also eine Frage der richtigen Balance.

Stichwort Innovation und Kreativität. Fraglos: In vielen Branchen sind Unternehmen, die sich auf dem Status Quo ausruhen, dem Tod geweiht. Die neue Wirtschaftswelt ist ein knallharter Verdrängungswettbewerb – der zu weiten Teilen über die Innovationskraft entschieden wird. Dementsprechend muss sich jedes, wirklich jedes Unternehmen strukturell und kulturell dazu befähigen. Ein bisschen Hippie-Kultur tut hier allen gut, mehr Kollaboration statt Ellbogen, Spaß und spielerische Ansätze. Aber das (Arbeits-)leben ist letztlich kein Spielplatz. Am Ende gilt trotz allem, auch in der neuen Welt: Get things done! Manchmal muss man einfach hart arbeiten, Zähne zusammenbeißen, kämpfen. Eine laktosefreie Kuschel-Welt ist eine Blase. Und ein Unternehmen muss am Ende halt auch Geld verdienen.

Geld allein macht nicht glücklich

Work-Life-Balance, Sabbaticals, Sinnhaftigkeit – speziell Bewerber aus der Generation Y machen so manchen Personaler baff im Vorstellungsgespräch, das dann tatsächlich eher zu einem Gespräch über erstaunliche Vorstellungen des Bewerbers wird. Fest steht: Diese Vorstellungen sind immer weniger monetär geprägt – und das gilt mittlerweile sogar für High-Performer-Branchen wie Unternehmensberatung. Das ist eine gute Entwicklung, weil die Menschen offenbar immer mehr verstehen, was wirklich glücklich macht (gerade auch im Arbeitsleben). Und das ist nicht Geld allein. Und Arbeitgeber akzeptieren immer mehr, was Menschen motiviert. Nämlich – auch hier – nicht Geld allein. Aber ab einem gewissen Grad gibt es ein Problem: Wenn die Antwort auf Work-Life-Balance nur noch „Life“ ist, ist es keine Balance mehr. Und vor allem macht dann keiner mehr die Arbeit.

Phasen des radikalen Wandels folgen immer einem ähnlichen Muster. Mit einem großen Knall wird das Alte für beendet erklärt und aufgebrochen. Dabei entsteht oft auch ein gewisser Hype, ein Überschießen im Ausprobieren von neuen Ansätzen – bevor es dann irgendwann etwas austarierter zugeht und in ein neues Gleichgewicht übergeht. Dieses neue Gleichgewicht ist oft eine feine Balance aus alt und neu. Diese Balance gilt es in der New Work Welt noch zu finden.

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